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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

Wie starb der Oldenburger Mike Mansholt wirklich?

23.11.2017

Oldenburg /Malta „Okay. Ich leih’ mir jetzt ‘n Fahrrad aus und fahr dann heute durch Malta. … Allerdings sind die Straßen so steil, ich schick’ Dir gleich mal ein Foto, dass man die nur hochlaufen kann zum Teil, äh, mit dem Fahrrad gar nicht hochkommt. Aber egal. Das ist ’ne sportliche Herausforderung, und das mag ich.“

Das letzte Lebenszeichen von Mike Mansholt war eine Sprachnachricht, versendet über den Messenger-Dienst WhatsApp am 18. Juli 2016 um 9.41 Uhr.

Am 19. Juli brachte er nicht wie verabredet das gemietete Mountainbike zurück.

Am 22. Juli landete er nicht wie erwartet auf dem Bremer Flughafen.

Am 26. Juli fand ein Suchtrupp der Polizei vormittags gegen 10 Uhr Mikes Leiche in den Dingli-Klippen. Er war erst 17 Jahre alt, vier Wochen später wäre er volljährig geworden.

I. Die Klippen

Die als Dingli Cliffs bekannte Steilküste im Süden der Insel Malta. (Foto: Thomas Schulze/dpa)

Mikes Vater reißt den Mietwagen nach rechts, er hat einen Blumenhändler entdeckt, ohne Blumen möchte er nicht dort oben ankommen. Er kauft Chrysanthemen, dann treibt er den kleinen Peugeot weiter die schmale Straße hoch. „Hier könnte Mike langgefahren sein“, sagt Bernd Mansholt, 53 Jahre alt. Er wird diesen Satz häufig wiederholen in der nächsten halben Stunde.

Auf den Dingli-Klippen laufen wie immer ein paar Touristen herum und suchen ratlos die Klippen. Sie sehen sie nicht, weil sie obendrauf stehen. Vom Meer drückt der Wind, er reißt kleine Löcher in die Wolken. Sonnenstrahlen fallen hindurch, die Temperaturen sind mild auf Malta im November 2017.

Am 18. Juli 2016 gab es keine Wolken am Himmel. Die Luft stand und brannte.

Vom Gipfel windet sich ein schmaler Pfad hinab, er führt durch ein weit geöffnetes Gatter, links und rechts wuchern Kakteen. Ist Mike hier runtergefahren? Nach ein paar Hundert Metern endet der Weg im Nichts, aber links schlängelt sich ein zweiter Pfad hoch, noch enger als der erste. Ist Mike da weitergefahren? Der zweite Pfad endet vor einer Felswand.

Dort fand die Polizei Mikes Leiche.

Mike lag in einer Felsmulde. „Friedlich“, so hat ihn die Polizeiinspektorin seinem Vater beschrieben, aber was kann sie einem Vater auch sonst sagen. Ein paar Meter höher hing in einem Strauch Mikes Fahrrad, noch etwas weiter lagen seine Sonnenbrille und seine Sportschuhe, er hatte sie wohl ausgezogen.

Mit diesen Fallen sollen Vögel angelockt – und getötet werden. (Bild: Krogmann)

Zwischen den Felsen stehen überall Eisenstangen, auf die Stangen sind Steine geschraubt. Futter liegt auf den Steinen, es soll Vögel anlocken. Es ist eine Art grausamer Volkssport auf Malta: Vögel töten. Auf dem Boden liegen Patronenhülsen. Wir hören tatsächlich einen Schuss.

An vielen Stellen in den Dingli Cliffs liegen leere Patronenhülsen. (Bild: Krogmann)

Das war ein Verdacht damals: Ist Mike vielleicht versehentlich erschossen worden? Es gab aber keinen Beleg dafür, in der Leiche fanden sich keine Schrotkugeln.

Die Polizei hatte schnell eine andere Theorie: Mike ist nicht die schmalen Pfade heruntergefahren, er ist mit dem gemieteten Mountainbike vom Gipfel gestürzt. 29 Meter und 80 Zentimeter sind es von dort bis zur Fundstelle.

