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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

Plötzlich ohne Dach über dem Kopf

14.10.2017

Oldenburg Dem großen Knall nach einem Streit folgte der freie Fall. Plötzlich stand Klaus-Dieter S. Ende 2015 ohne Wohnung da. Seine Lebensgefährtin hatte ihn von jetzt auf gleich vor die Tür gesetzt, das Haus gehörte der Frau. „Natürlich in der Nacht von Freitag auf Samstag“, erinnert sich der 65-Jährige. Was also tun?

Das Geld reichte für ein paar Übernachtungen in einem günstigen Hotel, dann erkundigte er sich beim Zweiten Polizeirevier an der Wallstraße. Drei Nächte hatte er da hintereinander nicht geschlafen. Schließlich bekam er einen Berechtigungsschein, der ihm den Zugang zum Übernachten im Obdachlosenheim am Sandweg ermöglichte. „Die schlimmste Zeit meines Lebens.

Zwei von fünf Männern in der Gemeinschaftsunterkunft hatten erhebliche Probleme mit der Körperhygiene“, erzählt der 65-Jährige. Zwischendrin waren ihm sein Geld und die Ausweispapiere gestohlen worden. „Ich war am Ende“, erzählt er. Schließlich kam er in einer Männer-WG in einem ehemaligen Bürogebäude an der Holler Landstraße unter.

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Diakonie ist Träger

Klaus-Dieter S. sitzt zum Gespräch mit der NWZ im Verwaltungsbüro des Tagesaufenthalts für Obdachlose an der Ehnernstraße – mit am Tisch sind Dennis Haase, stellvertretender Leiter des Tagesaufenthalts, und Diakonie-Pressesprecher Frerk Hinrichs. Die Diakonie ist Träger des Tagesaufenthalts. Durch die Vermittlungs- und Beratungsarbeit im Tagesaufenthalt fand der 65 Jahre alte Mann schließlich eine kostengünstige Mietwohnung – ein glückliches Ende.

Doch der Tagesaufenthalt steht seit einigen Wochen im Fokus. Anfang Juni hatte Sozialdezernentin Dagmar Sachse einen Plan vorgestellt, ihn an die Cloppenburger Straße zu verlegen. Im Tausch zieht der Mädchentreff an die Ehnernstraße. Das freute die Nachbarn, Anlieger und Geschäftsleute der Nadorster Straße, deren unterer Bereich als Sanierungsgebiet ausgewiesen ist. Im Umfeld des Mädchentreffs stoßen die Planungen dagegen auf heftigen Widerstand.

Die Nachbarn befürchten, dass mit den Obdach- und Wohnungslosen auch die Drogenszene an die Cloppenburger Straße zieht. Seit Jahren stehen die drogen-, alkohol- und tablettenabhängigen Frauen und Männer vor dem Haus an der Ehnernstraße. Gärten, Hauseingänge aber auch der benachbarte Gertrudenkirchhof seien oftmals verdreckt mit Erbrochenem, Kot, Urin, Blut, benutzte Spritzen liegen herum, berichten Nachbarn. Genau vor diesen Verhältnissen haben die Osternburger Angst.

Problem hausgemacht

Das Problem sei hausgemacht, sagt Frerk Hinrichs. Die Drogenszene ist vom Waffenplatz, Cäcilienplatz oder dem Park vor dem Herbartgymnasium immer wieder vertrieben worden. Seit einigen Jahren ist die Ehnernstraße vor dem Tagesaufenthalt der Treffpunkt der Szene. Das Café Caro für Drogenabhängige liegt 300 Meter entfernt am Pferdemarkt, die Drogenberatungsstelle Rose 12 ist noch näher dran am Tagesaufenthalt. Zu nah, meint Sachse, die sich durch den Umzug an die Cloppenburger Straße eine Trennung der Obdach- und Wohnungslosen von den Drogenabhängigen erhofft.

