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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Blaulicht

Nächste überraschende Wende im Prozess

27.01.2018

Oldenburg Der Angeklagte selbst habe im Kampf die Polizei und zwei Krankenwagen gefordert, sich danach widerstandslos festnehmen lassen und auch schon vor dem Unglück die Polizei rufen wollen – sei aber vom späteren 60-jährigen Opfer daran gehindert worden: Drei von mehreren Gründen, die Rechtsanwalt Hans Meyer Mews am Freitagmorgen zugunsten seines Mandanten in die Verhandlungsrunde warf. Sein Ziel: Die Aufhebung des Haftbefehls gegen den 38-jährigen Tatverdächtigen Mustafa Y..

Der Prozess

Am 27. Juli 2017 wird im Ladenlokal eines Trockenbau-Unternehmens an der Nadorster Straße der Onkel des vermissten Ex-Hells-Angel Rezan Cakici erschossen, sein 60-jähriger Vater wird schwer verletzt. Der 38-jährige Tatverdächtige lässt sich vor Ort festnehmen.

Rezan Cakici, 29-jähriger Deutsch-Kurde mit langer Strafakte, war am 3. Juli 2017 spurlos aus einer Shisha-Bar an der Nadorster Straße verschwunden. Er soll zuvor in dubiose Geschäfte verwickelt gewesen sein.

Am ersten Prozesstag wurde der Tatverdächtige vernommen. Er berief sich auf Notwehr. Schon in der zweiten Verhandlung, hier wurde der Hauptzeuge (das 60-jährige Opfer) befragt, der eine andere Tatversion erzählte. Er verstrickte sich allerdings in seltsame Widersprüche.

Fortgesetzt wird der Prozess am 16. Februar. Weitere Verhandlungstage sind dann der 20., 23. und 27. Februar, sowie der 2., 8. und 9. März. Jeweils morgens um 9 Uhr.

Auf den Tag genau sechs Monate sind seit den tödlichen Schüssen in einem Nadorster Unternehmen vergangen, der Angeklagte saß seitdem in Untersuchungshaft. Paragraph 121 der Strafprozessordnung besagt, dass diese nur aufrechterhalten werden dürfe, wenn „die besondere Schwierigkeit oder der besondere Umfang der Ermittlungen oder ein anderer wichtiger Grund das Urteil noch nicht zulassen und die Fortdauer der Haft rechtfertigen“.

An Souveränität eingebüßt

Eben darauf berief sich Meyer Mews – und den Verweis, dass ein dringender Tatverdacht „spätestens nach der Vernehmung des Nebenklägers“ Necat C. (60) nicht mehr gegeben sei. Wie berichtet, hatte sich letzterer tags zuvor (dem zweiten von zehn Prozesstagen) in zahlreiche Widersprüche zum Tathergang, den möglichen Gründen der Tat und auch den Rahmenbedingungen verstrickt und verlor an Souveränität.

Lesen Sie auch:Mehr Fragen als Antworten am zweiten Prozesstag

Auch am Freitag konnte die „Opferseite“ nicht überzeugen: Die Tochter des 60-Jährigen wurde in den Zeugenstand gebeten und zu den familiären wie geschäftlichen Beziehungen befragt. Die Angriffe auf den Angeklagten wie dessen Partner Ali C. – der Inhaber des Trockenbau-Unternehmens hatte sich im Sommer mit einem Kompagnon aus Hells-Angels-Reihen gen Türkei abgesetzt – waren von ihr deutlich formuliert. Ihre Darstellung des Vaters als friedliebenden Geschäftspartner, der am Tattag nichts Böses im Sinn hatte, fruchtete aber nicht. Im Gegenteil.

