Oldenburg - Es sind nur 60 Quadratmeter. Aber in ihnen steckt so viel: zwei fast komplette Berufsleben, tausend Geschichten von aufgeregten Lehramtsanwärterinnen und -anwärtern und die komplette Breite der hiesigen Bildungslandschaft. Das „Curriculum“ an der Alexanderstraße/Ecke Nedderend ist eine Institution in der gesamten Region. Nun schließt die auf Pädagogik spezialisierte Fachbuchhandlung nach 27 Jahren ihre Türen.
Das Inhaber-Team, bestehend aus Andrea Handke (56) und Wolfgang Schneyink (66), hat nach der Bekanntgabe des Beschlusses bereits viele Gespräche vor allem mit der Stammkundschaft geführt, die über die übliche Beratung hinaus gegangen sind. „Sie waren betroffen, traurig, sogar geschockt“, erzählt Handke. Viele Lehrer, gerade aus dem Bereich Grundschul- und Sonderpädagogik (fast ausschließlich weiblich), kennen die Buchhandlung, seit sie hier im Referendariat unter Stress Material für ihre Unterrichtsentwürfe zusammengesucht haben – und blieben ihr später treu.
Großes Einzugsgebiet
Das Einzugsgebiet ist groß. Die Kundschaft ist zwischen Cuxhaven und Meppen, zwischen Verden und Norddeich zu Hause, berichtet Schneyink. Als er und Handke anfingen, waren sie nach seinem Wissen deutschlandweit eine von nur fünf Buchhandlungen mit ausschließlich diesem Spezialgebiet. Mutmaßlich sind sie inzwischen die einzige. Doch das reicht nicht aus, um die Zukunft zu sichern.
Handke und Schneyink arbeiteten in den 1990ern bei der Regensbergschen Buchhandlung in Münster, die zu der Zeit allerdings schon wirtschaftlich ins Schlingern geriet und 1997 schloss. Die beiden hatten sich bereits vorher entschlossen, gemeinsam eine Fachbuchhandlung zu eröffnen. Warum in Oldenburg? „Wir haben zunächst nach einer Stadt gesucht, in der wir beide leben wollten“, so Handke. Die Stadt an der Hunte, deren Uni-Wurzeln in der pädagogischen Hochschule liegen, passte sowohl privat als auch beruflich. Auch den Standort an der Alexanderstraße empfanden sie als ideal. Wichtiger als eine zentrale Lage war wegen des großen Einzugsgebiets die gute Anbindung an Autobahn und öffentliche Verkehrsmittel.
Andere Bedingungen
Das Konzept der Spezialisierung funktionierte über viele Jahre gut. Die beiden Buchhändler waren auch an Schulen, bei Lehrer-Fortbildungen oder der pädagogischen Woche an der Uni zu Gast. Doch schleichend änderten sich die Rahmenbedingungen. „Die Lehrer haben wegen zunehmender Aufgabenfülle und Bürokratie immer weniger Zeit, sich über Zusatzmaterial Gedanken zu machen“, sagt Schneyink. Was er und Handke anboten, waren die Inhalte, die über das Schulbuch hinaus gehen – Material zur Differenzierung, Kopiervorlagen. Eigentlich in Zeiten von Inklusion an Schulen umso wichtiger.
Ein weiterer Faktor ist, dass vermehrt Teile des Unterrichts in der digitalen Welt stattfinden, für die kein Buchladen benötigt wird. Die Entwicklung habe es bereits vor der Pandemie gegeben, sagt Schneyink. „Doch Corona war der Turbo.“ Als dann noch der Eigentümer des Gebäudes wechselte und es um höhere Mietzahlungen ging, fiel im Frühjahr die Entscheidung, nun einen sauberen Schnitt zu machen.
Zukunft offen
Bis zum 15. Oktober läuft der Abverkauf inklusive zahlreicher Abschiedsgespräche. Danach wird das Mobiliar feilgeboten, bevor sich die Ladentür zum letzten Mal schließt. Schneyink wird dann als Rentner mehr Zeit für die Familie einplanen und vielleicht nebenbei einen Schulbuchservice betreiben. Ob sich Handkes Berufsleben weiter um Bücher drehen wird oder sie die Branche wechselt, weiß sie noch nicht. Sie sei nach 27 Jahren als eigener Chef offen für alles. „Ich will meinen Blick weiten.“
