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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

Klinikmord-Prozess: Niels Högel entschuldigt sich bei Angehörigen der Opfer

23.11.2018

Oldenburg Niels Högel versucht angestrengt sich zu erinnern. Lange blickt er auf das Foto vor sich. Dann atmet er hörbar aus und schüttelt den Kopf. 100 Patienten soll der frühere Krankenpfleger ermordet haben. Die Gesichter seiner Opfer wecken bei ihm keine Erinnerungen, gehen ihm aber sichtbar nahe. Am dritten Prozesstag wendet er sich direkt an deren Familien. „Es tut mir wirklich leid“, sagt er am Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg. „Wenn es einen Weg geben würde, der Ihnen helfen würde, dann würde ich ihn gehen, glauben Sie mir.“

Lesen Sie auch: 15 Geständnisse und viele Erinnerungslücken am zweiten Prozesstag

Rund 120 Nebenkläger wollen in dem Prozess um die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte erfahren, wieso ihre Verwandten sterben mussten. Nach Ansicht der Ermittler spritzte Högel seinen Opfern an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst verschiedene Medikamente in tödlicher Dosis, um diese anschließend wiederbeleben zu können. Er habe dies getan, um seine Kollegen mit Reanimationskünsten zu beeindrucken und Anerkennung zu bekommen, begründet der Angeklagte vor Gericht seine Taten. Wegen des Todes von sechs Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation sitzt er bereits lebenslang in Haft.

Beim Prozessauftakt vor drei Wochen hatte Högel die Vorwürfe aus den Jahren 2000 bis 2005 als größtenteils zutreffend bezeichnet. Am Donnerstag äußert er sich wie am Verhandlungstag davor ausführlich zu einzelnen Taten in Oldenburg und Delmenhorst. Vor Gericht gesteht er in vielen Fällen seine Taten. Bei vielen kann er sich nicht erinnern, schließt diese aber auch nicht aus. Bei zwei Patienten bestreitet er, für deren Tod verantwortlich zu sein.

In seiner Aussage geht es vor allem um nüchterne Fakten: Patientenname, Todestag, verwendete Substanz, Krankheitsverläufe. Erst als eine Nebenklage-Anwältin Högel nacheinander zwei Fotos seiner mutmaßlichen Opfer vorlegt, zeigt er Gefühle. „Ich kann nichts gut machen. Ich entschuldige mich in aller Form persönlich bei Ihnen“, sagt er zu den Angehörigen. Angesichts der Fotos empfinde er Traurigkeit und Schuld - auch wenn er sich an die Gesichter der Patienten nicht erinnern könne. „Ich habe irgendwann angefangen auf dieser Station zu entpersonifizieren. Ich habe mehr auf Monitore geachtet, als auf die Menschen.“

Wenn es dem Pfleger damals nicht gelang, Patienten nach von ihm verursachten Krisen wieder zurück ins Leben zu holen, war er nach eigenen Angaben nicht betroffen. Er sei vielmehr überrascht gewesen, sagt er. „Ich habe gedacht, ich kann es auslösen und auch wieder beherrschen.“ Den Tod der Patienten habe er aus heutiger Sicht billigend in Kauf genommen, damals aber keine Schuld gefühlt.

Für seine Aussagen haben die Richter im Dezember weitere Verhandlungstage eingeplant. Danach wollen sie den Leiter der Polizei-Sonderkommission und andere Ermittler befragen. Auch Mitarbeiter der beiden Kliniken sollen als Zeugen vor Gericht erscheinen. Es könnte nach Angaben des Vorsitzenden Richters jedoch sein, dass diese teilweise die Aussage verweigern.

An beiden Kliniken gab es nach Ansicht der Ermittler Hinweise auf Högels Taten, ohne dass Verantwortliche einschritten. Vier frühere Kollegen am Klinikum Delmenhorst werden sich deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen gegen fünf ehemalige Klinikmitarbeiter aus Oldenburg laufen noch.

Rückblick auf den ersten Prozesstag:

Högel gesteht Patientenmorde

Högel: „Ich hätte auch im Pius anfangen können“

Großer Ansturm auf Besucherränge bleibt aus

Der Prozess und die Medien

Ein besonderer Richter für die spektakulären Fälle in Oldenburg

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