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Einst von Nazis entfernt „Ernteszene“ von Emil Nolde findet den Weg zurück nach Oldenburg

Das Nolde-Werk enthüllten (v.l.): Chizuru Kahl, Ernst von Siemens Stiftung,  Dr. Stephanie Tasch, Kulturstiftung der Länder, und Kulturminister Falko Mohrs.

Das Nolde-Werk enthüllten (v.l.): Chizuru Kahl, Ernst von Siemens Stiftung, Dr. Stephanie Tasch, Kulturstiftung der Länder, und Kulturminister Falko Mohrs.

Sascha Stüber

Oldenburg - Ein paar farbige Pinselstriche hier, schwarze Linien und Schatten da, fertig ist das Kunstwerk, der Fantasie des Betrachters waren kaum Grenzen gesetzt. Expressionismus nannte sich diese Kunstrichtung, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitete. Emil Nolde war mit seinen Aquarellen einer ihrer bedeutendsten Vertreter. Dem Gründungsdirektor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Walter Müller-Wulckow, war das nicht entgangen. Vor 100 Jahren kaufte er im Gründungsjahr des Museums das großformatige Aquarell „Ernteszene“ (1907) für die „Moderne Galerie“ im Schloss an.

Der Kunstauffassung der Nazis entsprachen die expressionistischen Darstellungen nicht, sie wurden als entartet verfemt und aus den Sammlungen entfernt – auch die „Ernteszene“ wurde aus Oldenburg verbannt.

Am Freitag fand das Bild den Weg nach Oldenburg zurück. Ins Prinzenpalais, wo es Niedersachsens Kulturminister Falko Mohrs für das Land Niedersachsen, Dr. Stephanie Tasch von der Kulturstiftung der Länder und Chizuru Kahl von der Ernst von Siemens Kunststiftung an Museumsdirektor Prof. Dr. Rainer Stamm übergaben.

Daten und Fakten

Von 103 beschlagnahmten Kunstwerken aus der Sammlung des Landesmuseums Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg konnten bislang sechs Werke zurückerworben werden. Anlässlich der Rückerwerbung wird das Werk Emil Noldes zusammen mit den anderen beschlagnahmten und inzwischen wiedererlangten Werken im Prinzenpalais präsentiert.

Das Schicksal des nun zurückgekehrten Aquarells steht stellvertretend für das Schicksal vieler Kunstwerke während der NS-Zeit. Am 22. August 1937 wurde es im Rahmen der NS-Aktion „Entartete Kunst” beschlagnahmt. Im Dezember 1940 erwarb der Hamburger Kunsthändler Hildebrand Gurlitt das Nolde-Aquarell. 

Im Juni 2023 tauchte das Werk in einem Ausstellungskatalog wieder auf und konnte schließlich eindeutig als das einst in Oldenburg beschlagnahmte Blatt identifiziert werden.

Opfer und Täter

Emil Nolde war Opfer und Täter zugleich, so Mohrs in seiner Rede. Dabei hätte er es Martin Niemöller gleichtun können, der als widerspenstiger Pastor seit 1937 in Einzelhaft saß. Der wurde viele Jahre später in einer Diskussionsrunde gefragt, warum man in Deutschland nicht rechtzeitig aufgewacht sei. Seine Antwort: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Nicht im Gefängnis

Anders als die landete Nolde nicht im Gefängnis, führte Mohrs weiter aus. Der Künstler wandte sich nicht etwa vom Nationalsozialismus ab, wie man es hätte erwarten können. Im Gegenteil, er war glühender Anhänger der Nazis. 1938 beteuerte Nolde gegenüber Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, „als fast einziger deutscher Künstler im offenen Kampf gegen die Überfremdung der deutschen Kunst“ zu stehen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, sein Verhalten während der Herrschaft des Nationalsozialismus nach Kriegsende in eine Opfergeschichte umzuschreiben – wobei ihm die Einstufung seiner Werke als „Entartete Kunst“ hilfreich war.

Wichtiges Dokument

„Warum ist es vor diesem Hintergrund trotzdem richtig und eine Freude, dass die ,Ernteszene’ in das Landesmuseum Kunst und Kulturgeschichte zurückkehrt“, fragte Mohrs während der Pressekonferenz zur Bildübergabe in die Runde und gab selbst die Antwort. Das Werk gehöre zum Profil des Museums und sei ein Dokument aus einer Zeit, in der viele Deutsche zu Mitläufern der Nazis oder mehr noch zu Verfechtern ihrer menschenverachtenden Ideologie wurden. Bezeichnenderweise sei auch Museums-Gründer Müller-Wulckow seinerzeit im Amt geblieben – nach 1933, als die Nazis an die Macht gewählt wurden, aber auch nach 1945.

Die Museumsleitung habe dieses Wissen für die laufende Ausstellung hervorragend aufgearbeitet und präsentiert.

Thomas Husmann
Thomas Husmann Redaktion Oldenburg
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