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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

Warum der Teufel das Fluchtauto lenkte

12.09.2017

Oldenburg Diese wenigen Minuten hinterm Lenkrad – als er auf seinen Bruder, dessen Kumpanen und rund eine Million Euro wartete – seien ihm „wie ein Jahr“ vorgekommen, sagt er. Was ihm all die Warterei letztlich gebracht hat? Nun. Sechs Jahre. So verfügte es zumindest der Richter im Urteilsspruch.

Hier sitzt er nun also in seinem weißen Shirt vor weißer Wand. Nicht gerade wie ein Häufchen Elend – aber doch wie einer, der sich des Grunds seiner Inhaftierung bewusst geworden ist, vielmehr dessen bewusst gemacht wurde. Die Schultern hat Stefan Strotzel (Name von der Redaktion geändert) weit über den breiten Nacken gezogen. Seine Ellen sind angewinkelt, die Arme dennoch ausgebreitet, die Handinnenflächen weisen gen Decke. „Ich schäme mich“, gibt er durchaus glaubwürdig zu Protokoll, „Sehr. Nein, also wirklich sehr.“

Strotzel ist mittlerweile 32. Als er noch 28-einhalb war, hatte er wohl ziemlich gutes Geld verdient, wie er selbst sagt. „Ich bin Maurer – das waren 2000 Euro netto Gehalt. Nebenbei hatte ich aber noch einmal so 3000 Euro gemacht. Das machen alle Maurer. Ich habe nur fürs Geld gearbeitet.“ Zumindest bis zum Winter 2013. Als sein Arbeitgeber keine Aufträge mehr hatte, stellte er ihn bis zum Frühjahr frei. „Und dann fing das alles an“, sagt Strotzel.

Diese Multimedia-Reportage zeigt, wie Sie sich vor Einbrechern schützen können

Das alles? Zu Hause war die Verlobte. Da war aber auch der mittellose Schwager, dem er helfen sollte, Arbeit zu finden. Beide wohnten bei und mit ihm. Für beide achtete Strotzel nicht aufs Geld. Kaufte Lebensmittel, kaufte Zigaretten, kaufte dies, kaufte jenes. „Und dann wurde auch noch mein Bruder aus der JVA Hameln entlassen“, sagt er – nicht entschuldigend, aber doch fürs bessere Verständnis. Der kleine Bruder hatte wegen Einbruchs eingesessen. Und weil Stefan nun mal der große ist, nahm er auch ihn noch bei sich auf – nur für ein paar Tage, wie sie zunächst vereinbarten, später aber nicht halten konnten. „Ich war die tragende Säule, ich musste alles für alle regeln“, sagt er.

Alles für den Bruder

Anfang März habe sein Bruder dann „ein paar Leute kennengelernt – die kannten wiederum andere Leute“. Und die hätten von einer Goldschmiede in Dänemark erfahren, bei der mit einem kurzen, nicht ganz legalen Einsatz, wohl viel Geld zu machen sei. Strotzel empfahl seinem Bruder, sich nach dem JVA-Aufenthalt keinesfalls darauf einzulassen. „Aber diese Leute haben ihn einfach nicht in Ruhe gelassen und ihm erzählt, dass dort nachts niemand sei und man problemlos 40 Kilo Gold klauen könnte.“

Dann folgte der nächste Sonntagabend – und die Bitte seines Bruders, ihn und den neuen Kumpel doch nach Dänemark zu fahren. „Ich mach’ keine Scheiße, das verspreche ich“, hätte der gesagt. Er wollte ja nur sein Auto abholen und Stefan „keinesfalls da reinziehen“.