Oben an der Straße steht John, er hat einen kleinen Verkaufsstand auf den Klippen, er handelt mit Getränken, Andenken und Kaktusfrüchten. „Oh“, sagt er betroffen, „du bist das.“ Er erinnert sich an Bernd Mansholt, er schüttelt ihm die Hand. Jeder auf Malta kennt den Fall Mike Mansholt. Der Junge, der von den Klippen gefallen ist.

Aber ist er das?

Mikes Leiche lag unter einem mächtigen Felsvorsprung, die Stelle ist vom Gipfel nicht zu sehen. Niemand, der abstürzt, könnte dorthin fallen.

An Mikes Leiche fanden die Gerichtsmediziner keine Knochenbrüche, keine Verletzungen, nicht einmal größere Wunden.

Mikes Fahrrad war kaum beschädigt, es hatte lediglich einen Platten und ein paar Kratzer am Rahmen.

Mikes Rucksack fehlt. Hätte er nicht nach einem Absturz bei der Leiche liegen müssen?

„Mike ist nicht abgestürzt“, sagt Bernd Mansholt, der Vater.

Aber was ist dann mit Mike passiert?

II. Die Fragen

Die Polizeistation von Msida ist nur schwer als solche erkennbar. (Bild: Krogmann)

„Achtung“, sagt Bernd Mansholt, bevor er die Tür zur Msida Police Station aufstößt: „Die Polizisten hier sind unfreundlich.“ Er weiß das, er ist bereits zum dritten Mal auf Malta, seit Mike vermisst gemeldet wurde.

Ein kahler Raum mit hohen Decken, hinter einem Tresen sitzen drei Polizisten. Alle drei schauen auf, keiner sagt etwas.

„Ich würde gern Inspektorin Butters sprechen“, sagt Mansholt.

„Inspektorin Butters ist beim Gericht“, antwortet eine Polizistin knurrig.

„Wann kommt sie denn zurück?“

„Sie müssen vorher anrufen.“

„Können Sie mir die Nummer geben?“

Die Polizistin verdreht die Augen, dann rasselt sie eine Zahlenfolge runter.

„Könnten Sie mir die Nummer bitte aufschreiben?“

Die Polizistin verdreht erneut die Augen, ein Kollege schiebt wortlos einen Zettel über den Tresen.

Die Nummer ist nutzlos, die Polizei wird nicht mit Bernd Mansholt über Mike sprechen. Keine Behörde auf Malta möchte über Mike sprechen. Dabei gibt es so viele Fragen.

Zum Beispiel diese hier:

1. Wo sind Mikes Organe?

Die Leichenhalle von Malta (Bild: Krogmann)

Als der Leichnam nach Deutschland überführt und dort ein zweites Mal untersucht wurde, stellten die Rechtsmediziner fest: Mike fehlen fast alle wichtigen Organe. Im Einzelnen sind das: Herz, Lungen, Leber, Bauchspeicheldrüse, rechte Niere, Nebennieren, Harnblase, Prostata, Magen, Dünndarm. Auch Mikes Gehirn fehlte (Artikel der „Times of Malta“).

Der Leiter der gerichtsmedizinischen Untersuchung auf Malta, Professor Dr. Mario Scerri, erklärte, Mike sei ohne die Organe in der Leichenhalle des Mater-Dei-Hospitals angekommen. Wildtiere und Nager hätten die Organe gefressen, „leider“. Das Gehirn habe sich verflüssigt, der Tote habe ja mehrere Tage in den Klippen gelegen.

Die deutschen Gerichtsmediziner konnten keine Tierbisse entdecken. Eine vollständige Verflüssigung des Gehirns halten sie für nicht möglich.

In Deutschland stellten die Ärzte noch etwas fest: Der Leichnam war nicht einbalsamiert worden, obwohl Dr. Scerri das schriftlich beurkundet hatte.

Bernd Mansholt wies Scerri auf diesen Widerspruch per E-Mail hin. Scerri antwortete ihm, die Feststellung der deutschen Mediziner sei falsch. Seine Sezierer hätten die Leiche einbalsamiert, sie hätten dafür vorschriftsmäßig eine Formaldehyd-Lösung verwendet, „zu meiner Zufriedenheit“.

Scerri ist ein angesehener Mann auf Malta, für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Im Internet findet sich ein Youtube-Video, in dem er stolz darüber spricht, wie es seinen Leuten gelungen sei, 29 angeschwemmte Flüchtlingsleichen in nur drei Tagen zu obduzieren (Artikel der MaltaToday).

