Bundesgesundheitsminister Spahn hat öffentlichkeitswirksam eine Auffrischungsimpfung gegen Corona erhalten. Für wen sind solche Booster-Impfungen sinnvoll oder notwendig?
Prof. Dr. Axel HamprechtVon der Ständigen Impfkommission Stiko empfohlen werden die Auffrischungsimpfungen für alle Über-70-Jährige sowie für Bewohner von Pflegeheimen, für in der Gesundheitsversorgung tätige Personen mit Patientenkontakt und für Patienten mit Einschränkungen des Immunsystems. Es gibt mittlerweile aber darüberhinausgehende Daten, zum Beispiel sehr gute Studien aus Israel, wo bereits seit Juli Erfahrungen mit Boostern gesammelt werden. Danach sinkt das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes bei Menschen durch die Auffrischung deutlich im Vergleich zu zweimal geimpften. Dies insbesondere bei Personen über 70, aber der Effekt zeigt sich auch sehr deutlich für 40-69-Jährige. Für die Personengruppe unter 40 konnte dies in der Studie aufgrund zu kleiner Fallzahlen nicht genau analysiert werden.
Vor einer Überlastung der Hausarztpraxen durch Auffrischungsimpfungen warnt Prof. Dr. Michael Freitag „Die Praxen sind durch die monatelangen Impfaktionen schon heute am Anschlag“, sagt der Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin im Department für Versorgungsforschung der Medizinischen Fakultät der Universität Oldenburg.
„Ich bin auf jeden Fall dafür, Impfzentren wieder zu öffnen“, betont der Allgemeinmediziner, der selbst als Hausarzt in Oldenburg arbeitet. Die Corona-Impfungen bedeuteten weiterhin einen hohen organisatorischen Aufwand in den Praxen.
Impfstoffe könnten nur in Gebinden von sechs bis sieben Dosen bestellt werden. „Wir müssen also sammeln und Termine vereinbaren, an denen wir impfen.“ Der 50-Jährige kritisiert die starren Bestellvorgaben und langen Lieferfristen von zwei Wochen. „Das gibt es sonst bei keinem anderen Impfstoff.“ Auch deshalb seien Impfzentren mit anderen organisatorischen Möglichkeiten sinnvoll.
Warum empfiehlt die Stiko dann erst ab 70 Jahre und älter?
Prof. HamprechtDie Stiko wird angesichts der neuen Daten ihre Empfehlung überprüfen, da bin ich sehr sicher. Ich gehe fest davon aus, dass die Altersgrenze deutlich gesenkt wird. Eventuell wird es dann eine Empfehlung für alle ab 40 Jahre geben oder eine generelle Empfehlung wie in Israel. Die Stiko hat schon in anderen Fällen etwas langsamer als andere Impfkommissionen reagiert, um Beispiel bei der Empfehlung für die Impfung für Schwangere. Unabhängig von der Empfehlung der Stiko hat schon heute jeder ein Recht auf eine Booster-Impfung.
Ist es sinnvoll, sich unabhängig von der Stiko-Empfehlung boostern zu lassen?
Prof. HamprechtDie Auffrischungsimpfung ist durch die Impfverordnung gedeckt und wird auch bezahlt. Es hängt letztlich vom Hausarzt ab, ob er dazu bereit ist, oder ob er oder sie bis zur offiziellen Empfehlung der Stiko wartet. Boostern ist neben den schon genannten Gruppen vor allem bei Geimpften sinnvoll, die die sogenannten Vektor-Impfstoffe von Astra Zeneca und Johnson und Johnson erhalten haben. Bei diesen Impfstoffen lässt der Schutz früher nach als bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna.
Werden zum Boostern spezielle Impfstoffe verwendet?
Prof. HamprechtNein. Es ist zwar ein bisschen schade, dass solche weiterentwickelten Impfstoffe bislang nicht vorliegen; die Zulassungsverfahren wären wohl wieder zeitaufwendig. Zur Auffrischung werden derzeit ausschließlich Biontech und Moderna verwendet, beide Präparate sind hochwirksam und bieten für eine Auffrischung einen sehr guten Schutz – auch vor den Virusvarianten. Die Vektor-Impfstoffe Astra Zeneca und Johnson und Johnson sind in der Europäischen Union zum Boostern nicht zugelassen.
Wer soll das Boostern übernehmen? Die Impfzentren sind weitgehend geschlossen…
Prof. HamprechtDas ist ein Problem. Ich bin dafür, noch bestehende Impfzentren länger in Betrieb zu halten und – wo dies gut möglich ist – einige geschlossene wieder zu öffnen. Es müssen nicht die großen Kapazitäten wie im Sommer sein. Aber die niedergelassenen Ärzte werden das Boostern nicht vollumfänglich übernehmen können. Gerade jetzt im Winter in der Erkältungszeit sind die Hausarztpraxen stark belastet, sie würden schnell an ihre Grenzen stoßen. Auch mobile Impfzentren oder Impfzelte zum Beispiel vor dem Rathaus oder bei Veranstaltungen, sind sehr sinnvoll. Die Impfquote ist mit weiterhin deutlich unter 80 Prozent in Niedersachsen alles andere als zufriedenstellend.
