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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Schlafen direkt neben dem Wartesaal

26.01.2012

IMMER „Der letzte Zug am Sonntag um 23.20 Uhr war immer voll mit Bundeswehrsoldaten, die in die Kaserne nach Wildeshausen wollten“, erinnert sich Wilfried Buchholz. 16 Jahre lang war der 67-Jährige Vereinsleiter und Abfertigungsbeamter am Bahnhof Immer, der 1990 stillgelegt wurde. Eigentlich sei er ein „Mädchen für alles“ gewesen, erzählt Buchholz. Wenn eine Signallampe kaputt war, musste der Vereinsleiter sie reparieren, und auch für das Schmieren der Weichen war er zuständig.

Anfang 1966 kam Buchholz frisch von der Bundeswehr und arbeitete zunächst im Oldenburger Bahnhof. Dann aber wurde die Stelle am Bahnhof Immer frei, und Wilfried Buchholz nutzte die Chance. „Eigentlich hatte ich die Stelle nur als Sprungbrett gedacht, aber dann kam es doch anders“, erzählt der Rentner.

Er blieb in Immer und zog ein Jahr später mit Ehefrau Anne in das Bahnhofshaus direkt am Gleis. „Unser Schlafzimmer war nur durch eine Wand vom Wartesaal getrennt“, erinnert sich Wilfried Buchholz’ Ehefrau Anne (67). Und wenn morgens um 5.30 Uhr der erste Zug von Immer abfuhr, war Wilfried Buchholz schon voll im Einsatz, verkaufte Fahrkarten und informierte Fahrgäste. Zehn Jahre blieben die Buchholz’ im Bahnhofshaus in Immer wohnen, auch Sohn Jörg (39) wuchs dort auf.

Gegründet worden war der Bahnhof 1898 durch die Großherzogliche Oldenburgische Eisenbahn (G.O.E.). Am 1. Mai 1898 hielt der erste Zug am eingleisigen Bahnhof in Immer.

Vielfach sei die Zugverbindung später von Berufstätigen genutzt worden, die zu ihren Arbeitsstellen gefahren sind, sagt Buchholz, der das aus alten Unterlagen weiß.

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg habe die Zugverbindung enormen Zulauf erfahren, so Buchholz. „Da stand der ganze Bahnhofsvorplatz voll mit 100 oder 150 Fahrrädern.“ Viele Menschen hätten Arbeit in Bremen oder Delmenhorst gefunden und seien so auf den Zug angewiesen gewesen. „Das waren bedeutende Jahre Ende der 1940- und Anfang der 1950er Jahre“, meint Buchholz. 35 bis 40 Züge seien dann am Tag auf der eingleisigen Bahnstrecke gefahren. Auch Güter- und Viehtransporte und die Verladung von Expressgut habe es am Bahnhof Immer gegeben.

Einige Ereignisse sind dem 67-Jährigen bis heute im Gedächtnis geblieben, zum Beispiel als ein die Bahngleise überquerendes Auto mit einem Zug zusammenprallte oder 1975 ein Waggon aus den Gleisen sprang und dabei 400 Meter Gleisstrecke so schwer beschädigte, dass die Strecke mehrere Tage lang gesperrt werden musste.

Hochkonjunktur hatte der Zugverkehr auch während der Kohlfahrtzeit. „Da kamen Sonderzüge mit 250 Leuten aus Bremen an, die zur Kohlfahrt in den Gasthof Witte wollten“, erinnert sich Buchholz. Bis Ende der 1960er Jahre sei die Bahnverbindung gut in Anspruch genommen worden, danach habe sich das aber geändert. Da konnten auch die Kohlfahrtgäste nicht gegensteuern: „Es wurde scheibchenweise immer weniger“, bedauert der ehemalige Abfertigungsbeamte. „Es fuhren weniger Züge, irgendwann wurde dann der Güterverkehr eingestellt und der Personenverkehr reduziert.“

Als Buchholz und seine Familie 1982 den Bahnhof verließen, waren auch die Tage des Zugverkehrs in Immer gezählt: Nachdem stetig weniger Züge fuhren, löste die Bundesbahn den Haltepunkt 1988 auf. Als der letzte Zug am 28. Mai 1988 fuhr, versammelten sich einige Bürger, um Abschied von „ihrem“ Bahnhof zu nehmen und auch, um gegen die Auflösung zu protestieren. Ohne Erfolg, denn knapp zehn Jahre später, 1997, ließ die Bahn AG das leerstehende Bahnhofsgebäude abreißen. Heute liegt dort, wo einst der Bahnhof Immer und Bürstel mit dem Umland verband, der Dorfplatz.

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