2. Wo ist Mikes Rucksack?

Als Mike am Morgen des 18. Juli 2016 das Hotel „Astra“ in Sliema verließ, trug er einen dunklen Rucksack mit sich. Das zeigen Bilder einer Überwachungskamera des Hotels, Mikes Vater konnte sie sich ansehen. In dem Rucksack sollen sich unter anderem mehrere Hundert Euro Bargeld und Mikes Mobiltelefon befunden haben. Könnte das Mobiltelefon Auskünfte über Mikes letzten Weg geben? Sind darauf vielleicht Fotos gespeichert?

Der Rucksack ist verschwunden. Die Polizei konnte ihn nicht finden, Bernd Mansholt fand ihn auch nicht. Die Polizei sagte zu Mansholt, dass möglicherweise Touristen den Rucksack mitgenommen hätten.

Mansholt sagte, dass sich ein Bauer aus Dingli ihm gegenüber merkwürdig verhalten habe, als er nach dem Rucksack fragte. Dies teilte er der Polizei mit.

3. Wo ist Mikes Actionkamera?

Eine Action-Camera vom Typ GoPro. (Foto: GoPro)

Noch mehr Antworten als das Mobiltelefon könnte eine Actionkamera geben, die Mike im Urlaub dabei hatte: eine sogenannte GoPro. Zeugen haben bestätigt, dass Mike die Kamera im Urlaub ständig im Einsatz hatte; auch seinem Vater hatte er mehrfach Videoaufnahmen geschickt.

Die GoPro ist ebenfalls verschwunden. Als die Polizei später Bernd Mansholt die persönlichen Besitztümer seines Sohns aushändigte, gab man ihm stattdessen eine 17 Jahre alte Canon-Kamera. „Das ist nicht Mikes Kamera“, sagt der Vater.

Nachdem Mike vermisst gemeldet wurde, reiste sein Vater zum ersten Mal nach Malta. Er suchte seinen Sohn überall. Er war auch in den Klippen, als die Polizei Mikes Leiche fand. Bernd Mansholt glaubt, dass sein Sohn die Kamera am Gürtel trug; die ermittelnde Inspektorin habe ihm dreimal „ein schwarzes Etui“ bestätigt, einmal sogar vor Zeugen. Später habe sie die Aussage bestritten. Die GoPro ist verschwunden.

4. Was tun die maltesischen Behörden, um Antworten auf die Fragen 1 bis 3 zu geben?

Anfang des Jahres bekam die Staatsanwaltschaft Oldenburg Post aus Malta. Der Inhalt: die Ermittlungsakte aus Malta, „gänzlich“ und „wahrhaftig“, so bestätigt mit Stempel und Unterschrift durch das Büro des Generalstaatsanwalts.

Bernd Mansholt (Bild: Krogmann)

Bernd Mansholt schöpfte neue Hoffnung. Denn:

Die Ermittlungsakte würde den Obduktionsbericht aus dem Mater-Dei-Hospital enthalten. Auf Malta, so berichten Insider, werden Obduktionen Schritt für Schritt protokolliert; üblicherweise wird jeder Schritt zudem durch Fotos dokumentiert. Der Bericht könnte also Hinweise auf den Verbleib von Mikes Organen enthalten.

In der Ermittlungsakte würden sich auch die Fotos vom Fundort der Leiche finden. Bernd Mansholt erinnert sich daran, dass an jenem 26. Juli 2016 „massenhaft“ Fotos in den Klippen geschossen wurden. Die Fotos könnten beweisen, dass Mike die GoPro am Gürtel trug, als er gefunden wurde.

Zu einer Ermittlungsakte gehört der Polizeibericht. Darin würden sich Hinweise finden, was die Polizei in den vergangenen Monaten unternommen hat, um Mikes verschwundenen Rucksack oder seine GoPro-Kamera aufzuspüren. Was hat der merkwürdige Bauer aus Dingli wohl der Polizei gesagt?

Aber in der Akte findet Mansholt keinen detaillierten Obduktionsbericht. Es gibt nur eine einzelne Seite, die knapp die bekannten Aussagen zusammenfasst: fehlende Organe, Tierfraß, Todesursache unbestimmt.

