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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

Mindestens 84 weitere Opfer durch Serienmörder Högel

29.08.2017

Oldenburg Der Klinikmörder Niels Högel (40) hat in Oldenburg und Delmenhorst mindestens 90 Patienten getötet. Das hat die Sonderkommission „Kardio“ in knapp dreijähriger Ermittlungsarbeit herausgefunden. „Die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen konnte, erschrecken noch immer – ja, sie sprengen jegliche Vorstellungskraft“, sagte Polizeichef Johann Kühme am Montag auf einer Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft im Alten Landtag von Oldenburg.

Die Ermittler gehen davon aus, dass diese 90 Taten nur „die Spitze des Eisberges“ darstellten. Es dürfte viele weitere Fälle geben, die nicht mehr nachgewiesen werden können: Mehr als 130 Patienten, die während der Dienstzeiten Högels als Krankenpfleger starben, wurden im Anschluss feuerbestattet und konnten daher nicht rechtsmedizinisch untersucht werden. „Wir werden niemals alles wissen“, hatte Kühme deshalb wiederholt betont.

Die Soko „Kardio“ geht davon aus, dass Högel seinen ersten Patientenmord im Februar 2000 im Klinikum Oldenburg begangen hat, um sich als heldenhafter Retter aufzuspielen zu können. Mindestens 35 weitere Morde folgten, bevor Högel im Dezember 2002 ans Klinikum Delmenhorst wechselte. Dort tötete Högel bis zu seiner Entdeckung im Sommer 2005 mindestens 54 weitere Patienten. Als Mordwerkzeug nutzte Högel insgesamt fünf verschiedene Medikamente, die er den schwerkranken Patienten heimlich spritzte.

Hinter den Ermittlern liegt eine Mammutaufgabe: Insgesamt werteten die bis zu 15 Beamten der Soko „Kardio“ in den vergangenen drei Jahren 500 Patientenakten aus und leiteten 332 Strafverfahren wegen Mordverdachts ein. Allein 10 000 Arbeitsstunden fielen bei den Exhumierungen an: Insgesamt mussten die Ermittler 134 Leichen auf 67 Friedhöfen ausgraben.

Hintergrundreportage zum Fall Niels Högel

Überprüft hat die Polizei auch 800 Einsatzprotokolle aus dem Rettungsdienst in Ganderkesee, wo Högel zwischen 2002 und 2005 neben seiner Arbeit im Klinikum Delmenhorst arbeitete. Die Ermittler fanden in den Akten elf „konkrete Verdachtsfälle einer Vergiftung“. Da die Patienten die Spritze aber überlebten und es sich damit strafrechtlich um Fälle von Körperverletzung handelte, kann Högel wegen dieser Taten nicht mehr belangt werden: Körperverletzung verjährt.

Keine Tatnachweise fand die Soko im St.-Willehad-Hospital Wilhelmshaven, wo Högel von 1994 bis 1999 angestellt war, und im Rettungsdienst der Stadt Wilhelmshaven, wo er von 1998 bis 2000 und später noch einmal im Jahr 2008 arbeitete. 2007/08 war Högel zudem in Altenheimen in Wilhelmshaven und Friedeburg beschäftigt; auch dort fanden die Ermittler keine Hinweise auf Verbrechen.

Der Fall Högel ist aber nicht nur ein Mordfall – er ist auch ein Fall von menschlichem Versagen in Behörden und Klinikleitungen. Polizeichef Kühme betonte: „Die Morde hätten verhindert werden können, wenn in den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst den früh aufgetauchten Verdachtsmomenten nachgegangen worden wäre.“ In beiden Häusern habe es frühzeitig deutliche Warnsignale gegeben.

Versäumnisse hat es zudem bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg gegeben, die die Ermittlungen trotz Drängen der Polizei jahrelang nicht vorangetrieben hatte. Das hat Folgen: Hätten die Rettungsdienstprotokolle früher überprüft werden können, wären die Körperverletzungen jetzt nicht verjährt.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) reagierte bestürzt auf die neuen Erkenntnisse. „Dass diese Fälle erst jetzt ans Licht kommen, zeigt, wie unglaublich schwer solche Morde zu ermitteln und zu belegen sind“, sagte er der NWZ. Gröhe warnte, von diesem Fall auf grundlegende Missstände in Krankenhäusern zu schließen. „Ich warne vor einem Generalverdacht gegen all unsere Pflegerinnen und Pfleger, die sich tagtäglich für andere einsetzen – hier geht es um ein geplantes Verbrechen eines Einzelnen“, so der CDU-Politiker.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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