Bürgerfelde - Das Kriegsende in Oldenburg, die Schulzeit, die Befreiung: Viele Oldenburger haben noch lebhafte Erinnerungen an eine oft entbehrungsreiche Zeit. „Als Siebenjähriger habe ich das miterlebt. Wir wurden nicht ausgebombt, mussten die Wohnung in der Lambertistraße nicht verlassen, mein Vater hatte seinen festen Arbeitsplatz bei der ,Öffentlichen Lebensversicherung’ und wir hatten dank unserer bäuerlichen Verwandten genug zu essen“, schreibt Geert Claußen (82), der später 25 Jahre Rektor der Realschule Alexanderstraße war. Ihm und seiner Familie ging es besser, wie er sagt.
Die Einschulung
„Schuljahresbeginn war in Deutschland am 1. August. Da wurde ich 1944 in der Heiligengeisttor-Schule eingeschult. Meinen Ledertornister hatte ich von meinem Vetter übernommen. Gleiches galt für Pullover, Hosen und Hemden. Da Schuhe nicht zu bekommen waren, trug ich seine alten, bis sie zu groß genug für mich waren, dann übernahm sie mein Bruder.
Bald machten auch in Oldenburg Fliegeralarm und Bomben- und Tieffliegerangriffe den regelmäßigen Schulbetrieb unmöglich. Kurz nach den Herbstferien 1944 schickte man uns wieder nach Hause. Die Schulzeit war zunächst zu Ende, erst zum 1. August 1945 ging es weiter, und zwar wieder im 1. Schuljahr.
In der Klasse saßen in Zweierbänken 79 Mädchen und Jungen verschiedener Jahrgänge. Viele Kinder waren noch nie zur Schule gegangen. Zehnjährige saßen neben Sechsjährigen. Im Schuljahr veränderte sich die Schülerzahl ständig, immer mehr Flüchtlinge kamen nach Oldenburg oder zogen weiter.
Lesen und Schreiben
Uns fehlten Schulbücher, Hefte und Schreibgeräte. Wir schrieben im ersten Schuljahr mit Griffeln auf Schiefertafeln. Buchstaben und Ziffern löschten wir mit einem Schwamm, der am Rahmen befestigt war. Im Laufe der Nutzung bildeten sich tiefe Rillen in der Tafel, das Schreiben wurde zunehmend schwierig.
Die Fibeln waren alte Exemplare, in denen die Seiten mit Nazisymbolen zugeklebt oder geschwärzt waren. Erst später gab es „richtige“ Fibeln.
Im zweiten Schuljahr wurde die Tafel nur noch von Kindern genutzt, die kein Schreibpapier hatten, denn das war nicht erhältlich. Als Schreibmaterial hatten wir Bleistifte jeder Länge; für „Stummel“ gab es Halterungen („Hülsenverlängerungen“), so dass sie komplett genutzt werden konnten. Selbst farbige Stifte durften benutzt werden.
Die Lehrer
Die Lehrer behandelten uns korrekt; das lag auch wohl daran, dass sie meistens noch sehr jung waren und nur zwei Semester an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg studiert hatten – um den Lehrermangel zu beheben. Viele waren ehemalige Offiziere. Das war auch wohl der Grund, dass sie sehr auf Disziplin und Ordnung bestanden. Nach den Pausen mussten wir uns vor dem Schulgebäude aufstellen und an den Händen fassen.
Wenn alle stillstanden und ruhig waren, führte uns der Klassenlehrer in unseren Raum. Dort saßen wir in festen Bänken. Die Schreibfläche war mit der Rückseite des Vordersitzes verbunden. So konnte man seinen Hintermann ärgern, indem man sich beim Schreiben unruhig bewegte.
Strafe im Wiederholungsfall
Wollte man eine Frage stellen oder eine Antwort geben, musste man ruhig die Hand heben, und warten bis man aufgerufen wurde. Dann stand man auf und trat aus der Bank in den Gang. Mit den Fingern zu schnippen oder dazwischenzurufen war verboten und wurde im Wiederholungsfall bestraft.
Man bekam Schläge mit einem Stock auf die „böse“ Hand. Mädchen durften so nicht bestraft werden. Für geringere Vergehen musste man in der Ecke stehen, das Gesicht zur Wand. Bei Eintritt eines Lehrers standen wir auf und begrüßten ihn mit: „Guten Morgen, Frau/Herr XXX!“ Auf sein Zeichen durften wir uns dann setzen, aber erst wenn absolute Ruhe in der Klasse herrschte.“