Die Akte enthält kein einziges Foto vom Fundort oder von der Leiche.

Der Polizeibericht endet am Tag nach dem Leichenfund. Hinweise auf eine Suche nach Rucksack, GoPro oder fehlenden Organen gibt es keine, ein Bauer aus Dingli kommt im Bericht nicht vor.

Die Antwort auf die Frage, was die maltesischen Behörden tun, liegt für Mikes Vater nahe: Sie tun nichts.

III. Die Insel

Blick auf Valletta (Bild: Krogmann)

Malta liegt im Mittelmeer, eineinhalb Schiffsstunden südlich von Sizilien. Die Inselgruppe ist dicht besiedelt wie das Ruhrgebiet: 436.000 Einwohner leben hier auf 316 Quadratkilometern, gefühlt hat jeder von ihnen mindestens ein Auto und geht damit ganztägig auf Parkplatzsuche. Der Verkehr ist irrwitzig, Blechschlangen winden sich im Linksverkehr durch Städte wie Sliema, Msida oder Birkikara, die zu einer einzigen Stadt zusammengewachsen scheinen. Mitten drin liegt Valletta, Kulturhauptstadt Europas 2018, die Altstadt voller ockergelber Barockpracht, ein beliebtes Kreuzfahrtziel.

Aber Malta ist mehr als Kultur und Tourismus, Malta ist ein Steuerparadies mitten in Europa. Millionärsyachten liegen in den Häfen. Hunderte Firmen, darunter zahlreiche deutsche, haben hier Niederlassungen, viele davon sind nicht mehr als ein Briefkasten. Wer will, kann für 650.000 Euro die maltesische Staatsbürgerschaft kaufen und wird damit zugleich Bürger der Europäischen Union.

Die maltesischen Steuertricks sind seit Jahren immer wieder Thema journalistischer Enthüllungen: in den sogenannten Malta-Files, in den Panama-Papers, zuletzt in den Paradise-Papers der „Süddeutschen Zeitung“. Vor gut einem Monat zerriss eine Autobombe Daphne Caruana Galizia, eine der bekanntesten Journalistinnen des Landes. Sie hatte an den Enthüllungen mitgearbeitet und die Regierung kritisiert.

Blumen erinnern an die getötete Journalistin Daphne Caruana Galizia. (Bild: Krogmann)

In Valletta erinnert ein Foto, gesäumt von Blumen und Lichtern, an Daphne, gleich gegenüber dem Gericht. Ihre Mörder sind unbekannt, der verwendete Sprengstoff deutet auf eine mögliche Beteiligung der Mafia hin.

Seit dem Mord und nach den jüngsten Enthüllungen rund um die Paradise-Papers ist die internationale Kritik lauter geworden am Aufklärungswillen der maltesischen Regierung und der Justiz. In den örtlichen Medien gerät die Polizei zunehmend unter Druck.

Der Sohn von Daphne Caruana Galizia, selbst ein Journalist, und mehrere EU-Parlamentarier beklagen öffentlich ein „Schweigekartell“ auf Malta, einen „Sumpf aus Geldwäsche, Korruption und Steuerhinterziehung“, eine „Kultur der Straflosigkeit“.

Wie ernsthaft ermitteln die Behörden in einem solchen Land, wenn es um den Tod eines deutschen Jungen geht?

Im Fall Mike Mansholt hat Malta ein „Magistrate Inquiry“ einberufen. Das bedeutet, eine Untersuchungsrichterin benennt verschiedene Experten, die in ihren jeweiligen Fachgebieten ermitteln. Zu dem siebenköpfigen Expertenteam zählt zum Beispiel der Gerichtsmediziner Dr. Scerri. Auch zwei Polizisten sind Teil des Teams.

Ebenfalls Teil des Teams ist Professor Saviour Formosa. Er hat eine Raumanalyse erstellt, sie nimmt mit rund 80 Seiten den größten Platz in der maltesischen Ermittlungsakte ein. In der Raumanalyse geht es um Triangulations-Identifikatoren und Lichtdetektion, am Ende erfährt man zentimetergenaue Horizontal- und Vertikaldistanzen. Was man nicht erfährt, ist, warum Mikes Leiche lag, wo sie lag. Die Fundstelle des Fahrrads ließe sich laut Formosas Analyse damit erklären, dass Mike Mansholt versucht haben könnte, die Felswand vom Gipfel aus hinunterzufahren.

