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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Wirtschaft

Schminken mit geschlossenen Augen

16.10.2017

Wildeshausen „Möchten Sie einen Kaffee?“ ruft Erika Lindemann quer durch den Flur und holt schon Tassen aus dem Schrank. Nach meinem „Ja, gerne. Wenn’s geht mit Milch und Zucker“ bringt Erika Lindemann alle Utensilien ins Wohnzimmer an den Esstisch. Soweit, so gut. Alltag. Normalität. Nichts Besonderes. Ist es aber doch. Erika Lindemann ist fast blind. „Schnelle Bewegungen kann ich noch wahrnehmen und schemenhaft einige Umrisse, Lichtunterschiede. Mehr nicht“, erzählt die 55-Jährige.

Kaffeetassen durch die Wohnung balancieren kann sie, weil sie diese und ihre „geordnete Unordnung“ in- und auswendig kennt. Und auch, weil sie sich nicht unterkriegen lässt. „Ich will mir ein Stück meiner Selbstständigkeit erhalten und Alltägliches machen, solange es geht.“

Viele Gesichter

Erika Lindemann hat Multiple Sklerose (MS), das ist eine chronisch-entzündliche Krankheit, die das zentrale Nervensystem betrifft. Bei Lindemann kam die Diagnose vor 31 Jahren. „Unsere Tochter konnte noch nicht richtig laufen“, erzählt die Mutter von zwei Kindern. Der Sohn ist inzwischen 35 Jahre alt. „MS ist die Krankheit der vielen Gesichter“, klärt Lindemann auf. Einige Betroffene sitzen im Rollstuhl, wieder andere bekommen Sprachstörungen oder Muskelspasmen. Bei ihr schlug die Krankheit aufs Augenlicht. Und die Qualität dessen verändert sich bis heute ständig. „Bis ungefähr 2003 bin ich noch Auto gefahren. Dann wurde es zu gefährlich“, ist Lindemann ein wenig wehmütig. Autofahren und die damit verbundene Unabhängigkeit und Freiheit habe sie sehr geliebt. Jammern will Lindemann trotzdem nicht. Sie findet, es gibt viel Schlimmeres. „So eine Diagnose muss man annehmen. Ich habe mal einen Spruch gehört, der ging so: Multiple Sklerose heißt: Mach selbst! Und so ist es.“

Ihr Smartphone hilft Lindemann bei vielen alltäglichen Dingen: Termine in den Kalender durch Sprachsteuerung eintragen, per Whatsapp mit ihrer Familie Kontakt halten und Musik hören. Alltag bedeutet auch, sich morgens zu duschen, anzuziehen, Haare zu föhnen und vielleicht ein wenig Make-up aufzulegen. Geht das überhaupt?

„Ich habe mich nie viel geschminkt, mochte es immer lieber dezent. Meine Wimpern sind leider sowieso sehr kurz. Aber Lipgloss lege ich ganz gern mal auf“, berichtet Lindemann und zückt einen hellrosa Stift. Und per Handy hat sie Zugriff auf einen Youtube-Channel. „Da gibt eine Sehbehinderte Tipps und erklärt ganz genau, wie man sich im Schminken übt.“

Auf geht’s!

Ich habe ein paar Schminksachen zu Erika Lindemann mitgebracht – Mascara, Lippenstift, Rouge und Puder. Damit versuche ich jetzt, mit geschlossenen Augen ein Tages-Make-up aufzulegen. Neben mir sitzt Frau Lindemann und trägt gekonnt ihr Lipgloss auf. Ich nehme also auch einen Lippenstift in die Hand, ziehe die Kappe ab und führe ihn Richtung Mund. Erika Lindemann gibt mir den Tipp, die Lippen geschlossen zu lassen und den Stift dazwischen einzuklemmen. Aber mein Lippenstift hat eine andere Form. Also entscheide ich mich doch, den Mund leicht zu öffnen und erst Unter-, dann Oberlippe zu schminken.

Es fühlt sich so an, als würde ich leicht an den Mundwinkeln übermalen, aber da ich quasi Lippenbalsam-abhängig bin, ist das eine Aufgabe, die mir liegt. Das Ergebnis kann ich mir allerdings nicht anschauen sondern muss darauf vertrauen, dass ich nicht aussehe wie ein Clown.

Jetzt ist die Wimperntusche an der Reihe. Ich öffne sie und streiche den Applikator am Rand ab – „Ha!“, denke ich. „Schon geschummelt.“ Ich hatte beim Öffnen des Tiegels hingeschaut. Nicht mal das wäre im Grunde möglich. Also auf ein Neues: Ich fummle an dem Schraubverschluss, das Abstreichen erspare ich mir – und meinen Fingern. Die Augen lasse ich geschlossen, setze das Bürstchen ganz langsam und vorsichtig am Wimpernkranz an und ziehe es durch die einzelnen Härchen. Soweit klappt das besser als erwartet. Aber das war das rechte Auge. Ich bin Rechtshänderin. Das linke Augen zu schminken ist trickreicher. Und schon habe ich einen schwarzen Streifen unterm Auge. Gut, dass ich Wattepads eingepackt habe. Für später, wenn ich mich sehenden Auges abschminken kann.

Große Herausforderung

„Wahnsinn“, denke ich. Es ist mir bewusst, dass ich mit diesem kleinen Versuch nicht einmal ansatzweise nachstellen oder nachfühlen kann, wie es ist, seine Umwelt nur verschwommen oder gar nicht sehen zu können. Ich trage selbst eine Brille, aber mit minus zwei Dioptrien habe ich keinerlei Ahnung, wie es ist, blind zu sein. Außerdem ist mir klar, dass es für blinde Menschen größere Probleme gibt, als Make-up aufzulegen. Trotzdem: Auch für Nicht-Sehende und vielleicht vor allem für diejenigen, die erst im Laufe ihres Lebens ihr Augenlicht verloren haben – so schätze ich – bedeutet es ein Stück Lebensqualität, wenn sie sich weiterhin hübsch machen können. Und da wächst meine Bewunderung für Erika Lindemann, die verschmitzt lächelnd gerade fragt: „Wie seh’ ich eigentlich auf dem Kopf aus? Hab ich meine Frisur heute morgen einigermaßen gut hingekriegt?“

Imke Harms
Volontärin, 2. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

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