Das unmissverständliche „Nein!“ der Verlobten habe er noch immer im Ohr. Allerdings auch die Vorwürfe seines Bruders, sagt Strotzel heute. „Du bist kein richtiger Bruder!“, soll der ihm viele Stunden lang entgegengeworfen haben. Und: „Ich habe so lange daran gearbeitet – und Du willst mir nicht helfen, mich nicht mal diese 300 Kilometer fahren!“

Gekränkt hätte ihn das, gibt er offen zu. Und ein bisschen geschämt habe er sich gegenüber dem Blutsverwandten auch. Schließlich habe es eine Kurzschlussreaktion gegeben, so Stefan Strotzel, „und ich bin losgefahren“. Bis nach Dänemark. Bis zu einer Tankstelle, kurz vor der Grenze.

„Dann haben wir im Auto eine Stunde lang gestritten, weil ich nicht weiter fuhr. Gott wollte mich wohl vor der Dummheit bewahren“, sagt er. Gott hatte aber anscheinend nicht den nötigen Einfluss, den es dazu gebraucht hätte – und Strotzel fuhr weitere 70 Kilometer. Drei Stunden später saßen sie wieder zu dritt im Auto. Mit 4,7 Millionen dänischen Kronen, einem Haufen Gold und Schmuck auf der Rücksitzbank. „So viel Geld habe ich in meinem Leben nicht gesehen“, sagt Strotzel. „Und mein Bruder sagte noch, ich solle mir keine Sorgen machen.“ Zum Dank für die Hilfe schenkte ihm dieser 4500 Euro. Und selbst jenen überschaubaren Anteil hätte Strotzel angeblich gar nicht gewollt, „weil ich viel zu viel Angst hatte, dass ich irgendwann erwischt werden.“

150 000 Euro gefordert

Einen Monat lang ward sein Bruder nicht mehr gesehen. „Auf Reisen“ hätte der sich befunden, mit teuren Autos und noch mehr Vergnügen eingedeckt. Und dann war er wieder da, mit einem angeblich „wasserdichten Tipp von einem Hells Angel – ein Haus in Bremen, wo zu 100 Prozent 30 Kilo Gold liegen sollen und niemand daheim ist. Das war total überzeugend.“ Als sein Bruder ihn fragte, ob er wieder dabei sein wolle, habe Strotzel zugesagt. Augenblicklich. Mehr noch: „Ich fahre, aber ich will diesmal auch meinen Anteil.“

Hatte Gott zuvor versagt, „packte mich diesmal der Teufel“, so Strotzel. „Der Hells Angel sollte 30 Prozent kriegen – und ich 150 000 Euro.“ Was es ihm diesmal so einfach machte? „Es war die Ansprache: Der Typ hatte schlecht über die Bewohner gesprochen, die sollen Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben und das Geld nach dem Bruch von der Versicherung zurück bekommen, hat er gesagt. Irgendwie stecke der Mann da wohl mit drin, hieß es.“

Der daraus resultierende Mangel an schlechtem Gewissen – kombiniert mit der Chance auf das schnelle, ganz große Geld – ließ sämtliche Zweifel verfliegen. „Das hat es im Kopf so leicht gemacht“, wirbt er nun um Verständnis. Dann aber kam alles anders. Während Strotzel also „gefühlt ein Jahr“ im Auto wartete und die beiden anderen Jungs ins vermeintlich leere Haus einsteigen wollten, kam plötzlich doch die Besitzerin die Treppe herunter, erschrak – und stürzte. Die Männer flohen ohne Beute. Ohne Gold. Ohne Schmuck. Zwei Tage später hatten sie dennoch glänzende Schellen an ihren Handgelenken.

Weil die Polizei Bewegungsprofile erstellt, Handydaten abgerufen und das Trio schließlich zweifelsfrei als Verbrecher ausgemacht hatte. Erst da will Strotzel dann auch erfahren haben, dass er nicht Nebenfigur eines Einbruchs in eine dänische Goldschmiede war, sondern tatsächlich Mittäter eines schweren bewaffneten Raubüberfalls. „Unmöglich, das kann nicht sein, hatte ich der Polizei gesagt. Ich konnte nicht glauben, dass mein Bruder so ein Mensch ist.“ Dass Strotzel da nicht viel besser gewesen sein soll, lag für ihn selbst jenseits aller Vorstellungskraft. Für Richter und Opfer aber nicht.