Wer unten vor der Felswand steht, hält vieles für denkbar – aber nicht, dass jemand auf die Idee kommen könnte, sie mit dem Fahrrad hinunterzufahren.

IV. Mike

Mike und sein Vater, Bernd Mansholt (Bild: privat)

Mike Mansholt, 17 Jahre alt, in einem Satz: „Mike war zuverlässig hoch drei.“

Das sagt der Vater über seinen Sohn. Ach was, er sagt es über einen Freund: Ihr gemeinsames Hobby war das Modellfliegen, gemeinsam haben sie „Clash of Clans“ gezockt, gemeinsam haben sie sich über Liebeskummer ausgetauscht. Mike sprach über seine Freundin, Bernd über die Trennung damals von Mikes Mutter.

Noch mehr Eigenschaften: „Einfach nett“ war Mike, sagt sein Vater auf Malta, „geradeheraus, experimentierfreudig“. Er sagt aber auch: „Mike war kein Gefahrensucher.“ Bernd Mansholt lächelt stolz, „ich bin sein Vater, ich kann nur Positives sagen“.

Die vielleicht größte Leidenschaft, die Sohn und Vater teilten, war der Sport. An Mikes 18. Geburtstag am 20. August wollten sie gemeinsam auf Island ihren ersten Marathon laufen.

Mike war ein Individualsportler, kein Mannschaftssportler. Seine Sportarten waren Skaten, Radfahren, Laufen, Klettern. Und vor allem: Gerätturnen. „Nicht Geräteturnen“, sagt sein Vater, „darauf hat er großen Wert gelegt: Gerätturnen, ohne E. Ich habe ihn dann immer damit aufgezogen: Deshalb bist Du auch Fluggerätmechaniker, nicht Fluggerätemechaniker.“ Der Vater lacht.

Mike war Auszubildender bei Airbus, er hatte sich gegen Hunderte von Bewerbern durchgesetzt. Die Oberschule in Ofenerdiek hatte er zuvor als bester Junge seines Jahrgangs abgeschlossen. Sein Vater lächelt wieder: „Klar bin ich stolz auf meinen Jungen.“

Noch eine gemeinsame Leidenschaft gab es: das Reisen. Als Familie Mansholt 2004 zu ihrer berühmt gewordenen Weltumseglung aufbrach („Wir hauen ab“), war Mike fünf Jahre alt. Die Familie kehrte nach Oldenburg zurück, die Reiselust blieb. Zuletzt war Mike gemeinsam mit seinem Vater Goldwaschen am Yukon River in Kanada.

Mike auf dem Yukon (Bild: privat)

Malta, die Felsen, das Radfahren, draußen sein: „Das war sein Ding“, sagt der Vater.

Es war Mikes erste Reise allein. Er flog nach Malta, um seine Freundin zu treffen, die dort einen Sprachkursus machte.

„Mensch“, sagte der Vater zum Sohn, „meine erste Reise ging mit dem Fahrrad zum Zelten ins Nachbardorf. Du fliegst gleich nach Malta. Was soll danach kommen? Der Mars?“

Bernd Mansholt blickt in den Nachthimmel über Malta und schweigt. Mike hat die weiteste Reise überhaupt angetreten. Ohne ihn.

V. Sieben Todesursachen

Fuhr hier Mike lang? (Bild: Krogmann)

Da liegt ein Junge tot in den Klippen. Woran ist er gestorben? Es gibt mindestens sieben verschiedene Szenarien.

1. Mike ist abgestürzt.

Dagegen spricht neben dem Fundort die Unversehrtheit seiner Leiche. Die deutschen Gerichtsmediziner zumindest haben keinen Zweifel: Ein Absturz aus 25 bis 30 Metern Höhe sei praktisch auszuschließen.

2. Mike wurde versehentlich von Jägern erschossen.

Dagegen spricht ebenfalls die Unversehrtheit der Leiche, im Körper wurden keinerlei Fremdkörper gefunden.

