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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Bildung

„Ich wollte nur Frieden und Freiheit“

28.06.2014

Oldenburg Es klingt zunächst wie eine spannende Geschichte, wenn er von seinem Weg nach Deutschland erzählt. Länder, Menschen, Abenteuer? Von wegen. Flucht, Tortur und Leid wären die Schlagworte, schriebe man ein Buch darüber. Aber auch Happy End. Mit 13 Jahren floh Martin Qassemi aus Afghanistan. Heute, mit 21, hat er in Oldenburg wieder ein Zuhause.

„Wie viel Platz haben Sie?“, fragt der junge Mann, wenn man ihm nach seinem Lebenslauf fragt. Es folgt die kaum zu fassende Beschreibung einer Flucht, die mit der Verfolgung seiner Volksgruppe, den Hazara, durch die Paschtunen in Afghanistan begann. Seine gesamte Familie hatte Qassemi in den Auseinandersetzungen verloren. Zu Fuß oder mit Lastwagen voller Flüchtlinge führte sein Weg über Pakistan und Iran in die Türkei.

Es folgen abenteuerliche Menschenschmuggel-Episoden: Mit dem Schlauchboot nach Griechenland, per Lastwagen nach Italien, ein Beinbruch, bei dem er zuletzt den Gips selbst entfernte. Frankreich, England, plötzlich wieder Griechenland. Dazwischen immer wieder Verhaftungen, Gerichtstermine, bei denen Qassemi kein Wort verstand, und Abschiebungen.

Der 21-Jährige streut hier und da flapsige Sprüche in seine Schilderungen. Humor hilft als schützende Barrikade vor dem Unaussprechlichen. Doch man merkt schnell, dass er wahre Horrorgeschichten erzählen könnte. Von menschenverachtenden Uniformierten, von Misshandlungen hinter Gittern, von unfassbarem Leid. „In Griechenland habe ich miterlebt, wie in der überfüllten Zelle ein Neugeborenes gestorben ist. Die Mutter hat die ganze Nacht geweint, niemand hat sich um sie gekümmert.“

Martin Qassemi hatte nach einer weiteren Odyssee quer durch Europa, die ihn schließlich nach Deutschland führte, endlich einmal Glück. Als er in Hannover-Langenhagen einsaß, setzte sich ein Anwalt für den damals noch Minderjährigen ein. Endlich wurde ein Asylantrag eingereicht, endlich gab es die Chance eines legalen Aufenthalts. Qassemi war 15 Jahre alt, als er in Oldenburg im damaligen Asylbewerberheim Blankenburg landete.

Hier kam Ruth Bensmail ins Spiel. Martin Qassemi nennt sie ganz selbstverständlich Mama, obwohl eine echte Adoption nicht möglich war. Emotionale Bindung schlägt Bürokratie und Biologie. Die Oldenburgerin traf durch ihre ehrenamtliche Arbeit in der Kirchengemeinde Osternburg auf den Jugendlichen ohne Familie. Sie nahm ihn unter ihre Fittiche und später ganz bei sich auf – zu ihrer großen Freude mit dem Segen ihrer drei leiblichen Kinder.

Seit dem ist viel passiert. Qassemi ließ sich taufen und nahm den christlichen Namen Martin an. Obwohl er als Kind kaum in der Schule war und bei seiner Ankunft kaum Deutsch sprach, kämpfte er sich durch Vokabeln, Grammatik, die Grundlagen der Mathematik und mehr. Nach dem Haupt- und Realschulabschluss in Kreyenbrück besucht Qassemi nun das Herbartgymnasium und strebt 2015 das Abitur an.

„Ich wollte nur Frieden und Freiheit.“ Beides hat er gefunden. Nun sucht er nach der Zukunft. Studieren möchte er und – man kann es kaum glauben nach seinen Erfahrungen mit einigen rassistischen und brutalen Gesetzeshütern – Polizist werden. „Ich habe auch viele nette Polizisten kennengelernt, die sehr menschlich waren.“ Qassemi scheint ein Talent dafür zu haben, zwischen allen Schwierigkeiten bei den positiven Dingen des Lebens Halt zu finden.

Dieses Gemüt kann sich noch als nützlich erweisen für die nächste Hürde: der deutsche Pass. Trotz seines schulischen Engagements, trotz familiärer Unterstützung hält die Bürokratie das ersehnte Dokument noch zurück. Es wäre die finale Garantie, dass keine Abschiebung mehr droht. Denn weg aus Oldenburg, von seiner Familie, will Qassemi keinesfalls. „Ich fühle mich hier zu Hause.“


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Patrick Buck Redakteur / Redaktion Oldenburg
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