Brief ans Opfer

„Ich träume sehr viel“, mag Strotzel nur noch ungern über die alten Zeiten reden, lieber über das Hier und Jetzt und Morgen: „In meinen Träumen werde ich selbst immer wieder überfallen. Und ich hoffe, dass das irgendwann weggeht, wenn ich mich entschuldigen kann.“

Zwischen Reue und Angst – Das Oldenburger Projekt „Opfer und Täter im Gespräch“

Einen Brief habe er der schwer gestürzten Frau geschrieben, diesen auch auf Anraten seines Anwalts nicht abgeschickt. Aber vielleicht könne er ja später, wenn er die JVA verlassen haben mag, mal mit einem Blumenstrauß zu ihr fahren und sagen, wie leid es ihm tue? Nein, auch davon wurde ihm abgeraten – um weitere psychische Belastungsmomente vom traumatisierten Opfer fern zu halten. „Ich habe Schuld an allem“, sagt er, „wäre ich nicht gefahren, wäre das nie passiert.“ Seine Strafe akzeptiere er. Heute. Damals jedoch habe er an das Opfer keinen Gedanken verschwendet. „Da denken Sie nur ans Geld.“

Ob er sich nun denn geläutert fühle? „Auf jeden Fall“, sagt er und wirft sich weit in die Rückenlehne zurück, legt seine Hände auf die Tischplatte, deutet mit ihnen und zackigen Bewegungen dann viele kleine Schritte an: „Wenn ich raus komme, werde ich wieder Arbeit kriegen und auch das Geld mehr schätzen“, sagt er. „Ich bin da ganz ehrlich: Wenn man viel arbeitet, hat man keine Zeit, an so riesengroße Dummheiten zu denken. Wenn man arbeitet, macht man sowas nicht!“

Alles kommt ans Licht

Dass er sich auf dieses Unterfangen eingelassen hatte, will er heute selbst nicht mehr wahrhaben. „Ich hätte doch auch früher Maschinen klauen oder Baustoffhändler abziehen können – niemand hätte das gemerkt. Das habe ich aber nicht getan. Ich hätte niemals Menschen beklauen können, die selbst nicht viel haben.“ So ginge es im Übrigen auch den meisten Mit-Insassen, wie er herausgehört haben will: „Keiner würde für ein paar hundert Euro irgendwo einbrechen – die machen es nur, wenn sie sicher sind, dass es mehr zu holen gibt."

Ob sein Bruder, der nun in Bremen einsitzt, es genau so sieht? Strotzel weiß es nicht.  Wovon er aber felsenfest überzeugt ist: „Jede Tat kommt ans Licht. Immer. Das Licht ist viel stärker als die Dunkelheit.“

Lesen Sie auch die Geschichte eines Einbruchsopfers: Wie ein Stein Angelika Sass’ Glauben bersten ließ

Zum Hintergrund:

Stefan Strotzel ist im Jahr 2014 zu einer sechsjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Laut Urteil soll er bei der Tat in Dänemark von Anfang bis Ende involviert gewesen sein. Auch soll er geholfen haben, die Beute zu verkaufen. Die Komplizen waren auf ihn angewiesen, da sie kein Auto hatten. Das Gericht hatte ihn daher als gleichberechtigten Mittäter erkannt. Aufgrund guter Prognosen könnte er 2019 die JVA verlassen.

Hinweis:Die Namen der Protagonisten in diesen beiden Reportagen wurden zum Schutz der Personen geändert. „Angelika Sass“ lebt in einem Oldenburger Einfamilienhaus, „Stefan Strotzel“ sitzt in der JVA ein.

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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