3. Mike hatte einen Unfall oben auf der Straße, vielleicht wurde er angefahren. Um den Unfall zu vertuschen, hat der Autofahrer den verletzten Mike oder seine Leiche in die Klippen gebracht oder hinuntergeworfen.

Auch gegen einen Unfall spricht die Unversehrtheit der Leiche, ebenso gegen ein Runterwerfen des Leichnams. Sollte ein zweiter Unfallbeteiligter die Leiche nach unten getragen haben, stellt sich die Frage, warum er ein so seltsames Arrangement wählte mit Fahrrad und Schuhen. Eine beteiligte zweite Person könnte immerhin eine Erklärung dafür sein, dass Rucksack und GoPro-Kamera verschwunden sind.

4. Mike ist Opfer eines Raubmords geworden. Dafür spricht das Fehlen seiner Wertsachen, dagegen spricht abermals die äußere Unversehrtheit der Leiche und das Fehlen von Fremdkörpern wie Metallteilen im Körper. Andere Todesursachen lassen sich nicht feststellen, weil die inneren Organe und das Gehirn verschwunden sind.

5. Mike ist von Organhändlern getötet worden. Dagegen spricht, dass Organe nicht in der freien Natur entnommen werden können, wenn sie transplantiert werden sollen. Die Mörder müssten also Leiche, Fahrrad und Schuhe nach der Organentnahme zu den Klippen gebracht und dort wie später vorgefunden arrangiert haben.

6. Mike hat Suizid begangen. Seine Freundin hatte die Insel (wie geplant) einen Tag zuvor verlassen. Abgesehen davon, dass Mikes Vater einen Suizid ausschließt und es keinerlei Hinweise darauf gibt, bliebe die Frage nach der Todesursache. Von den Klippen gestürzt haben kann er sich aus den oben genannten Gründen nicht. Medikamente, Gift, Erstickungstod lassen sich wegen der fehlenden Organe nicht nachweisen.

7. Mike ist an Erschöpfung gestorben, an Hitze, Anstrengung, Flüssigkeitsmangel. Belegen oder widerlegen lässt sich das wegen der fehlenden Organe nicht.

Sieben mögliche Szenarien, die nach Bekanntwerden des Todes von Mike Mansholt in Deutschland öffentlich hitzig diskutiert wurden.

Werden sie auch auf Malta diskutiert?

Der Polizeibericht endet am Tag nach dem Leichenfund.

Einen Monat später liefert Professor Saviour Formosa seine Raumanalyse ab.

Einen weiteren Monat später hält Richterin Marse-Ann Farrugia, die Untersuchungsrichterin, in zwei knappen Sätzen fest: Es gibt keinen Hinweis auf die Beteiligung anderer Personen am Tod von Mike Mansholt oder auf ein Verbrechen.

Damit stoppen die Ermittlungen offenbar.

Aus einer Anfrage des maltesischen Parlaments geht hervor, dass Richterin Farrugia die zweithöchste Zahl an unerledigten Ermittlungsverfahren vor sich herschiebt: Insgesamt sind es 99 offene „Magistrate Inquiries“.

Die Oldenburger Staatsanwaltschaft ermittelt im Fall Mike Mansholt wegen des Verdachts des Totschlags. Vor wenigen Tagen haben die deutschen Ermittler ein weiteres Rechtshilfeersuchen auf den Weg gebracht, das nach den fehlenden Organen fragt, nach der nicht nachvollziehbaren Absturz-Theorie und nach möglichen Personen, mit denen Mike Mansholt auf Malta vielleicht gesehen worden ist. Das Rechtshilfeersuchen muss über Justizministerium, Auswärtiges Amt, Botschaft nach Valletta gebracht werden. „Die Einflussmöglichkeiten der Oldenburgischen Justiz sind begrenzt, da es sich bei Malta um einen souveränen Staat handelt“, teilt Torben Tölle mit, Sprecher der Staatsanwaltschaft Oldenburg.

VI. Die Verbündeten

Die deutsche Botschaft. (Bild: Krogmann)

Vor der deutschen Botschaft auf Malta hängen die Flaggen schlapp im Wind. Im Innern nimmt ein Wachmann Haltung an. Besucher müssen durch eine Sicherheitsschleuse gehen, anschließend sammelt die Wache Taschen und Mobiltelefone ein.

