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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

So lief der erste Tag im Oldenburger Totschlagsprozess

13.01.2018

Oldenburg Die Sicherheitsvorkehrungen sind massiv. Schon an den Einfallstraßen sind Beamte der Bereitschaftspolizei aufgestellt, schwer bewaffnet und maskiert bis zu den Augen. Strenge Einlasskontrollen und Straßensperren auf der einen Seite – die breite Öffentlichkeit dank eines großen Presseaufgebots auf der anderen.

An diesem Freitagmorgen beginnt der Prozess um die tödlichen Schüsse in einem Oldenburger Trockenbau-Unternehmen – dort hatte ein 38-Jähriger am 27. Juli 2017 mutmaßlich einen 65-Jährigen getötet, zudem einen 60-Jährigen mit massiven Schlägen vor allem gegen den Schädel schwer verletzt.

Multimedia-Reportage: Tödliche Verbrechen - Oldenburg in Schockstarre

„Es gab die Einschätzung, dass eine Gefahr besteht“, wird Landgerichts-Sprecher Michael Hermann später das Großaufgebot an Sicherheitskräften erklären. Im Gerichtssaal selbst bleibt es hingegen ruhig. Das 60-jährige Opfer sitzt auf der Kläger-Bank – frontal zum Tatverdächtigen, einem in Oldenburg geborenen Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit.

Während der Nebenkläger klaren, strengen Blickes ist, weicht der Angeklagte diesem aus. Eine unangenehme Situation, wie er sie angeblich auch an besagtem 27. Juli erlebt haben will, so deutet es sich am ersten von vorerst zehn Verhandlungstagen an. Dieser dreht sich nahezu komplett um die Erklärungen des Angeklagten. Videomaterial aus den Räumen des besagten Ladenlokals wird eingespielt, allerdings nicht von der Tat (dem Angeklagten wird ein vollendeter und ein versuchter Totschlag zur Last gelegt), sondern von einer Tatortbegehung am 15. August – gemeinsam mit dem 38-Jährigen. Großformatige Lageskizzen werden den Prozessbeteiligten vorgelegt, Fotomaterial en masse, alles aus verschiedenen Perspektiven.

In diesen Filmbeiträgen wird der Angeklagte unter anderem darlegen, dass er nicht zum ersten Mal von seinem Gegenüber bedroht worden sein soll. Auch diesmal seien die Gebärden des 60-Jährigen massiv gewesen, er soll eine Waffe dabei gehabt haben. Schon einige Tage vor der Bluttat habe es Bedrohungen gegeben, erzählt dieser. An besagtem Tage sei es schließlich zu einem Streit gekommen, weswegen der Angeklagte die Polizei habe anrufen wollen. Das Telefon sei ihm aber vom 60-Jährigen aus der Hand geschlagen worden, während der 65-Jährige, das spätere Todesopfer, ihn mit einem Messer bedroht habe.

Der Angeklagte hätte deshalb eine Waffe gezückt, zwei Schüsse in den Boden abgefeuert und einen weiteren dritten zur Warnung abgegeben – ohne Erfolg. Weil der 65-Jährige mit dem Messer immer näher gekommen sei, habe er schließlich „in Notwehr“ geschossen. Drei Kugeln trafen das Opfer. Eine davon direkt ins Herz. Weil er sein Magazin leer geschossen hatte, habe er dann den 60-Jährigen „angesprungen“ und zu verhindern versucht, dass dieser seine Waffe zieht. Er wollte ihn - Zitat - „wehrlos“ machen, schlug deshalb mit seiner eigenen halbautomatischen Pistole auf ihn ein.

Tatsächlich, so bestätigt die Staatsanwaltschaft später, seien zwei Schusswaffen und ein Messer am Tatort aufgefunden worden. Grund der Tat soll Geld gewesen sein – nach Aussage des Tatverdächtigen hätten die Kontrahenten „alles, was da ist“ eingefordert.

Während dieser Schilderungen schreibt der 60-Jährige Nebenkläger eifrig mit – offenkundig hat er eine völlig andere Version des Tathergangs.

Den Wahrheitsgehalt dieser ersten Aussage gilt es in den kommenden Wochen zu prüfen. „Im Zentrum wird sicher die Frage stehen, ob es sich um Notwehr handelte oder nicht“, sagt der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann, und: „Ich möchte sensibilisieren, dass die Beweislage und rechtliche Einordnung völlig offen ist.“ Auch die Klärung weiterer Fragen stünde bevor: Die Akten (gleich mehrere Bände voll) würden „sehr sehr viele Fragezeichen“ beinhalten.

Verbindung zum Vermisstenfall Rezan Cakici

Damit nimmt er dann auch indirekt Bezug auf den Vermisstenfall Rezan Cakici. Der 29-jährige Deutsch-Kurde ist Sohn des 60-jährigen Nebenklägers, polizeilich einschlägig aus Rockerkreisen bekannt, und verschwand drei Wochen vor jenem Unglück an der Nadorster Straße spurlos. „Zu dem gesamten Katalog gehört auch die Frage: Warum haben sich die Personen dort getroffen?“ Die Staatsanwaltschaft hat in ihrer Anklageschrift einen Zusammenhang bereits angedeutet: Demnach könnte neben den „geschäftlichen Beziehungen“ durchaus das Verschwinden Rezans und dessen möglicher Aufenthaltsort Thema gewesen sein.

Wenig überraschend bleibt ein wichtiger geladener Zeuge – der tatsächliche Inhaber des Geschäfts und Cousin Rezan Cakicis – der Verhandlung fern. Er weilt seit den Geschehnissen in der Türkei.

An den nächsten Verhandlungstagen wird unter anderem der 60-jährige Nebenkläger zu den Geschehnissen angehört, Gutachten folgen später. Weiter geht es am 25. Januar vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts. Grundsätzlich werde die Risikolage jedes Mal neu eingeschätzt, so Michael Herrmann, allerdings sei „davon auszugehen, dass bisherige Sicherheitsvorkehrungen auch zu den nächsten Terminen“ beibehalten werden.

Details, eine Chronik und viele weitere Infos zu den Geschehnissen finden Sie in unserer Online-Dokumentation unter nwzonline.pageflow.io/schockstarre

Lesen Sie auch: Vermisstenfall Rezan Cakici – Was bisher geschah

Marc Geschonke
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2107

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