Bloherfelde/Haarentor - In mehreren Beiträgen hat Karl-Heinz Bonk, aufgewachsen am Uhlhornsweg, an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Im Folgenden schreibt er über die Weihnachtszeit des Friedensjahres 1947:
„Heiligabend war ab dem frühen Vormittag die gute Stube verschlossen. Die Eltern meinten: „Das hat wohl der Weihnachtsmann gemacht!“ Natürlich versuchten wir, durchs Schlüsselloch zu sehen, doch da war nichts zu entdecken. Es wurde früh dunkel, meine Oma von der Bloherfelder Straße holte mich ab und wir gingen zur Kirche. Schon von weitem hörten wir die Glocken rufen und über uns entfaltete sich ein wunderbarer klarer Sternenhimmel. Die Kirche war schon gefüllt, aber wir Kinder durften nach vorne auf die erste Bank. Oma setzt sich dazu. Mir war, als jubiliere die Orgel. Voller Inbrunst sang ich das erste Weihnachtslied, das Mutter schon so oft mit uns gesungen hatte. Was der Pfarrer da vorne sagte, interessierte mich nicht, aber ein traumhaft schönes Bild war der große Tannenbaum, an dem lauter flackernde Kerzen leuchteten. Als mir dann langweilig wurde, zog ich aus meiner Hosentasche einen von Omas braunen Kuchen und biss hinein. Doch gleich klopfte Oma mir auf die Hand. Doch der Pfarrer hatte mich wohl beobachtet und sagte von oben: ,Genießt alles, was dieser wunderbare Tag bringt.’
Daheim trennten sich Omas und mein Weg und ich zog allein weiter bis zu unserer Wohnung am Uhlhornsweg. Mutter hatte noch viel zu tun. ,Guck man noch eben, ob die Schafe genug Futter bekommen hebben!’ schickte sie mich über die Diele in den Stall. ,Still, ich glaube, der Weihnachtsmann war gerade bei uns. Aber wir müssen warten, bis es klingelt!’ ,So’n Schiet, wenn ich ihn wieder nich seh, dabei habe ich mein Gedicht ganz doll gelernt.’
Unser Vater ging zur Stubentür, die sich jetzt öffnen ließ. Und da stand er, unser kleiner grüner Baum, bunt geschmückt auf einem großen Holzkreuz. Dort strahlten nun Kerzen, Kugeln, Strohsterne, die mein Bruder gebastelt hatte, und dann war da noch viel Lametta. ,Nun singen wir erst ein Lied!’ hielt uns Mutter zurück. Wir hielten uns an den Händen sangen ,Oh du fröhliche!’ Unser Herz wollte zerspringen.
Mutter sagte: ,Nun dürft ihr gucken.’ Mein Bruder stürzte auf die gelbfarbenen hölzernen Stelzen zu. ,Toll, die sind richtig!’ Ich beneidete ihn zunächst, aber später durfte ich sie euch viel benutzen. Nun hielt mein Bruder eine neue Laubsäge in die Höhe. Und ich packte einen richtigen kleinen Hammer aus und auch noch eine Kneifzange. Ich war glücklich. Doch der Höhepunkt kam ja noch: Hinterm Tannenbaum lag ein etwas sperrig verpacktes Paket, das mir Mutter überreichte: ,Ja, für Dich!’ Ich packte aus und holte ihn dann an meine Brust: Ein Teddy, nur für mich, und er konnte auch was sagen! Ich hätte vor Glück zerspringen können.
In der Küche war schon der Tisch gedeckt. Wie immer hatte Mutter Kartoffelsalat gemacht und für sich extra Heringssalat. Zur besonderen Überraschung zauberte Mutter denn noch für jeden einen goldgelben Bratapfel aus dem Herd, mit Rosinen und duftend nach Zimt und Vanille.
Zufrieden und glücklich stapften wir ins Bett. Wir hatten gerade gebetet, als Mutter noch einmal ans Bett kam. ,Jungs, das lag ganz versteckt. das ist was Besonderes. Das kennt ihr noch nicht – getrocknete Bananen.’
Ich hatte meinen neuen Hammer und die Zange mit ins Bett geschleppt und drückte nun meinen Teddy an die Brust. Dabei fühlte ich, dass mein neuer Spielgenosse unten nur ein Bein hatte. ,Mein Lieber’, flüsterte ich, drückte ihn mit beiden Armen fest an mich und dann trug mich die Müdigkeit in schöne Träume.“
