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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg

Sucht: „Er ist ja mein Sohn“

13.06.2015

Oldenburg Manchmal hat sie sich mit Brötchentüte und Kaba-Flasche aufs Rad gesetzt und ihn gesucht. Im Schlossgarten. Am Bahnhof. In den dunklen Ecken der Stadt. Da, wo sie so sind – Leute wie Dennis.

„Dennis ist mein Problemkind“, sagt sie, wenn jemand fragt. Wer Zeit hat, erfährt die ganze Geschichte. „Angefangen hat das vor zwölf Jahren“, sagt Doris und stellt Apfelsaft auf den Terrassentisch. Die Junisonne lugt durch die Fliederbüsche im Hundsmühler Garten. Wie vor ein paar Wochen. Da saßen sie hier, haben Skip-Bo gespielt, gelacht, zusammen gegessen. Wie eine ganz normale Familie: eine Mutter, ihr Mann, zwei erwachsene Söhne. Einer ist heroinabhängig.

Hasch im Kinderzimmer

Doris, 50 Jahre, Arzthelferin von Beruf, glücklich verheiratet in zweiter Ehe, hat irgendwann beim Aufräumen zwischen Turnschuhen und Schulheften Cannabis-Beutel im Zimmer ihres Ältesten gefunden. 15 war Dennis damals. Als Zwölfjähriger hatte er mit dem Kiffen angefangen. Als das nicht mehr gereicht hat, kamen die chemischen Sachen dazu: LSD, Ecstasy, Speed. Heroin nimmt Dennis seit einigen Jahren. „Er ist immer mehr abgemagert. Einmal war er hier zum Essen und hat den ganzen Flur vollgekotzt. Dann ist er zusammengeklappt. Ich hab’ ihn angeschrien, wollte wissen, was er jetzt wieder macht.“ Doris zündet sich eine Zigarette an und sagt: „Man stumpft so ab. Irgendwie gehört das alles schon zu meinem Leben.“

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Fünf Entgiftungen, etliche Therapien, die meisten abgebrochen, Klinikaufenthalte. Manchmal ist Dennis gleich nach der Entlassung zu seinem Dealer gefahren. Eine neue Chance hat sie ihm immer gegeben. „Er ist ja mein Sohn“, sagt sie. Wenn Dennis an die Tür des Hundsmühler Einfamilienhauses klopft, kriegt er was Warmes zu essen, darf duschen und Schmutzwäsche waschen. Machmal kommt er zweimal die Woche, manchmal dauert es Monate, bis sie ihn wiedersieht. Die Zeiten, in denen sie es nicht ausgehalten und den drogensüchtigen Sohn in der ganzen Stadt mit Kakao und Brötchen in der Hand gesucht hat, sind vorbei. Seit sie Dennis mit einer Spritze im Arm gefunden hat, wartet sie, dass er zu ihr kommt. Dann ist er klarer. Meistens.

„Manchmal ist er auf Turkey – Entzug, zittert, reißt alle Schubladen auf, weint. Gott sei Dank geht er dann irgendwann – Stoff besorgen“, sagt Doris. In ihrer Selbsthilfegruppe für Eltern von Drogenabhängigen, säßen auch Mütter und Väter, die ihre Kinder zum Dealer fahren müssten. Seit acht Jahren trifft sie die anderen Eltern, Ärzte, Anwälte, Lehrer, Hausfrauen, hört zu, fragt, nickt, erzählt. „Das hilft“, sagt sie. Überhaupt sei das wichtig: für sich selbst sorgen. Nicht nur für das kranke Kind leben.

Schmerzvolle Trennung

Zweimal hat Doris versucht, sich umzubringen. Gefunden hat sie immer ihr Mann, Andreas. „Mein Halt“, sagt sie. Über Dennis’ Vater kann sie inzwischen auch sprechen, seine Lügen, die vielen Affären. „Kleingemacht hat der mich. Ich hätte mich viel eher trennen wollen“, sagt sie. „Ich hab’s immer aufgeschoben. Wegen Dennis. Vielleicht“, sagt Doris und drückt ihre Zigarette aus, „habe ich meinen Sohn dafür verantwortlich gemacht, dass ich so lange gelitten habe.“

Dennis war ein Problemkind. „Introvertiert. Schwierig. Bockig“, haben die Lehrer in der Grundschule gesagt. „Gehen Sie mal zur Familienhilfe mit Ihrem Sohn“, hieß es. Doris hat Dennis in die Spieltherapie geschickt, zum Psychiater, in die Tagesklinik, hat ihm zum Schlagzeugunterricht und Schwimmtraining gefahren, hat mit ihm Akkordeon geübt und Flöte. Richtig gut war er. Ein musikalisches Kind, begabt, belesen. „Das ist er noch heute. Trotz allem“, sagt seine Mutter und erzählt von den vielen Blankobüchern, die Dennis mit Geschichten füllt – über Feen und Wichtel. Und über sich. „Manchmal rappt er – so aus dem Stegreif“, sagt Doris.

