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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

„Lebenslänglich für Vergewaltigungsopfer“

14.12.2017

Oldenburg Das Unfassbare geschah am Abend des 24. Juli 2016. Inge Müller ging gerade von einer Feier nach Hause. An einer nur wenig beleuchteten Ecke schlug der Mann zu. Er vergewaltigte die 50-Jährige. Der Mann, ein Afrikaner, war der Frau schon länger gefolgt.

Inge Müller heißt nicht Inge Müller. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht lesen. Eigentlich wollte sie auch nicht mehr über die Vergewaltigung reden, die aus der einst lebenslustigen Person eine bis heute kranke Frau gemacht hat. „Der Vergewaltiger ist aber irgendwann wieder draußen, Vergewaltigungsopfer dagegen bekommen lebenslänglich“, sagt sie. Ihre großen Nöte lassen Inge Müller sprechen.

NWZ, 25. Juli 2016: Frau auf dem Heimweg an der Doktorsklappe in Oldenburg vergewaltigt

Gerichtsprozesse sind dazu da, um unschuldige Menschen freizusprechen und um mögliche Täter zu verurteilen. Im Falle von Inge Müller verurteilte das Gericht den Täter. Doch der Mann nutzte die Verhandlung, um sein Opfer zu verhöhnen. „Die wollte das doch“, musste sich Inge Müller anhören. Von den vielen unangenehmen und intimen Befragungen, von den Untersuchungen und bürokratischen Begutachtungen im Vorfeld der Verhandlung ganz zu schweigen.

Der Täter wurde zu knapp vier Jahren Gefängnis verurteilt. Anfang August dieses Jahres hatte der Bundesgerichtshof das Urteil rechtskräftig werden lassen. Inge Müller hat das nicht beruhigt. Sie hat ihre Unbeschwertheit verloren. Täglich stellt sie sich die Frage: „Wie leben, wie den Alltag schaffen?“ Vergewaltigungsopfer fühlen sich benutzt und beschmutzt. Und es ist die Angst, die bleibt. Wenn es dunkel wird, verriegelt Inge Müller die Türen. Sieht sie in der Stadt einen Dunkelhäutigen, flüchtet sie.

Dabei kann die 50-Jährige den Täter gar nicht treffen. Er sitzt längst im Gefängnis. Das ist aber nur die objektive Wahrheit. Ängste können in keine Zelle eingeschlossen werden. Nach der Haftzeit wird der 38-jährige Täter abgeschoben.

Für Inge Müller ist das kein Grund, ruhiger zu schlafen. Wie sich im Prozess herausgestellt hatte, war der Afrikaner mit gefälschten Ausweisen unterwegs, hatte Aliasnamen. „Wer sagt denn, dass er nicht doch eines Tages wieder einreist?“, fragt sie.

Inge Müller hat auf professionelle Hilfe gehofft. Eine ambulante Therapie brachte nicht den erhofften Erfolg. Eine stationäre Therapie könnte eventuell die psychischen Probleme lösen. Die Krankenkasse habe schon signalisiert, dass sie für die Kosten aufkommen würde. Inge Müller versorgt jedoch als Selbstständige mit einem kleinen Unternehmen ihre Familie. „Niemand übernimmt die Kosten für eine Ersatzkraft und eine entsprechende Kinderversorgung für die Zeit der stationären Therapie“, sagt sie. „Ich kann das Unternehmen nicht aufgeben, dann wären wir finanziell am Ende.“

Den Verdienstausfall für einige Monate kann Inge Müller nicht verkraften. Und bei Behörden „betteln gehen“ will sie auch nicht. So wechseln sich psychische Existenzängste mit finanziellen Existenzängsten ab. Die Vergewaltigung durchdringe alles: das Selbstgefühl, nahe Beziehungen, das Arbeitsleben und die geistige Gesundheit. Inge Müller wiederholt noch einmal den Satz, den sie immer wieder sagt. „Ich habe lebenslänglich bekommen – und ich bin das Opfer.“

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