Oldenburg - Der norwegische Nationalkomponist Edvard Grieg war verheiratet mit der Sopranistin Nina Hagerup, die Griegs teilweise für sie geschriebene Lieder sang und so maßgeblich zur deren Verbreitung beitrug. Griegs ambitioniertestes Liedprojekt war sein einziger Liederzyklus „Haugtussa“.
Wenn nun die am Staatstheater derzeit gefeierte Mezzosopranistin Ann-Beth Solvang den berühmten Liederzyklus ihres Landsmannes in den Mittelpunkt ihres Programms anlässlich des 1. Liederabends der Saison im Kleinen Haus stellte, dann begab sie sich damit in einen Wettstreit mit den ganz großen Interpretinnen der Haugtussa-Lieder: Neben Nina Hagerup sind das vor allem Kirsten Flagstad und Anne Sofie von Otter.
Innige Traumwelt
Solvang zeigte, daß man die insgesamt acht Lieder über das Mädchen in den Bergen, die weitab der Zivilisation als Sennerin arbeitet, erfolgreich anders gestalten kann. Der Dichter Arne Garborg schilderte das Wesen des Mädchens bewusst so, wie er sich das norwegische Volk vorstellte: Verträumt, aber zupackend, weltfern, aber innig verbunden mit den Tieren und der ganzen Natur. Dazu begabt mit einem inneren Sinn und vertraut mit Märchen- und Fabelwesen. Ann-Beth Solvang und ihr kongenialer Begleiter am Flügel, Guiseppe Barile, wussten diese Traumwelt und diese Atmosphäre des Naturmystischen gemeinsam mit der Karg- und Schlichtheit des geschilderten Lebens zu berückenden poetischen Bildern zu erwecken. Die imponierende Stimme der Mezzosopranistin tat ein übriges, Liebeswunsch und Liebestrauer des Mädchens im gesteigerten Ausdruck zu beglaubigen. Der köstlich übermütige und ausgelassene „Tanz der Zicklein“ diente ein zweites Mal als hochwillkommene Zugabe und enthusiastisch gefeierter Abschluss eines durch und durch mitreißenden und überzeugenden Auftritts.
Feine Töne
Auch die weiteren Lieder von Mahler, Strauss, Schönberg, Berg und Francesco Santoliquido bewegten sich thematisch im Reich von Tagtraum, Sorge, Ahnung, Begehren und Todessehnsucht. Die Auslotung des seelischen Reiches mit all den feinen Zwischentönen und den Überschneidungen konkurrierender Gefühle machte der Interpretin sichtlich Freude. Sie nahm sich die Freiheit, das eine scharf zu pointieren, das andere zart anzudeuten. Die Textvorlagen wie die schöne Interpretation atmeten den Geist einer überlegenen künstlerischen Freiheit, die nie willkürlich wirkte. All das wurde getragen von einem dankbaren und teils wirklich enthusiastischen Auditorium, für dessen Begeisterung sich die sympathische Sängerin mehrmals ganz ungekünstelt und spontan bedankte.
