Oldenburg - Mit Detlef Roßmann bringt man in Oldenburg das Programmkino Casablanca am Pferdemarkt in Verbindung, das er 1981 zusammen mit Peter Welfers eröffnete. Doch sind seine Verdienste um die Stadt weitaus größer als die Bereicherung des kulturellen Lebens mit seinem Lichtspielhaus, in dem abseits des Mainstreams auch deutsche und internationale junge, innovative Filmkunst und Kinoklassiker gespielt werden. Roßmann gehörte auch zum 15-köpfigen Gründungsausschuss der Universität Oldenburg, der am 1. März 1971 seine Arbeit aufnahm, damit drei Jahre später am 1. April 1974 der Studienbetrieb losgehen konnte. Die Vorlesungen in den Diplomstudiengängen (Sozialwissenschaften, Ökonomie, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Raumplanung, Pädagogik) und sechzehn Lehramtsstudiengängen im Rahmen des Modellversuchs „Einphasige Lehrerausbildung“ besuchten 2507 Studentinnen und Studenten.
Den Ruf als politisch linke Kaderschmiede bekam die Carl von Ossietzky Universität, weil Oldenburg zu der Zeit eine sehr konservative Residenzstadt war. Alles Fremde war den Bürgerinnen und Bürgern suspekt, beurteilt Detlef Roßmann die damalige Stimmung in der Gesellschaft. Es gab seiner Erinnerung nach nur ein ausländisches Restaurant, ein jugoslawisches in Osternburg.
Die Stadt sieht heute ganz anders aus als 1971. Der Stadtrat war laut Roßmann sehr konservativ. Den Oldenburgerinnen und Oldenburgern waren die Reformvorstellungen des Gutachterausschusses – beispielsweise mit der geplanten einphasigen Lehrerausbildung – suspekt. NWZ-Redakteur Bodo Schulte berichtete von der Arbeit des Ausschusses und kam regelmäßig zu dessen Sitzungen. Den inhaltlichen Vorstellungen saß er konträr gegenüber.
Das Verhältnis zwischen NWZ und Gründungsausschuss war laut Roßmann kein gutes. Roßmann: „Alles galt als links, weil es neu war. Wie Kultusminister Peter von Oertzen auch, war ich SPD-Mitglied. Wir gehörten dem linken Flügel im SPD-Bezirk Hannover an.“
Gebürtiger Hannoveraner
Roßmann ist gebürtiger Hannoveraner, machte 1965 sein Abitur, begann ein Studium, wurde dann aber zur Bundeswehr eingezogen. Sein Versuch, den Kriegsdienst zu verweigern, war gescheitert. Den 18-monatigen Wehrdienst leistete er auf dem Fliegerhorst Wittmundhafen in Ostfriesland ab. Eine schicksalhafte Fügung, denn dort schloss er Freundschaft mit einem Kameraden, der bei seinen Eltern in Oldenburg wohnte. Der Weg nach Hannover war weit, also verbrachte man die freien Wochenenden gemeinsam an der Gaststraße und erkundete von dort aus die Stadt.
Gehörte zum 15-köpfigen Gründungsausschuss: Casablanca-Seniorchef Detlef Roßmann (77)
Thomas Husmann
Die Keimzelle der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Rechts im Bild der Sportplatz, darunter die Sporthalle und das kleine Lehrschwimmbad.
Uni Oldenburg
Detlef Roßmann
Thomas HusmannFreund in Oldenburg
So lernte Roßmannn Oldenburg kennen und zögerte nicht lange, als ihn sein ehemaliger Professor und zu diesem Zeitpunkt amtierender Kultusminister Peter von Oertzen fragte, ob er als studentischer Vertreter dem Gründungsausschuss für die Universität Oldenburg oder Osnabrück angehören wolle. Roßmann überlegte nicht lange und entschied sich für Oldenburg. Studiert hatte er an der Technischen Hochschule Hannover Anglistik, Germanistik und Politikwissenschaft und 1973 sein Examen abgelegt.
Kultusminister fragte
Von Oertzen war 1970 zum Kultusminister ernannt worden und hatte gute Kontakte zu seinem ehemaligen Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, der sich im Asta der TH engagierte. Schließlich wurde Roßmann von der niedersächsischen Studentenschaft beauftragt, deren Interessen im Gründungsausschuss zu vertreten.
Man traf sich alle 14 Tage, um die Ergebnisse aus den Kommissionen (Roßmann kümmerte sich um das Thema Lehrerausbildung) zu diskutieren und Beschlüsse zu fassen. Der Gründungsausschuss war zur Hälfte mit Vertretern aus der Region besetzt und zu je einem Drittel mit Studenten, Assistenten und Hochschullehrern. Allein das stellte die traditionellen Ordinarien infrage, erinnert sich Roßmann.
„Muff unter Talaren“
Wenige Jahre zuvor war zwei Studenten an der Universität Hamburg eine bundesweit aufsehenerregende Protestaktion gelungen. Bei der Rektoratsübergabe 1967 entfalteten sie vor den einziehenden Professoren ein Banner mit der Aufschrift „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“. Die Aktion wurde zum Symbol der Studentenbewegung. Roßmann: „Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit von Professoren hatte es nie gegeben.“
500 DM monatlich
Die Mitglieder des Gründungsausschusses bekamen monatlich 500 DM (250 Euro). Er schaffte die Grundlagen für die Neustrukturierung der Pädagogischen Hochschule, deren Neugründung und Erweiterung zu einer Universität. Initiativen hatte es schon lange gegeben, doch vor dem Hintergrund des eklatanten Lehrermangels, hervorgerufen durch die Beschulung der geburtenstarken Jahrgänge, gab das vom Bundesminister für Wissenschaft und Bildung, Hans Leussink, vorgelegte Gutachten zur Lehrerausbildung den Ausschlag. Darin wurde der Landesregierung empfohlen, Unis mit dem Schwerpunkt Lehrerausbildung im Westen und Nordwesten zu gründen. Man entschied sich für Oldenburg, Osnabrück und Vechta.
Stellen-Ausschreibungen
Die von den Kommissionen vorgeschlagenen Stellen wurden in den Jahren 1971 bis 1973 vom Gründungsausschuss bewilligt und besetzt. Für die Fächer erarbeitete der Ausschuss inhaltliche Studienkonzeptionen und Stellenplanungen. Kunsterziehung und Musik liefen im Klinker-Altbau an der Ammerländer Heerstraße/Ecke Haarenfeld. Dort befand sich auch die kleine Mensa, so Roßmann.
Kampf ums Geld
Die Hand zur Finanzierung ihrer Projekte und Bauvorhaben hielten aber auch die etablierten Universitäten in Göttingen und Hannover auf. „Es war und ist ein ständiger Kampf um Geld, Stellen und Raum“, stellt Roßmann mit Blick auf die Finanzierung und den Ausbau der European Medical School in Oldenburg fest.
Roßmanns Assistentenstelle im Fach Germanistik lief 1981 in Hannover aus, deutschlandweite Bewerbungsversuche scheiterten jeweils knapp. Also eröffnete er das Programmkino am Pferdemarkt und kehrte gern nach Oldenburg zurück. Für „sein großes und verdienstvolles Engagement im Bereich der Filmkunst, sowohl national als auch international“ verlieh ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor sechs Jahren das Bundesverdienstkreuz.
