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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Eine Revolution im Kleinstadt-Format

23.11.2018

Wildeshausen Die Revolution 1918/19 – sie ist in Wildeshausen wahrlich in geordneten Bahnen verlaufen. Der mörderische Erste Weltkrieg war vorbei, die Menschen waren des Kaiserreichs oft überdrüssig, der Ruf nach Demokratie wurde zusehends lauter. Und doch wurde in jenen Tagen, als Matrosenaufstand und der Sturz der Monarchie ganz Deutschland aufwühlten, in der ländlichen Kleinstadt an der Hunte die Etikette gewahrt. Am 8. November 1918 ließ der Soldatenrat, vermutlich des Ahlhorner Luftschiffhafens, die rote Flagge hissen. Tags darauf wurde sie aber schon wieder ordentlich abgehängt. Schließlich hatte das Staatsministerium aus Oldenburg doch mitgeteilt, dass eine rote Flagge an Staatsgebäuden unzulässig sei. „Das ist schon eine gediegene Revolution“, kommentierte Peter Heinken diese Episode in seinem Vortrag „Vom Kaiserreich zur Republik – Die Novemberrevolution 1918/19 in Wildeshausen“.

Politischer Umbruch

Vor rund 30 Zuhörern im Rathaussaal widmete sich der frühere Grundschullehrer und akribische Heimathistoriker am Mittwochabend einem ebenso spannenden wie weithin unbekannten Kapitel der Wildeshauser Geschichte. Auf Einladung des Bürger- und Geschichtsvereins Wildeshausen stellte er vor, wie die Revolution vor Ort „tobte“. Wer den Sturm auf Barrikaden erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der Wechsel vom autoritären Kaiserreich zur demokratischen Weimarer Republik, vom brutalen Krieg zum ersehnten Frieden, geschah vergleichsweise „ohne Störung“, so schrieb damals die Wildeshauser Zeitung, eine der wichtigsten Quellen für den Vortrag von Heinken.

Doch die große Neuerung dieses politischen Umbruchs, die Räte, rauschte auch an Wildeshausen nicht vorbei. Am 10. November 1918 wurde im Müllerschen Saal am Westertor ein „Arbeiterrat“ mit sechs Mitgliedern gewählt. „Sie betrachteten sich als Inhaber der obersten Gewalt im Amtsbezirk Wildeshausen“, so Peter Heinken. Selbst der Wildeshauser Bürgermeister nahm da Haltung an.

In seinen Grundsätzen war der Arbeiterrat revolutionär gestimmt – zumindest auf dem Papier. Jeder Vorgesetzte sollte auf Verlangen den Arbeiterrat unterstützen. Die Gendarmerie wurde zum ausführenden Organ des Rates erklärt. Weitere markante Punkte: Es sei „strengste Pflicht, Ruhe und Ordnung zu halten. Denunzianten und Personen, die seinen Anordnungen entgegenarbeiten, werden standrechtlich abgeurteilt“. Der Arbeiterrat wollte für die Erhöhung der Löhne und Gehälter sorgen sowie für bessere Lebensmittelversorgung und Bekleidung.

Filmverbot

Die Bestimmungen gingen der neuen Regierung in Oldenburg denn doch zu weit. Der Arbeiterrat sei bei seinen Formulierungen wohl von unrichtigen Voraussetzungen ausgegangen, hieß es mahnend aus der Landeshauptstadt. Die praktische Arbeit des Rates gestaltete sich weit weniger spektakulär, als es die Schärfe der Grundsätze vermuten ließ. Eine der ersten Amtshandlungen war das Verbot des Films „Unser Helden an der Somme“ im Kino von Wilhelm Kolloge. Diese Stummfilm aus dem Jahre 1917, der der Propaganda diente, war in Wildeshausen nicht mehr erwünscht.

Bei der Bewältigung des Alltags zu helfen: Darum kümmerte sich der Arbeiterrat, das war seine Aufgabe angesichts knapper Nahrungsmittel und einer vom Krieg ausgemergelten Gesellschaft. Ab 1919 agierte der Arbeiterrat mit dem Stadtrat und Magistrat ohne Probleme. Dagegen hakte es im Zusammenspiel mit dem Amt Wildeshausen. Der Knackpunkt: Wer trägt die Kosten des Arbeiterrates? Das Problem erledigte sich letztlich im Laufe des Jahres 1919, als die Strukturen der neuen Weimarer Republik langsam die Räte verdrängten.

Der Begriff „Arbeiterrat“ war so eine Sache in Wildeshausen. Tatsächlich gehörten ihm mindestens zwei Handwerksmeister, somit Vertreter des Bürgertums, an, womöglich sogar drei. Dazu kamen drei „klassische“ Arbeiter. Das Gremium stand auf der Seite der Republik, es trat für die parlamentarische Demokratie ein.

Gegner der Republik

Den Weg zur Republik gingen nur anfangs viele Wildeshauser mit. Das belegte Peter Heinken eindrücklich anhand der Zahlen der vier Wahlen zwischen Januar 1919 und Juni 1920. Bei der Wahl zur Nationalversammlung war die Weimarer Koalition (SPD, die liberale DDP und das katholische Zentrum) noch auf 65 Prozent im Amt Wildeshausen gekommen. Nur anderthalb Jahre später lag der Anteil gerade noch bei 34,7 Prozent. Dabei gab es zwischen Stadt- und Landgemeinde Wildeshausen ein starkes Gefälle. Auf dem Land kamen die Republikanhänger schon 1920 nur noch auf rund ein Drittel der Stimmen, in der Stadt auf zwei Drittel. „Der Abmarsch nach rechts begann“, so Heinken.

Volkswehr und Gilde

1919 wurde in Wildeshausen immer wieder zu Versammlungen aufgerufen, in denen Soldaten oder Freiwillige für Regierungstrupps oder Freikorps geworben werden sollten. Doch die Resonanz blieb in der Stadt eher schwach, wie Heinken berichtete. Als der Freistaat Oldenburg zur Bildung einer Volkswehr aufrief, kam es in Wildeshausen zu einer speziellen Idee. Man wollte die neue Wehr aus der Gildeorganisation entwickeln. „Dieser Gedanke setzte sich jedoch nicht durch“, so Heinken.

Trotz Wirtschaftsnot und Kriegsfolgen: Feste, Konzerte Tanz und Turnvorführungen waren an der Tagesordnung. Der Regierung in Oldenburg war das Treiben ein Dorn im Auge und sie rief zur Mäßigung auf. Nicht länger sollte ein Vergnügen auf das nächste folgen.

An den knapp 90-minütigem Vortrag schloss sich eine fast halbstündige Diskussion an, in der es lebhaft um die Bewertung der Rolle der Räte und den Begriff Demokratie ging. Zweimal gab es starken Applaus für den überzeugenden Vortrag von Peter Heinken über eine Revolution in Wildeshausen, die ganz im Stil einer Kleinstadt verlief.

Ulrich Suttka
Stv. Redaktionsleitung, Großenkneten/Dötlingen
Redaktion Wildeshausen
Tel:
04431 9988 2702

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