• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Von Choleratropfen und anderen Favoriten

12.05.2018

Wildeshausen Wenn die alte Brennerei an den Wildeshauser Wittekindstraße dieser Tage den „Alten Wittekind“ geflaggt hat, dann hat das nichts zu tun mit der gerade abgerissenen historischen Gaststätte in Zwischenbrücken. Sondern mit einer kleinen Ausstellung, die zum Gildefest 2018 steigt: Der Brennereiverein hat in alten Betriebsunterlagen der Kornbrennerei Kolloge geforscht um herauszufinden, welche Spirituosen in den vergangenen 170 Jahren den Wildeshausern am liebsten waren. Und da kommt man um den Alten Wittekind nicht herum.

1850 bis 1900

In der Zeit lange vor Tablet, Fernseher und Kino spielten sich in der Stadt Wildeshausen mit ihren rund 2000 Einwohnern die gesellschaftlichen Attraktionen vor allem in den vielen Gaststätten ab. Beispiel Gasthaus „Zum Bremer Schlüssel“ (Huntestraße 40/42): Der Klub des Liebhabertheaters Thalia organisierte Theateraufführungen, die Liedertafel Sängerfeste, der Bürgerliche Verein Vorträge, reisende Zauberer oder Artisten zeigten Vorführungen. Ein „Saal-Füller“: die etwa jährlich stattfindenden Gastspiele der Böhmischen Bergkapelle unter Leitung von Direktor Johann Heim.

Was auf den Tisch kam, verrät ein Rezepte-Buch von 1876: Neben „einfachem Korn“ und „doppeltem Korn“ konnte der zahlungskräftigere Gast auch „Nordhäuser Korn“ bestellen – benannt nach der frühen Brennereien-Hochburg Nordhausen in Thüringen, aber aus Wildeshauser Alkohol und einer Essenz zusammengestellt. Manch andere der insgesamt 30 Produkte sind heute nicht mehr bekannt, wie „Danziger Tropfen“ (mit 16 Gewürzen), „Choleratropfen“ (zehn Gewürze) oder „Halber Hund“ (ein Mixgetränk mit Mampe).

Was auffällt: Die eindeutig meisten Erzeugnisse waren hochprozentig. Rum zum Beispiel wurde mit 50, 60 und 70 Alkoholprozenten angeboten – unverdünnt sicher schwer durch den Hals zu bekommen. Und: Die Produkte waren, wohl auch bedingt durch die noch moderate Besteuerung per Maischraumsteuer, vergleichsweise günstig. 1886 hatte ein Wirt für einen 32-prozentigen Korn 57 Pfennig hinzulegen. Pro Liter, versteht sich.

1900 bis 1939

In die Wildeshauser Gaststätten zog um die Jahrhundertwende der Fortschritt ein. So lockte der Bremer Schlüssel ab 1895 mit einer Lichtanlage, ab 1904 mit einem Grammophon samt Platten, ab 1906 mit einer „Closettspülung“ und mit einem Theatro-Kinematograph (Kino-Vorläufer, später entstanden hier die „Wildeshauser Lichtspiele“). Die Einwohnerzahl wuchs in Richtung 3000.

Bereits 1898 hatte Wilhelm Kolloge sich einen Namen für den Wildeshauser Korn gesichert. „Alter Korn Wittekind“ sollte der heißen, eine Zeichnung des Sachsenherzogs wurde für ein Etikett in Auftrag gegeben. Auch hier zeigte sich die Nachfrage nach Hochprozentigem: Der „AKW“, fortan über Jahrzehnte in Wildeshausen ein Begriff, hatte 38 Prozent Alkohol. Auch Spezialbrände („Wittekind A“, „Wittekind Burgbrand“) entstanden. Daneben kamen auf den Tisch: Apricot Brandy, Blutorange, Boonekamp, Cacao mit Nuß, Mokka, Kirschlikör, Deutscher Rum. Keines der Produkte hatte weniger als 30 Prozent Alkohol.

Ab 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg weitete sich die Produkt-Palette aus: Zucker, in Kriegszeiten rationiert, war gefragt. Süßer Zitrone-Eis-Likör, Cherry Brandy, Eierlikör, Apricot Brandy, Mocca-Kirsch oder Curacao, später unter anderem auch das Kult-Getränk Saurer mit Persico eroberten den Markt. Allmählich machten sich zwei neue Trends bemerkbar: sinkende Alkoholgehalte und (wegen höherer Besteuerung) steigende Preise.

Die kleine Ausstellung ist zu sehen bei zwei Führungen am Pfingstsonntag, 20. Mai, um 14 Uhr und um 15 Uhr. Eintritt: 3 Euro (Kinder sind frei).


Mehr Infos unter   www.brennerei-museum-wildeshausen.de 

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.