Oldenburg - „Jeder von uns hat seine Geschichte“, sagt Klaus und rührt mit dem Löffel in einer aufgeschnittenen Dose Erbsensuppe, „aber das hier ist nicht meine Welt“.

Hier – das ist das Übernachtungsheim für Obdachlose am Sandweg. Und ja, es ist doch die Welt des 56-Jährigen. Zumindest jetzt. Und sicher auch noch einige Zeit. Die falschen Freunde, sagt er. Fünf Jahre arbeitslos, sagt er. Eine Zwangsräumung, sagt er. „Beschissen, aber ich versuche, damit klar zu kommen“, das sagt er auch.

                                              Bild: Marc Geschonke

                                              Bild: Marc Geschonke

Jetzt liegt er mit fünf anderen Männern nachts auf einem Zimmer, hat das Schnarchen seines Bettnachbarn im Gehör und nur wenige Perspektiven im Blick. Mit einem dunkelblauen Handtuch hat er sich eine Liege im Haus reserviert. Seinen Schlafzimmerschrank, die Badtruhe und seine Vitrine – all den Besitz aus alten und vielleicht nicht immer nur besseren Zeiten – trägt er tagsüber in einer kleinen Sporttasche mit sich herum. Abends stellt er sie zwischen fremden Rucksäcken und gefüllten Plastiktüten ab. Leben geht anders. Aber atmen und bewegen – das kommt schon hin. Irgendwie.

Im Schnitt gehen 15 Menschen ohne Obdach hier täglich ein und aus. Frauen und Männer. Seelen in der Not mit wie ohne staatliche(n) Leistungen, aber auch Bettlerbanden und Feldarbeitskräfte. Gerade diese letzten beiden Punkte hatten die Stadtverwaltung vor einigen Monaten auf den Plan gerufen. Von „Missbrauch“ war die Rede, von „Fehlanreizen“.

Um diesen Einhalt zu gebieten, muss nun ab Januar für die Übernachtung bezahlt werden. Wie man denn so dreist und herzlos Obdachlosen auch noch Geld abnehmen könnte, wurde damals in aufgeheizter Stimmung kritisiert. Beleidigungen – vor allem in Sozialen Medien – setzte es da für die Verantwortlichen. Ein schlechtes Gewissen hatten die aber nicht. Warum auch? Schließlich wird das Geld vom Amt bezahlt. Die „Kunden“ müssten nur zu Leistungsempfängern werden. „Wir wollen so Anreize geben und den Menschen Beratungshilfen verschaffen“, sagt Ralph Wilken, Leiter des Bürger- und Ordnungsamtes, „denn viele Obdachlose nehmen Sozialleistungen leider nicht in Anspruch und drohen so, durchs Raster in die soziale Anonymität zu fallen.“ Wer sich diesen aber komplett verweigere, hat schlechte Karten. „Doch auch daran sollte es dann nicht unbedingt scheitern“, so Lars Gewald (Ordnungsamt). „Unser Ziel ist letztlich, dass niemand an der Tür die Pauschale zahlen muss.“

Fünf Euro sind für Otto-Normalverbraucher nicht viel. Für Menschen ohne Dach überm Kopf aber gibt es dafür genau das, für die Männer zudem Etagen-Bundeswehrbetten, eine Gemeinschaftsdusche und -toilette, einen alten Röhrenfernseher, PVC-Boden und Korkwände, alte Metallspinde, einen heruntergekommenen Plattenherd und einen aktuell kaputten Spülschrank. Für deren Zustand sind nicht nur die Nutzer, sondern auch die Stadt verantwortlich. Sie erklärt: „Das hier ist vorrangig Vermeidung von Obdachlosigkeit“.

Die Stadt ist aber auch für dies verantwortlich: Echte Matratzen, wechselnde Bettwäsche, Heizung, fließend Wasser, Strom, die tägliche Reinigung der Zimmer.

Auf Wunsch gibt’s Gespräche mit den häufig wechselnden Mitbewohnern. Viele sind indes verschlossen, behalten ihr Leben und ihre Erwartungen für sich. Dem Hausmeisterteam ist das ganz recht so. In Sachen Beratung – sozial oder psychologisch – sind ohnehin die Kollegen des Diakonie-Tagesaufenthalts in der Ehnernstraße kompetenter. Sandra Lüers aber hat hier wie ihre beiden Kolleginnen (und ein Kollege) das Haus im Griff, die Teilzeitbewohner im Vertrauen. Gibt es mal Zickereien wegen des Abwaschs – nicht jeder mag jeden und kommt mit allen Gewohnheiten zurecht – gut, dann passiert’s. Ist aber auch schnell wieder vorbei.

Die Belegungszahl bei den Männern ist recht hoch, im Winter noch höher. Frauen hingegen sind nur seltene Gäste, auf ihrer Etage gibt es acht Schlafplätze. Derer zwei werden aktuell genutzt. Vielleicht auch gut so: „Männer kann man leichter bändigen“, sagt Sandra Lüers, lächelt, und öffnet dem nächsten Übernachtungsgast die Tür.

Drei Stammgäste kommen seit Jahren her, einer seit zwei Jahrzehnten. Manche wollen auch einfach gar nicht mehr woandershin, haben ein stückweit aufgegeben. Die Hoffnung, bessere Zeiten, sich. Es sind die Strukturen, die sie halten und gleichermaßen auffangen. Strukturen, die sie woanders nicht hatten und auch sich selbst möglicherweise nicht geben konnten.

Einige wenige finden gerade hier neue Wege, zurück in ein altes, neues Leben und weg vom Haus am Ende der Welt, das doch eigentlich mitten in der Gesellschaft ist. Mit den Nachbarn beispielsweise lässt es sich da vortrefflich auskommen – abends, wenn die leicht bepackten Frauen und Männer „heim“ kommen, und morgens, wenn sie das Haus verlassen müssen.

                                              Bild: Marc Geschonke

                                              Bild: Marc Geschonke

Klaus, früher Schlachter und später Staplerfahrer, ist mit seiner aufgewärmten Dosensuppe durch. Mit seinen zwei Welten aber noch nicht: „Ich will jetzt erst mal einen 1-Euro-Job – das hier ist für mich wie ein kleiner Neuanfang, um irgendwann noch einmal aus dem Müll rauszukommen.“ Ein Schicksalsgenosse arbeitet sich derweil in seinem Rücken durch den übersichtlichen Kühlschrank. „Ist das Deine Margarine, Klaus?“ – „Ja, aber nimm’ ruhig“, antwortet er.

„Wissen Sie – wir haben alle nichts, aber sind froh, hier sein zu können“, sagt er, „denn sonst wären wir wieder auf der Straße.“ Fernab dieses Hauses am Ende der Welt.

Lesen Sie auch: Kleinstwohnungen für Familien in Not

Lesen Sie auch: Interview mit Ralp Wilken, Leiter des Bürger- und Ordnungsamtes