„Energiesparen ist das Gebot der Stunde – für uns als Stadt, aber auch für die gesamte Gesellschaft.“ Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) wirbt eindringlich für Energiesparen – und das schnell: „Jede Kilowattstunde, die wir jetzt nicht verbrauchen, hilft uns, die Gasspeicher zu füllen und macht uns unabhängiger von Russland. Wir müssen sofort handeln. Alle müssen den Ernst der Lage begreifen. Jede Kilowattstunde, die wir heute nicht verfeuern, trägt dazu bei, unsere Versorgung in diesem und im nächsten Winter zu sichern.“
Welches Einsparpotenzial sieht die Stadt, um einen Beitrag zum Energiesparen zu leisten?
KrogmannEs gibt durchaus ein Potenzial, das mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen schnell genutzt werden könnte. Seit Ende März befasst sich eine ämterübergreifende Projektgruppe unter Leitung von Finanzdezernentin Dr. Julia Figura mit den Einsparpotenzialen bei städtischen Gebäuden und bei den von städtischen Beteiligungen genutzten Objekten und hat mögliche Maßnahmen herausgearbeitet. Bei den meisten Vorschlägen würde der Energiebedarf zwischen 10 und 20 Prozent gesenkt werden können. An dieser Stelle aber auch der Appell: Jetzt sind alle aufgerufen, so viel Energie zu sparen wie möglich – Handel, Gewerbe, Industrie, öffentlicher Sektor und private Haushalte. Jede einzelne Maßnahme mag klein wirken. In der Summe aber können wir gemeinsam eine größere Wirkung entfalten, als wir vielleicht annehmen.
Jürgen Krogmann ist seit 2014 Oberbürgermeister in Oldenburg. Er lebt in Etzhorn, ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Zudem ist der 58-jährige SPD-Politiker Vizepräsident des Niedersächsischen Städtetags. Von 2008 bis 2014 saß Krogmann als Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag, zuvor war er beruflich als Hörfunkreporter und Moderator sowie als Sprecher der Stadt Oldenburg tätig.
Welche Maßnahmen zum Energiesparen können Sie sich ganz konkret vorstellen, welche sind vielleicht auch schon geplant?
KrogmannWir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das Maßnahmenpaket auch unangenehme Dinge enthält. Niemand soll frieren, aber: Jedes Grad macht einen Unterschied. Fachleute sagen, dass bereits ein Grad weniger Raumtemperatur zu rund sechs Prozent weniger Energieverbrauch führt. Eine Senkung der Raumtemperatur – natürlich maximal auf den jeweils rechtlich zulässigen Mindestwert – ist also vorstellbar. Das würde dann für Verwaltung, Schulen und weitere öffentliche Einrichtungen gelten und den Energieverbrauch um 10 bis 15 Prozent drosseln.
Eine weitere, kurzfristig umsetzbare Maßnahme wäre die Abschaltung aller Durchlauferhitzer an Handwaschtischen, wodurch etwa 10 Prozent Energie eingespart werden könnte. Auch eine Abschaltung der zentralen Warmwasserbereitung in den Sporthallen während der Ferienzeiten und eine Abschaltung aller Wärmeerzeugungs- und Lüftungsanlagen über die Weihnachtsfeiertage ist denkbar, sofern kein Notbetrieb erforderlich ist.
Eine Überlegung ist, ob in der besonders kalten Jahreszeit eine zumindest teilweise Aufgabe von energieintensiven Objekten sinnvoll ist. Ins Kalkül gefasst haben wir auch, die Außenbeleuchtung öffentlicher Gebäude außer Betrieb zu nehmen, Ampelanlagen nach 22 Uhr abzuschalten oder die Straßenbeleuchtung zu reduzieren. Auch im Freizeitbereich gibt es Einsparpotenziale: So prüfen wir, die Schwimmbäder Eversten und/oder Kreyenbrück in den Sommerferien bis Ende August zu schließen.
Eine Entscheidung, welche der Vorschläge umgesetzt werden könnten, werden wir in Kürze treffen und bekanntgeben.
Wie hoch ist der jährliche Energieverbrauch für die städtischen Liegenschaften insgesamt?
KrogmannDer Erdgasverbrauch in unseren Liegenschaften beträgt rund 41 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Unser Stromverbrauch umfasst rund 12 Millionen Kilowattstunden im Jahr.
Welches sind überhaupt die größten städtischen Verbraucher?
KrogmannSowohl beim Gas- als auch beim Stromverbrauch rangieren die Schulen an erster Stelle. Sie verbrauchen 67 Prozent des gesamten Erdgasbedarfs und 50 Prozent des gesamten Strombedarfs. Unter den zehn Liegenschaften mit den größten Erdgasverbrauchswerten befinden sich acht Schulen sowie das Kulturzentrum PFL und der Abfallwirtschaftsbetrieb an der Wehdestraße. Zu den größten „Stromfressern“ zählen ebenfalls große Schulkomplexe sowie Gebäudeeinheiten des Technischen Rathauses in der Industriestraße und das Neue Rathaus am Pferdemarkt.
Was haben die Investitionen in Energieeffizienz in den vergangenen Jahren beim Verbrauch bereits gebracht?
KrogmannInvestitionen in energetische Gebäudesanierungen haben selbstverständlich einen positiven Effekt. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele: Zwischen 2018 und 2020 wurde an der IGS Kreyenbrück beim Hauptgebäude eine Fassaden- und Dachsanierung vorgenommen. Dadurch konnte der Wärmeverbrauch um 47 Prozent reduziert werden. Auch an der Grundschule Babenend wurde das Hauptgebäude in den Jahren 2017/2018 energetisch saniert. Hierdurch ließen sich Einsparungen von 52 Prozent gegenüber dem vorherigen Wärmeverbrauch erzielen. Was wir jetzt aktuell benötigen, sind jedoch sehr kurzfristig umsetzbare Maßnahmen.
Kommt gegebenenfalls auch die Umsetzung bereits geplanter oder begonnener (Bau-)Projekte auf den Prüfstand?
KrogmannDas ist derzeit nicht geplant. Was mir mehr Sorge macht, ist die bisher ungelöste Frage, wie untere und mittlere Einkommen die explodierenden Energiepreise verkraften sollen. Hier sind weitere Entlastungen nötig, sonst werden viele Menschen die Energiekosten nicht mehr bezahlen können. Andernfalls entsteht sozialer Sprengstoff. Klar ist, dass wir nur gemeinsam durch die Krise kommen werden.
Finanzielle Hilfen dürften ja vor allem vom Bund und vom Land kommen müssen. Welchen Beitrag kann die Stadt zur Abfederung von besonderen Härte von sich aus leisten?
KrogmannEs braucht in der Tat so etwas wie einen Härtefallfonds, der hilft, wenn die normalen Unterstützungsmöglichkeiten nicht ausreichen. Lokal gibt es ja schon vereinzelt Diskussionen, etwa über einen Energiekostenzuschuss für Vereine. Insgesamt werden die Unterstützungsmöglichkeiten der Stadt Gegenstand der Haushaltsberatungen sein. Wir müssen erst einmal warten, was von Bund und Land angeschoben wird. Sicher ist aber auch: Wir werden nicht im Ansatz alles abfedern können, wenn es zu einem Gasnotstand kommt.
