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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

Stammgäste Bei Prozessen In Oldenburg: Die Drei vom Gericht

30.01.2018

Oldenburg Die Jungs von der letzten Bank? Mit raschelndem Bonbonpapier, emotionalen Überraschungsbekundungen – und getrieben von blanker Sensationsgier?

Nein, das seien sie nun wahrlich nicht. Vielmehr hätten die drei Oldenburger Rentner Karl-Heinz Schenker (63), Michael Heepen (66) und Gundolf Fangmann (75) ja einfach etwas Zeit und, nun ja, auch Lust „am richtigen Leben“, wie Schenker sagt. Ob sie dafür nun ausgerechnet in stoischer Regelmäßigkeit die großen und kleinen Prozesse in Oldenburgs Gerichten verfolgen müssen, sei einmal dahingestellt.

Für den 63-jährigen früheren Kaufmann stehe aber außer Frage, dass dieses Geschehen weitaus bedeutsamer sei als die Gerichtsshows im Fernsehen – auch für die eigene Meinungsbildung. „Hier ist Feuer drin“, sagt er beispielsweise am Freitag im Landgericht, am dritten Prozesstag um die Nadorster Todesschüsse, „man weiß wirklich nicht, wo es hingeht – da geht es von Freispruch bis Lebenslänglich.“ Überhaupt: Was man derart live im Gerichtsgeschehen auch für sich lernen könne, sei Unvoreingenommenheit. Demut nicht minder? „Wenn man einen Tatverdächtigen erstmals sieht, vermutet man zunächst nur das Schlechteste – im Laufe der Verhandlung kann sich das aber rasch ändern“, meint auch Michael Heepen. Der 66-Jährige war einst Teil der staatlichen Exekutive bei der Wasserschutzpolizei, musste sich dort hingegen mit Gewässerverunreinigungen und ähnlichen Standardthemen herumärgern. Da habe solch ein vollendeter und der versuchte Totschlag, wie es aktuell vor der Schwurgerichtskammer verhandelt wird, eine ganz andere Wertigkeit und verwässere durchaus die innere Schwarz-Weiß-Malerei.

„Es ist gut, dass die Öffentlichkeit an einem Prozess teilnehmen und sehen kann, wie hier versucht wird, zu einem gerechten Urteil zu kommen“, hatte Sebastian Bührmann als Vorsitzender Richter des Landgerichts einmal über dieses „hohe Gut“ gesagt. Diese Chance wird allerdings nur vergleichsweise selten genutzt. Das mag einerseits an den für Schüler und Berufstätige ungünstigen Vormittagsterminen liegen, andererseits aber auch am bloßen Nichtwissen um diese Möglichkeit, das reale Gegenstück zu all den fingierten TV-Gerichtsshows wie „Richter Alexander Hold“ oder „Barbara Salesch“ live vor Ort erleben zu können. Chipstüten und Buh-Rufe sind allerdings verboten.

Gundolf Fangmann, immerhin schon 75 Lenze zählend, mag’s freuen. Schließlich hat er damit immer einen freien Platz im Saal. Zumindest in den Wintermonaten, wenn er sich hier „zum Zeitvertreib“ aufhält, wie er sagt. Ist ja auch gut geheizt. Aber ernsthaft: Nicht nur Kapitaldelikte stehen auf dem Plan der drei Herren, auch Ziviles und andere Streitigkeiten interessieren. Ganz so, wie das richtige Leben da draußen läuft – nur halt deutlich spannender in einem kleinen Saal an der Elisabethstraße komprimiert. Auch wenn man es so vermuten könnte: Einen „Club der unabhängigen Gerichtsbeobachter“ gibt es nicht. Gemeinsame Termine werden nicht verabredet, jeder sucht für sich „die spannenden Prozesse in der NWZ oder im Internet heraus – und dann treffen wir uns meist zufällig hier.“ Und man diskutiert. Bewertet. Überstimmt innerlich mal den Richter, vielleicht aber auch sich selbst. „Man lässt sich auf die Ermittlungen ein, hört die psychiatrischen Gutachten, die Plädoyers und schaut sich die Beteiligten ganz genau an“, sagt Schenker, „vielleicht ist der Verdächtige ja unschuldig – da sind vorschnelle Urteile wirklich gefährlich.“

Am Freitag waren sie schon eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn im Landgericht. Nicht nur, weil der aktuelle Prozess deutlich mehr Menschen interessiert, sondern auch wegen der enormen Sicherheitsvorkehrungen und Einlasskontrollen. „Ich nehme extra nur kleines Gepäck mit“, sagt Fangmann da, „und Schuhe, die man bei der Kontrolle schnell aus- und wieder anziehen kann“.

Schließlich geht es letztlich ja doch darum, die besten Plätze für das „richtige Leben“ zu ergattern. Und das spielt sich nun mal oft in der letzten Bank, häufiger aber noch vor Richters Gnaden ab.

Mehr zum aktuellen Totschlagsprozess in Oldenburg:

Einlasskontrollen und Straßensperren: So lief der erste Tag

Mehr Fragen als Antworten am zweiten Prozesstag

Nächste überraschende Wende im Prozess

Multimedia-Reportage: Tödliche Verbrechen - Oldenburg in Schockstarre

Der Blaulichtblog für den Nordwesten

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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