• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

Lebenslange Haft für Oldenburger Messerstecher

22.12.2017

Oldenburg Lebenslänglich hinter Gittern: Nahezu regungslos nahm der 22-jährige das Urteil auf. Vielleicht weil der syrische Asylbewerber nicht jedes Wort des Vorsitzenden Richters Sebastian Bührmann verstanden hatte, vielleicht aber auch, weil er sich der Beweislast durchaus bewusst war. Über seinen Dolmetscher hatte er kurz zuvor noch ausrichten lassen: „Ich entschuldige mich für das, was ich getan habe. Ich kann es nicht rückgängig machen und bereue es zutiefst.“

„Massenverängstigung“

Diese Einsicht kam viel zu spät. Am Nachmittag des 31. Mai hatte er in der Oldenburger Fußgängerzone – unter den Augen zahlreicher Passanten, vieler Kinder – einen 33-jährigen Landsmann erstochen. Brutal, aggressiv. Ein tiefer Schnitt quer durch das Gesicht, ein tödlicher Stich ins Herz, ein wahrscheinlich ebenso lebensgefährlicher in die Seite. Der Mann verstarb noch vor Ort, der Täter indes konnte kurzzeitig fliehen – mit dem Bus bis nach Eversten. Dann wurde er gestellt.

Nicht nur die zahlreichen Augenzeugen standen unter Schock. Sie seien nach wie vor traumatisiert, heißt es. Wochenlang lagen Blumen und Kerzen an der Unglücksstelle, die ganze Stadt war ob dieser Tat verunsichert, wie Bührmann in der Urteilsbegründung feststellte. Diese „Massenverängstigung“ war zwar nicht ausschlaggebend, aber sicherlich ein Aspekt bei der Findung des Strafmaßes.

Schließlich bewertete die Oldenburger Schwurgerichtskammer die Tat als besonders schweren Fall von Totschlag, der wie ein Mord zu erfassen sei. Daher urteilte der Richter auch deutlich härter, als es noch der Oberstaatsanwalt gefordert hatte – Thomas Sander plädierte für eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren, während die Verteidigung wohl eher auf neun Jahre hoffte. Dass schließlich für einen Totschlag das Höchstmaß „Lebenslang“ erwählt wurde, überraschte. Denn: Wer einen Mord begeht, wird mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe bestraft. Wer aber wegen Totschlags schuldig gesprochen wird, kommt üblicherweise noch mit einer zeitlich begrenzten Gefängnisstrafe davon.

Bührmann verglich die Tat mit einer öffentlichen Hinrichtung, „ganz nah am Mord“. Weil die entscheidenden Mordmerkmale aber fehlten – niedrige Beweggründe oder Heimtücke konnten nicht nachgewiesen werden –, fand zumindest die Ausnahmeregelung dann Anwendung. „Der 31. Mai ist ein trauriger Tag für das Opfer und dessen Familie und er ist ein schwarzer Tag für Oldenburg“, sagte er. Der Angeklagte habe das Opfer auf offener Straße zur belebten Zeit vor den Augen vieler junger Menschen bewusst und gewollt umgebracht. „Und wofür? Für nichts“, so der Vorsitzende.

An der Ehre gepackt

Die trauernde Nebenklägerin – Frau des Opfers und Mutter dreier Kinder, von denen das jüngste seinen Vater nicht mehr kennengelernt hat – schwieg während der Verhandlung, stattdessen sprach ihre Anwältin. „Der Angeklagte wollte beweisen, dass er der Stärkere ist“, sagte sie, „er konnte nicht verkraften, dass das Opfer ihm körperlich überlegen war.“ Am Nachmittag des Tattages hatte der Angeklagte zunächst am Lappan einen Streit mit einem gleichaltrigen Landsmann wegen des Rauchens während des Fastenmonats Ramadan entfacht, das spätere Opfer wollte schlichten. Es kam auch zu einer körperlichen Auseinandersetzung, der Angeklagte zog den Kürzen. Das spätere Opfer hielt die Sache für bereinigt und ging in die Stadt.

Offenbar „gärte“ es sehr im 22-Jährigen, wie es hieß. Er folgte dem 33-Jährigen und traf in der Achternstraße erneut auf ihn, wollte die angeblichen Beleidigungen und die Schläge noch einmal „unter Männern“ geklärt wissen.

Weil sein Gegenüber aber kein Interesse an einem weiteren körperlichen Konflikt zeigte, er vielmehr sein bei der ersten Auseinandersetzung zerrissenes Shirt ersetzen wollte, zog sich der junge Mann plötzlich seines über den Kopf und hielt es ihm „zur schnelleren Klärung“ entgegen. Darauf schlug der 33-Jährige ihm mit der Faust ins Gesicht – offenbar, um seine Ruhe zu haben und den Konflikt endgültig abzuschließen, vermutet Bührmann.

Dass dies aber offenbar nur noch mehr an der Ehre des Täters rüttelte, wusste das Gericht hinreichend zu begründen. Und so stürzte der junge Mann also blutend hernieder – während der 33-Jährige weiter Richtung Zentrum ging.

Der Angeklagte zückte darauf sein Klappmesser, rannte dem Opfer hinterher. Als dieses sich umdrehte – offenbar durch einen Ruf gewarnt –, setzte der 22-Jährige zum Todesstoß an.

Eigentlich habe er mit dem Messer nur drohen wollen, sollte es im Verlauf des Prozesses heißen. Dann aber hätte er Angst vor dem 33-Jährigen bekommen. Dass eben dieser der aggressive Part gewesen sein soll, wie er sagte, „ist die Wahrheit des Angeklagten“, so die Staatsanwaltschaft. Zeugen hätten übereinstimmend gesagt, dass das spätere Opfer entspannt, ja höchstens genervt wirkte. „Nur einer wollte den Konflikt, und das waren Sie“, hieß es im Plädoyer.

„Keine weitere Warnung“

Noch am Dienstag hatte es tumultartige Szenen vor der Schwurgerichtskammer gegeben, als Angehörige des getöteten 33-Jährigen während der Verhandlung aufgesprungen waren und den Angeklagten mit teils heftigen Hasstiraden überzogen. Sie wurden unter anderem mit Hausverboten belegt, waren also am Donnerstag nicht mehr vor Ort. Trotzdem wurden die erheblichen Sicherheitskontrollen beibehalten. Richter Bührmann ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass es bei erneuten Unruhen („Gefühlsregungen, Unmutsbekundungen oder unangebrachten Bewegungen“) dann „keine weitere Warnung“ mehr geben und man rigoros durchgreifen würde. Dazu kam es nicht.

Die muslimischen Regeln seien im Gegensatz zur Anfangsvermutung nicht Ursache der Tötung, wurde wiederholt ausgeführt. Vielmehr schien die erlittene Schmach, in dem wiederholt angezettelten Konflikt zweimal unterlegen gewesen zu sein, hier federführend, so die These von Oberstaatsanwalt Thomas Sander: „Es war eine sinnlose Tat mit großer Gewalt wegen eines nichtigen Anlasses.“

Die nun nach neun Verhandlungstagen ausgesprochene Strafe wurde in Sozialen Medien erleichtert aufgenommen. „Solche Urteile wünscht man sich häufiger“, hieß es unter anderem auf Facebook als Kommentar zur NWZ-Berichterstattung.

Weitere Infos zur Urteilsbegründung

Im Strafgesetzbuch heißt es unter dem Abschnitt „Straftaten gegen das Leben:

§211 Mord:(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft. (2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

§212 Totschlag:(1) Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. (2) In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen.

Marc Geschonke
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2107

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.