Noch wachsamer ist die Botschaftssekretärin. Sie begrüßt Bernd Mansholt, dann wendet sie sich mir zu, dem Journalisten. „Sie dürfen nicht mit“, sagt sie, „weil Sie Reporter sind.“

Deutsche Behörden haben eine Auskunftspflicht gegenüber Journalisten. Das bedeutet aber nicht, dass die deutsche Botschaft Valletta Auskunft geben muss über etwas, das die deutsche Botschaft Valletta betrifft. Auskünfte gibt nur das Auswärtige Amt in Berlin, „so ist leider die Regel hier“.

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es dann: Der Fall Mike Mansholt sei der Botschaft bekannt, das Ermittlungsverfahren liege außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Botschaft. Man habe Herrn Mansholt aber zugesichert, „zu prüfen, was hier vonseiten der Botschaft unterstützend getan werden kann“.

In seinem Hotel in Sliema, nur wenige Schritte von Mikes Hotel entfernt, tut Bernd Mansholt lieber selbst etwas. Er schreibt Bittbriefe an den maltesischen Premierminister, an den Justizminister, an ihre Kommunikationschefs.

Ich laufe derweil die beteiligten Institutionen ab und stelle Presseanfragen. An das Polizei-Hauptquartier. An die Generalstaatsanwaltschaft. An Dr. Scerri, den Gerichtsmediziner. Antworten bleiben zumeist aus, mal will jemand meinen Presseausweis sehen, mal bittet jemand um Geduld (und meldet sich nicht wieder). Ich möchte vor allem wissen: Ist der Fall noch offen? Ermittelt auf Malta noch jemand?

Die Generalstaatsanwaltschaft verweist auf das maltesische Recht und erklärt, auf Malta seien solche Verfahren geheim, man könne deshalb nichts sagen.

Ich frage auch die Universität von Malta, sie liegt direkt neben dem Mater-Dei-Hospital. Kann es sein, dass Organe aus der Leichenhalle im Fachbereich Medizin der Universität für Forschungs- oder Ausbildungszwecke verwendet werden? Konkret: Hat die Fakultät um den 27. Juli 2016 herum Organe erhalten?

Das müsse er mit dem Fachbereich Medizin besprechen, teilt ein Sprecher der Universität mit, er bittet um Geduld.

Dr. Veronique Dalli (Bild: privat)

Vor der Altstadt von Valletta liegen prustende Kreuzfahrtschiffe, in der Altstadt schieben sich die Kreuzfahrer durch die Souvenirshops. Einige Touristen bleiben vor dem Gedenkmal für Daphne Caruana Galizia stehen und schießen Erinnerungsfotos. Hier, nur wenige Schritte vom Gericht entfernt, hat Dr. Veronique Dalli ihr Büro, früher Fernsehjournalistin, heute Rechtsanwältin, 37 Jahre alt. Sie hat einen Verdacht, was die Ermittler mit dem Fall Mike Mansholt getan haben: „Sie haben ihn ins Regal gestellt!“

Dalli ist eine der wenigen Verbündeten von Bernd Mansholt auf Malta. Sie hat bereits das Gericht um weitere Ermittlungen gebeten (vergeblich). Jetzt setzt sie ein neues Gesuch auf, diesmal adressiert an den Polizeipräsidenten. Sie weist ihn auf die Widersprüche und offenen Fragen im Fall Mike Mansholt hin und fordert ihn auf: „Bitte untersuchen Sie das!“

Matthew Xuereb, Nachrichtenchef der „Times of Malta“. (Bild: privat)

Mansholts zweiter Verbündeter sitzt an einer Ausfallstraße am Stadtrand in einem engen Großraumbüro: Matthew Xuereb ist Nachrichtenchef der „Times of Malta“, der größten Tageszeitung auf der Insel mit rund 20.000 Exemplaren. („Und Facebook“, sagt Matthew, „Facebook ist: wow, so big!“) Matthew ist 39, seit 17 Jahren berichtet er über Verbrechen, sein Urteil zum Fall Mike Mansholt lautet: „Das ist sehr mysteriös.“

Matthew glaubt nicht, dass maltesische Polizisten schlechter arbeiten als andere Polizisten. Er glaubt auch nicht an eine „Kultur der Straflosigkeit“ auf Malta. Er glaubt aber, dass der Fall Mansholt jetzt „im System“ festhänge des „Magistrate Inquiry“ mit den sieben Experten: „Die Polizei ist da raus.“

Oder mit den Worten von Anwältin Dalli: Der Fall steht im Regal.

