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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Bildung

Geistig Behinderte In Oldenburg           : „Inklusion ist ein langer Prozess“

17.06.2015

Oldenburg „Frau Vogel, ich war schon wieder schwimmen.“ Andreas ist stolz. Andreas hat ein Seepferdchenabzeichen. Andreas kann alleine Busfahren und weiß, dass er nur bei Grün über die Straße gehen darf. Andreas ist 50 Jahre alt. Er war ein besonderes Kind. Und er hat eine besondere Schule besucht. Die erste ihrer Art in Oldenburg.

„Geistig Behinderte beschulen – das kann keiner, hieß es“, sagt Elisabeth Vogel, trinkt Kaffee und guckt aus dem Fenster. 34 Jahre hat sie das Gegenteil bewiesen. Inzwischen ist sie pensioniert. Hinter den Glasscheiben, auf dem Pausenhof, toben Kinder. Manche sitzen im Rollstuhl, einige sind etwas klein, andere ein bisschen zu langsam für ihr Alter. 125 Jungen und Mädchen mit geistiger Beeinträchtigung lernen in der Schule an der Kleiststraße lesen, schreiben, rechnen, schwimmen, einkaufen und telefonieren. Seit 50 Jahren ist das, was einmal niemand für machbar gehalten hat, in Oldenburg möglich: An diesem Sonnabend feiert die erste Förderschule für geistige Entwicklung der Stadt Jubiläum. Die Lehrerband singt „Ein Hoch auf uns“ von Andreas Bourani, und in der Pausenhalle wird ein Rückblick hängen – in graue Vorzeiten.

Die Geschichte der Schule beginnt mit einer großen Idee: Kindern, die bislang zu Hause versteckt oder zu einem Leben in Abhängigkeit verdammt waren, eine Tür in die Gesellschaft zu öffnen.

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Das erste Kapitel der Geschichte beginnt in einer Baracke, einem Flüchtlingsauffanglager an der Brüderstraße: zwei Notzimmer für 24 Kinder, unterrichtet von Erzieherinnen. Mehr Platz gab es 1965 für Menschen mit Behinderung nicht.

„Ein völlig neues Problem, 20 Jahre nach dem Krieg. Die Nazis hatten ja fast alle umgebracht“, sagt Elisabeth Vogel. Sonderschullehrer gab es damals kaum. Wer geistig Behinderte unterrichten wollte, brauchte eine Zusatzausbildung. Und arbeitete dann in Ballungsgebieten, wie Hamburg und Berlin. Von dort wurde schließlich auch eine Fachfrau angeheuert: Aufgewachsen in einer Oldenburger Lehrerfamilie, groß geworden mit einem behinderten Nachbarskind, hatte sie sich in Hannover ausbilden lassen und freute sich, in die Heimat zurückkehren zu können.

Wie viele Steine sie dabei beiseite räumen müsste, ahnte sie nicht: Eine staubige Obergeschosswohnung am Bahnhof, keine Bänke und Pulte, keine Tafel, keine Toilette, kein Spielplatz. Und das einen Tag vor Ende der großen Ferien. Irgendwie hatte die Schulbehörde vergessen, dass da diese Frau aus Berlin jetzt Kinder unterrichten will, die so anders als alle sind.

Gegen Vorurteile hat sie gekämpft. Sie hat geputzt, gefordert und schließlich gewonnen. Hat Kindern mit Down-Syndrom und Autisten beigebracht, Straßennamen zu lesen und Einkaufslisten zu schreiben. Später ist Oldenburgs erste Lehrerin für geistig Behinderte mit ihren Schützlingen aus der schmutzigen Wohnung in das große weiße Haus am Pferdemarkt gezogen. Wo sich heute Verliebte das Ja-Wort geben, wurde sie Schulleiterin. Statt in der Baracke an der Brüderstraße konnten auch die Erzieherinnen hier unterrichten. Drei Klassen gab es – viel zu wenig.

„Barrierefrei und behindertengerecht war das alles nicht“, sagt Martina Stodiek, schenkt Elisabeth Vogel Kaffee nach und erzählt von ihrem ersten Praktikum an der Schule am Pferdemarkt, den knarrenden Holzdielen und der kleinen Hafize, die zum Unterricht gelaufen ist, wenn es draußen hell wurde. „Schülerbeförderung gab es Anfang der 70er nicht“, sagt sie. 45 Jahre später hat Martina Stodiek viele Klassenfahrten samt Rollstühlen begleitet. Heute leitet sie die Schule an der Kleiststraße, die erst seit dem letzten Umzug so heißt. Auf dem Weg galt es Hürden zu überwinden und Ideale zu verteidigen: das Recht auf Bildung für jeden Menschen.

„Inklusion ist ein langer Prozess“, sagt Martina Stodiek. Dass es an der Kleiststraße heute einen Pausenhof mit Schaukeln und Rutschen, automatischen Türen, therapeutisches Reiten, Ganztagesunterricht und eine Jubiläumsfeier gibt, würde ihre 94-jährige Vorgängerin freuen. Eine Einladung zum Fest haben ihr die früheren Kollegen geschickt, altersbedingt wird sie wohl nicht kommen.

Von bewegten Jahren können auch Martina Stodiek, Elisabeth Vogel und ihre Mitstreiterinnen erzählen. Die Helden heißen Hafize und Andreas. Weil sie nach zwölf Jahren Unterricht an roten Ampeln stehen bleiben, ihr Seepferdchen machen, alleine Busfahren, manchmal sogar zur Arbeit. „Wir haben hier die Zeit für besondere Kinder“, sagt Martina Stodiek. Heute dürfen Menschen wie Andreas auftauchen.

Oldenburger Schulen
Profile aller weiterbildenden Schulen in Oldenburg. Welche Schule passt am Besten?

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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