„Aus Sicht der Besucher und Besucherinnen des Tagesaufenthalts für Wohnungslose ist die Berichterstattung über den geplanten Umzug der Einrichtung sehr belastend“, weiß Kreisdiakoniepfarrerin Anja Kramer. Dabei seien die Besucherinnen und Besucher des Aufenthalts Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. Wohnungslosigkeit könne jeden treffen. Durch die Wohnungsnot in Oldenburg verschärfe sich die Situation sogar noch. Viele suchen den Tagesaufenthalt auf, um sich beraten zu lassen, wenn sie in prekären Wohnverhältnissen leben oder befürchten, ihre Wohnung zu verlieren, weiß Kramer. Andere besuchen die Einrichtung, um dort günstig zu essen, weil ihr Einkommen sonst nicht für die Mietzahlungen reicht.

Einige Besucher gehen unter schwierigen Umständen einer Erwerbstätigkeit nach und nutzen die Möglichkeit, den Tagesaufenthalt als Postadresse anzugeben. 200 nutzen diesen Service, berichtet Dennis Haase. Für viele Menschen ohne feste Wohnung in Oldenburg bietet die Einrichtung zudem die Möglichkeit, sich dort aufzuhalten, einen Kaffee zu trinken, Wäsche zu waschen oder zu duschen.

„Es gibt auch Besucher mit zusätzlichen Problemen wie Suchterkrankungen, die teils der Wohnungslosigkeit vorangingen oder von ihr verursacht wurden. Auch sie sind im Tagesaufenthalt willkommen, wenn sie dort keine Drogen oder Alkohol konsumieren“, verspricht Kramer. Eine Krankenschwester sorgt für eine gewisse medizinische Grundversorgung. Auch das Büro der Straßensozialarbeit ist im Haus untergebracht.

Mehr als 1000 regelmäßige Besucher

Der Tagesaufenthalt stehe auch Interessierten offen, lädt sie die Mädchentreff-Nachbarn von der Cloppenburger Straße ein. Die Leitung suche das Gespräch, um Vorurteile abzubauen. 120 bis 140 Menschen besuchen den Tagesaufenthalt täglich. 1009 Besucher wurden in 2016 registriert, die regelmäßig kommen. Insgesamt gab es 29 000 Besucherkontakte.

So weit die Zahlen, doch hinter jeder Zahl steht ein Mensch, ein Schicksal, das ihn zum Tagesaufenthalt gebracht hat. Für viele ist er ein Treffpunkt, wo sie sich mit ihren Freunden im Warmen und Trockenen treffen können. „Es ist ein Rückzugsbereich. Die Menschen müssen sich nicht auf Parkbänken treffen“, sagt Haase. Für wenig Geld gibt es zudem belegte Brötchen, Kaffee, Tee, Kaltgetränke und ein Mittagessen.

Obdach-/Wohnungslose

Unterschieden wird zwischen Obdach- und Wohnungslosen. Wohnungslose kommen bei Verwandten oder Bekannten unter, Obdachlose schlafen unter freiem Himmel, in Abrisshäusern, unter Brücken oder am Sandweg, erklärt Haase. Postalisch gemeldet sind an der Ehnern­straße 200 Menschen, vor fünf Jahren waren es noch 80. Die Situation verschärfe sich wegen des Drucks auf dem Wohnungsmarkt spürbar, berichtet Haase.

Geholfen wird den Bedürftigen auch beim Ausfüllen von Anträgen, in Behördenangelegenheiten oder mit einer Mietschuldenberatung. „Ohne Postadresse gibt es keine Hilfe vom Staat“, weiß Haase. Die Anmeldung im Tagesaufenthalt durchbricht diesen Teufelskreis.

Klaus-Dieter S. lebt mittlerweile in einer kleinen Mietwohnung. 1200 Euro Rente bekommt er, ist also weit davon entfernt, verarmt zu sein. Dass sich die Drogen- und Obdachlosenszene durch den Umzug an die Cloppenburger Straße trennen lassen, glaubt er übrigens nicht.

Da müssen wirksame Konzepte her, meint Diakoniesprecher Hinrichs.

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
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