„Schwachsinn, befragt zu werden“

Wie schon der 60-Jährige zuvor („Maßgeblich ist das, was ich hier sage“), konnte sich auch die Tochter plötzlich nicht mehr an ihre Aussagen aus früheren polizeilichen Vernehmungen erinnern. Mehr noch, sie kehrte einige gar ins Gegenteil, so dass sich diese plötzlich den väterlichen Anmerkungen in besonderem Maße ähnelten. Ihre Begründung: „Ich war psychisch labil, es war Schwachsinn, dass ich damals befragt wurde“, und: „Wenn der eigene Bruder verschwunden ist, ist man am Anfang am Ende.“

Der Vermisstenfall Rezan Cakici, Sohn des 60-jährigen Nebenklägers, wurde diesmal nur am Rande thematisiert. Die junge Frau, Mitarbeiterin eines Telekommunikationsunternehmens, erklärte, sie habe intern selbst nach Rezan recherchiert und dessen Handykontakte wie Nachrichten überprüft – woraus sie wiederum abgeleitet hätte, dass Ali C. etwas mit dem Verschwinden Rezans zu tun haben müsse. Sie zeichnete ein düsteres Bild des Mannes, nahm auch weitere Hells-Angels-Mitglieder namentlich in die Verantwortung. Dann wurde es jedoch kleinlaut – denn die Verteidigung hakte aufgrund ihrer „fragwürdigen eigenen Ermittlungen” mehrfach nach. Alles nur ein Missverständnis? Auch der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann wies die Zeugin aufgrund ihrer Aussage darauf hin, dass sie sich nicht selbst belasten müsse. Später korrigierte sie, dass die Sicherheitsabteilung des Unternehmens der Polizei mit den Informationen geholfen hätte und man sie ja falsch verstanden habe. Ein Randaspekt dieses dritten Prozesstages.

Zweifel an Aussagen des Opfers

Mehr im Fokus standen am Freitag die Aussagen von Necat C.. Zweifel an ihnen wurden von zwei weiteren Zeugen genährt, die kurz vor der Tat das Ladenlokal aufgesucht hatten – ein Neffe des Angeklagten und dessen Freund, die trotz der verwandtschaftlichen Beziehungen wie die Tochter des Opfers aussagen wollten. Sie alle hätten auch vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen können, um die Beteiligten und sich selbst bei etwaigen Rückfragen nicht belasten zu müssen.

Sei’s drum: Die beiden jungen Männer (26 und 27) waren von dem „aggressiv“ wirkenden Necat C. vor dem Unglück des Gebäudes verwiesen worden. Eigentlich hatten sie sich mit Mustafa Y. treffen wollten, der ihnen sogar einen Platz im Nebenraum anbot. Weil der 60-Jährige Ihnen aber klar machte, dass sie hinaus gehen sollten, taten sie, wie ihnen gesagt. Einige Meter weiter trafen sie auf einen Bekannten, wurden so unweit des Ladenlokals in ein Gespräch verwickelt. Nach den deutlich vernehmbaren Schüssen aber kamen sie zurück gerannt und sahen, wie Mustafa Y. den Nebenkläger dauerhaft zu Boden drückte, ihn „ruhig stellte“, wie es hieß, während er in der anderen Hand eine Waffe hielt. „Ruf’ die Polizei und zwei Krankenwagen!“, habe dieser geschrien.

Die angeblichen Hilferufe von Necat C. hatte offenbar kein Zeuge – trotz geöffneter Tür – vernommen. Auch auf den Vorwurf, Mustafa Y. hätte ihn töten wollen, gab es keine konkreten Hinweise. Ein Schuss hatte ihn zwar getroffen, dieser aber ging aus nächster Nähe „nur“ ins Schienbein. Neben dem 65-jährigen Todesopfer indes wurde am Boden ein Messer mit arretierter Klinge gefunden.

Wie es dort hingekommen war und von wem es wie eingesetzt wurde - darüber ist noch zu reden. Über die beantragte Aufhebung des Haftbefehls jedoch werde voraussichtlich in der nächsten Sitzung entschieden. Die Vorzeichen dafür stünden eher ungünstig, so heißt es – denn der Angeklagte hat eine ellenlange Strafakte aus Körperverletzungen, Raub, Erpressung, Betrug oder auch Betäubungsmittel-Besitz. Auch bestehe möglicherweise eine Fluchtgefahr, hatte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann in den Raum gestellt.

Lesen Sie hier mehr über die Hintergründe zum Geschehen und zum Prozess

Marc Geschonke
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2107

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