Ohnmacht und Angst

Die Frau beim Arbeitsamt hat Dennis ausgelacht, als er gesagt hat, dass er Musik machen will. Seinen Hauptschulabschluss hat er an der Sonderschule gemacht, gelernt hat er nichts. 25 ist er jetzt. „Was ich mir wünsche?“ Doris hebt die Schultern: „Dass er gesund wird.“ Als ihr Sohn 17 war, hat sie ihn vor die Tür gesetzt. Im Rausch hat er damals das ganze Zimmer zerlegt: Regale zertrümmert, die Tapete von der Wand gerissen, Türen eingetreten. „Später hat er sich entschuldigt, mir versichert, dass er mir nichts tun würde“, sagt sie. „Aber ich hatte Angst. Das war nicht mehr mein Kind“. Aufgenommen hat sie ihn doch wieder. Und noch mal rausgeworfen. „Untergekommen ist er mal hier, mal da“, sagt sie. Das habe ihr das Herz rausgerissen.

Nein, ihr Sohn sollte es anders haben. Erst war da der Umzug von Wildenloh nach Hundsmühlen – ein Neustart mit anderen Nachbarn, einer anderen Schule. Alles auf Anfang. Alles von vorne: Der neue Lehrer hat nicht dichthalten können, hat den Schülern von Dennis Problemen erzählt – und die wollten vom neuen Klassenkameraden wissen, ob er ihnen was besorgen kann. Drogen. Zum Feiern. Dennis konnte.

Hartz IV und Heroin

Ein zweiter Anlauf war die eigene Wohnung für Dennis: „Wir haben mit ihm gestrichen, alles hübsch gemacht“, sagt sie. Die Miete bezahlt Dennis mit dem Geld, das er vom Amt bekommt. Für das Heroin reicht Hartz IV nicht. „Ich nehme an, er dealt“, sagt seine Mutter. Fragen will sie lieber nicht.

Meistens bleibt Doris ruhig. Manchmal weint sie. „Dennis“, sagt sie, „ist immer in meinem Kopf. Er ist das Erste, woran ich beim Aufwachen denke und das Letzte vor dem Einschlafen.“ Nur auf der neuen Arbeit ist Doris einfach nur Arzthelferin, verheiratet, Mutter von zwei Söhnen. Da weiß keiner von dem Problemkind, da verschwindet Dennis auch aus ihren Gedanken. Im Winter ist Doris zusammengebrochen. „Völlig ausgeflippt", sagt sie. Da hat sie erfahren, dass ihr jüngerer Sohn kokst und kifft. Dennis ist auch wütend geworden, auf den kleinen Bruder, auf sich selbst. „Jetzt ist Schluss“, hat er gesagt. Kurz vor Weihnachten war das.

In drei Wochen soll es in die Entgiftung gehen. Momentan bekommt Dennis Subutex – ein Ersatzstoff, der den Suchtdruck mindert – und Beruhigungsmittel. Benzodiazepine. „Und er raucht Cannabis. Um sich zu benebeln“, sagt seine Mutter und zieht sich eine Strickjacke über. Es ist kühl geworden. Der Apfelsaft ist ausgetrunken. Ob Dennis es diesmal schafft? Doris schweigt. „Irgendwann. Daran glaube ich. Ganz fest“, sagt sie.

Anfangen und aufhören

Manchmal möchte Doris die Zeit zurückspulen wie einen alten Rekorder: vorbei an den Tränen, der Wut und Ohnmacht, den Schmerzen und Fehlern, falschen Entscheidungen und unausgesprochenen Worten, an einer Mutter, die mit Brötchentüte und Kaba-Flasche ihren obdachlosen Sohn am Bahnhof sucht. „Eigentlich“, sagt Doris, „eigentlich hat Dennis noch gar nicht richtig gelebt.“

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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