Bloherfelde - Eltern schenken ihren Kindern mit der Geburt das Leben – gleichzeitig aber auch den Tod. Doch während die Geburt eines Kindes ein großer Grund zur Freude ist, wird das Thema Tod aus der Gesellschaft und Öffentlichkeit verdrängt. Michael Olsen will den Tod in das Bewusstsein zurückholen, ihn so öffentlich wie möglich machen. Auch deshalb hat er ein Fahrrad konstruiert, auf dem der Tote im Sarg zum Friedhof gebracht werden kann – und nicht verborgen in einem Leichenwagen, sondern in aller Öffentlichkeit zu sehen.
Künstler und Visionär
Olsen ist freier Künstler, Kunsttechniker und Visionär, arbeitet aber auch als Postbote – wenn seine Gesundheit es zulässt. Beim Fällen von Fichten ist er vor einigen Monaten schwer verunglückt, lag im Koma, musste operiert werden und nun steht ihm erneut ein Krankenhausaufenthalt bevor. Tatsächlich freut er sich ein wenig drauf – auf Chantal, die junge Krankenschwester, die mit ihrer Lebensfreude und Dynamik die gesamte Station zum Leuchten bringt, wie er erzählt.
Immer das Positive sehen, auch für Olsen ist das Programm. Die Idee zum Rad kam von seiner Mutter, die vor Jahren den Wunsch äußerte, von ihrem Sohn im Sarg auf einem Rad zum Friedhof gebracht zu werden. „Doch leider starb sie zu früh, das Projekt geriet aber nicht in Vergessenheit“, erzählt der 60-Jährige. Zuhause seien sie Zeit seines Lebens immer sehr offen mit dem Thema Tod umgegangen, der zum Leben eben dazugehört, wie er betont.
Vor dreieinhalb Jahren erstand er dann ein auseinandergesägtes ausgedientes Postrad, das auf Langeoog jahrzehntelang seinen Dienst getan hatte.
Kreativität trifft Technik
Das holte er in die Werkstatt vom Verein „Kreativität trifft Technik“ (KtT) und begann mit der Tüftelei. Herausgekommen ist ein Gefährt, das absolut straßentauglich ist. Der Sarg liegt vorne und wird auf der Ladefläche mit Spanngurten fest verzurrt. Die Reling, die die Plattform umgibt, gibt dem Ganzen eher optisch einen Halt, vermittelt das Gefühl von Geborgenheit, notwendig ist sie eigentlich nicht.
Stern-Bestattungen von Ellen Matzdorf bucht das Rad schon jetzt.
Am Tag des Friedhofs am 20. September fährt Michael Olsen mit dem Rad vom Hauptbahnhof über die Amalienbrücke zur Dreifaltigkeitskirche.
Das Rad steht auf drei Rädern, über Konstruktion und Lenkung hat Olsen lange gegrübelt. Nun kann man damit mit ein wenig Übung relativ leicht fahren. Gelenkt wird es über das Hinterrad. Vorne sind zwei Räder, das verleiht dem Ganzen große Standsicherheit. Das Rad ist optisch so weit reduziert wie möglich, der Sarg soll im Mittelpunkt stehen.
Entschleunigung Thema
„Ein dogmatischer Autohasser bin ich übrigens nicht“, betont Olsen. Ihm geht es um die Entschleunigung. Denkbar ist es beispielsweise, dass hinter dem Rad die Trauergesellschaft folgt – ob zu Fuß oder mit dem Rad. Bei Trauungen hat man das ab und an auf den Oldenburger Straßen schon einmal gesehen – bei Beerdigungen noch nicht. Das wird sich allerdings bald ändern – erste Anfragen gibt es bereits.
Von der Bestattungsunternehmerin Ellen Matzdorf beispielsweise, die arbeitet übrigens auch als Hebamme.
