Oldenburg/Westerstede - Die Untersuchung dauert nur einen kurzen Moment – ein kleiner Knopf im Ohr, der ein paar Daten misst. Das tut nicht weh, könnte aber eine sehr wichtige Weiche im Leben eines Neugeborenen stellen: die, ob das Kind problemlos sprechen lernt oder nicht. Es ist der Hörtest kurz nach der Geburt, auf den alle Eltern ein Recht haben und der eine mögliche Schwerhörigkeit aufdecken kann.
Hörgerät oder Implantat
„Die Untersuchung wird in den Krankenhäusern meistens an Tag zwei nach der Entbindung gemacht“, erklärt Dr. Rüdiger Schönfeld. Er ist der medizinische Leiter des Oldenburger Hörzentrums und ehemaliger langjähriger Chefarzt der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie an der HNO-Universitätsklinik des Evangelischen Krankenhauses.
Ergebe sich bei diesem Test der Hinweis auf eine mögliche Schwerhörigkeit, folgen weitere Untersuchungen und auf eine Diagnose eine möglichst frühzeitige Behandlung durch eine Operation, ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat. Das Ergebnis: schwerwiegende Beeinträchtigungen in der Entwicklung des Kindes können so im Optimalfall abgewendet werden.
Und hierbei kommt das Oldenburger Hörzentrum ins Spiel: Dort sitzt die Trackingzentrale, bei der im vergangenen Jahr die Daten von 9083 Neugeborenen in Niedersachsen aus sechs Kliniken, darunter das Elisabeth-Kinderkrankenhaus des Oldenburger Klinikums, das Evangelische Krankenhaus in Oldenburg sowie die Ammerland-Klinik in Westerstede, erfasst wurden. In Oldenburg und im Ammerland und den weiteren angeschlossenen Kliniken wurde bei beinahe 100 Prozent der Kinder dieser frühzeitige Hörtest gemacht. Bei 1554 Kindern wurde eine Auffälligkeit festgestellt, so dass sie ins weitere Tracking-Programm übernommen wurden.
Post und Beratung
Dann bekommen die Eltern Post aus dem Hörzentrum, werden daran erinnert, welche Untersuchungen nun anstehen und welche Fachärzte diese Untersuchungen durchführen können und mit dem Hörscreening-Programm zusammenarbeiten. Gibt es keine Rückmeldung zur Behandlung der Kinder, folgen Erinnerungsschreiben und schließlich der persönliche Anruf zur Beratung.
Vergleichbare Programme in anderen Bundesländern würden belegen, dass Hörstörungen deutlich früher erkannt und behandelt würden und dadurch immense Kosten durch entfallende Folgetherapien gespart würden, erklärt Dr. Rüdiger Schönfeld. Was ihn aber mächtig wurmt: „In ganz Niedersachsen fallen etwa 86 Prozent der Kinder durchs Raster, weil das Neugeborenenhörscreening nicht flächendeckend gemacht wird.“ Das will das Hörzentrum ändern und das Tracking auf das ganze Bundesland ausweiten: „Zwei Jahre würden wir für den Anschluss, Aufbau und die Schulungen brauchen. Dann läuft das. Aber wir müssen das Geld dafür bekommen.“
1554 Kinder im Tracking
Unter den 1554 getrackten Kindern durch das Hörzentrum habe sich mittlerweile bei 1044 Kindern ergeben, dass ihr Gehör beidseits in Ordnung sei. 288 Fälle seien noch offen und acht Kinder sind bereits mit modernen Hörsystemen versorgt worden – acht Kinder, so Schönfeld, „die sich nun normal und ohne Beeinträchtigung entwickeln können“.