Bernd Mansholt hat eine neue Idee: Er setzt eine Belohnung von 10.000 Euro aus für denjenigen, der ihm Mikes verschwundenen Rucksack oder die GoPro-Kamera bringen kann. Matthew Xuereb verspricht, in dieser Woche einen großen Artikel darüber zu schreiben.

VII. Die Klippen, noch einmal

Bernd Mansholt vor Mikes Gedenktafel.

Bernd Mansholt klettert auf die Felsen. Er steigt über die Chrysanthemen, hangelt sich ein paar Meter höher.

Vielleicht war es ja so, sagt er:

Mike ist völlig erschöpft, diese Hitze, die kilometerlangen Straßen hoch nach Dingli, nirgendwo Schatten. Hat er genug zu trinken dabei? Ist er dehydriert? Er fährt in die erste Sackgasse, dann in die zweite. Was soll er tun? Den ganzen Weg zurückradeln? Mike ist ein erfahrener Kletterer. Kann er die 30 Meter hinaufklettern?

Vielleicht schultert er das Mountainbike. Er kommt ein paar Meter weit, ungefähr bis dort, wo jetzt sein Vater steht. Dann geht nichts mehr. Erleidet er einen Hitzschlag? Einen Schwächeanfall? Wirft er das Fahrrad noch in den nahen Strauch, damit es keinen großen Schaden nimmt? Zieht er die Schuhe aus, um ein bisschen Luft zu spüren? Verliert er die Orientierung? Er wankt hinab, legt sich in die Mulde. Die Sonne brennt gnadenlos vom Meer her, hier wirft ein Felsbrocken ein wenig Schatten.

Und dann stirbt Mike.

Blumen erinnern an Mike. Hier wurde der 17-Jährige gefunden. (Bild: Krogmann)

War es so, wie es sich Mikes Vater vorstellt?

Die deutschen Gerichtsmediziner halten es für denkbar, aber nicht beweisbar.

Bernd Mansholt hat auch eine Theorie zu den verschwundenen Organen. Er hält es für wahrscheinlich, dass die maltesischen Gerichtsmediziner, die 29 tote Flüchtlinge in drei Tagen untersuchen können, auch bei Mike eine Schnell-Obduktion vorgenommen haben. Dass sie seine Organe entnommen und anschließend nicht in den Körper zurückgelegt haben. Dass sie die Organe weggeworfen oder in die nahe Universität verbracht haben. Und dass sie das jetzt vertuschen wollen.

Ist das zu abwegig? Nein: 2015 berichtete die inzwischen ermordete Journalistin Daphne Caruana Galizia vom maltesischen Arzt und Parlamentarier Etienne Grecht, der damit geprahlt habe, dass er sich als Medizinstudent häufiger Organe aus der Leichenhalle mit nach Hause genommen habe, um sie dort in Ruhe studieren zu können. Zumeist seien es Nieren gewesen.

Beim letzten Mal war Bernd Mansholt mit Maria auf Malta, Mikes Schwester. Er lächelt, als kleine Kinder waren die beiden wie Hund und Katze, später dann die besten Freunde.

Vater und Tochter haben eine Gedenktafel an die Felswand geklebt. „Mike Mansholt“, steht darauf, „Du wirst geliebt und vermisst.“ Der Vater ist Goldschmied, in seiner Werkstatt in Oldenburg arbeitet er zurzeit an einer neuen, schöneren Gedenktafel. Bald will er ein viertes Mal nach Malta reisen, wieder mit Maria. Gemeinsam wollen sie die neue Tafel anbringen.

Er geht den schmalen Pfad zurück zum Gipfel. Das Gatter ist jetzt geschlossen, „Privateigentum“ steht auf einem Schild, „Zutritt verboten“.

„Nichts da“, sagt Bernd Mansholt grimmig: „Dieser Ort hier gehört mir!“