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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg

Entwarnung nach Festnahme: „Hat nie Gefährdung gegeben“

28.03.2017

Oldenburg Nach der öffentlichkeitswirksamen Festnahme eines 18-jährigen Schülers des Herbartgymnasiums gibt die Polizei am Nachmittag Entwarnung: „Es gab zu keiner Zeit eine Gefährdungssituation oder eine Straftat“, so Sprecher Stephan Klatte. „Wir sind einem seriösen Hinweis nachgegangen - und froh, dass wir so gehandelt haben.“ Der junge Mann habe seine Schreckschusspistole wegen eines kleinen Waffenscheins legal getragen.

Vorausgegangen war aber ein heikles Szenario: Hubschrauber kreisen über der Innenstadt. Polizisten sperren schwer bewaffnet großräumig das Schulgelände ab – Herbartstraße, Cäcilienstraße und alle anderen möglichen Zugänge sind dicht. Während im Schulgebäude die Vorhänge zugezogen, die Klassenräume verschlossen werden und Polizisten durch die Gänge laufen, wird zweihundert Meter weiter - an der Ecke Ofener Straße, ein junger Mann in Lederjacke und mit Aktentasche verhaftet. Ein Anrufer hatte der Polizei um 11.30 Uhr mitgeteilt, dass sich der besagte 18-jährige Oldenburger mit einer Waffe von Eversten aus auf den Weg zu seiner Schule gemacht hätte.

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Keine Alternative

Auf den Fluren wird zu Unrecht von einem Amokalarm gesprochen, vor den Straßensperren bleiben Menschen stehen, filmen oder fotografieren die Szenerie. Nachfragen, was denn hier wohl passiert sei, blocken die Beamten gleich ab. Trotzdem dringen immer wieder Infos in die Öffentlichkeit, kleine Brocken nur. Schüler des Herbartgymnasiums schicken aus den Klassenräumen via Whatsapp Nachrichten an Freunde oder telefonieren kurz - unter anderem auch an und mit dem vermeintlichen Tatverdächtigen. „Ein großes Missverständnis!“, werden die Achtklässler eine Stunde später sagen. Sie sind mit dem 18-Jährigen, der aktuell den 11. Jahrgang dieser Schule besucht, irgendwie verbandelt, vielleicht ja befreundet. „Aber der würde nichts tun“, sagen sie - und dass sie hoffen, der junge Mann sei nach der Festnahme unverletzt geblieben.

Mit Fotos des Oldenburgers hatte die Polizei nach ihm gefahndet. Der Hinweisgeber hatte den Namen mitgeteilt, ergo konnte im Hintergrund recherchiert werden, während die polizeilichen Maßnahmen längst hochgefahren wurden. Diesmal wurde die Schule aber nicht evakuiert - so wie in der vergangenen Woche die BBS Wechloy nach einer Amokdrohung. „Es gab eine Terminierung, wann der Tatverdächtige eintreffen wird - weshalb wir das Schulgelände auch weiträumig gesichert haben“, so Polizeisprecher Stephan Klatte. Der Schulleiter wurde sofort nach dem Hinweis informiert, in der Schule sogleich reagiert, die Schüler zum Ende der zweiten großen Pause in ihre Klassen gebracht. Manche setzten den Unterricht einfach fort - so manche „Elfer“ in ihrem Deutsch-Leistungskurs -, andere folgen den jährlich eingeübten Sicherheitsvorgaben.

„Ein ganz großes Kompliment an alle Schüler und Lehrer - das Sicherheitskonzept hat in der praktischen Umsetzung perfekt funktioniert“, wird Günter Tillmann später sagen. Der Leiter des Herbartgymnasiums hatte zuvor wie nach der Ausnahmesituation die Eltern via Rundmail informiert, ihnen - beziehungsweise ihren Schülern - eine schulpsychologische Betreuung angeboten. Die tatsächliche Gefährdung wollte er aber nicht bewerten. Ein Gespräch mit den Eltern werde zeitnah folgen, um das Geschehen zu analysieren und die weitere Aufbereitung durchzugehen.

Um kurz nach zwölf Uhr steht der vermeintliche Täter ebenfalls vor der Absperrung an der Ecke Herbartstraße/Ofener Straße. Weiße Hose, braune Lederjacke, schwarze Aktentasche unterm Arm. Wenige Augenblicke später fährt aber eine Zivilstreife vor, packt den 18-jährigen, sichert ihn am Fahrzeug. Seine Aktentasche wird durchsucht, tatsächlich eine Schreckschusswaffe gefunden. Was der 18-Jährige damit anzustellen gedenkt, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand.

„Zielperson gestellt“, wird es wenig später über Funk heißen. Entspannung macht sich unter den glücklicherweise nur wenigen Zaungästen aber nicht breit. Zu irreal ist die Situation, zu seltsam das Geschehen. Ein junger unscheinbarer Mann, der gerade noch neben ihnen stand, wurde verhaftet. Und nun?

Autobahnpolizei, Einsatz- und Streifendienst, Verfügungseinheit, Verkehrsunfalldienst, Fahnder und so weiter und so fort - mit einem massiven Aufgebot war die Polizei vor Ort, hätte dank beeindruckender Einsatzstärke und im Fall des Falles wohl Schlimmeres wohl verhindern können. Was aber, wenn es tatsächlich nur ein Missverständnis war? „Besser so als zu spät oder gar nicht“, sagt da ein Anlieger. Und dürfte absolut richtig liegen.

In der Mensa habe er schon häufiger Patronen vorgezeigt, sagen Mitschülerinnen. Dass er eine Waffe, sogar den kleinen Waffenschein besitzt, hätten sie gewusst. „Er hat das stolz erzählt“, so die 17-jährigen Frauen nach all der Aufregung. Eine junge Dame stürzt weinend aus der Schule, geradewegs in Richtung väterliche Arme, andere laufend lachend die gymnasialen Treppen herunter. „Amoklauf? Quatsch, kann ja nicht sein“, heißt es hier. „Also wenn man es einem zutrauen würde, dann ...“, dort. Mit „Stiller Post“ und gefährlichem Halbwissen wird diskutiert, neue Fakten werden geschaffen.

Was aber nicht minder Fakt ist: Der 18-Jährige sollte an diesem Montag in seinem Seminarfach ein Referat über das Deutsche Waffenrecht halten. Dass seine eigene Waffe da möglicherweise eine Rolle gespielt hat, ist wahrscheinlich. Das war wenige Minuten zuvor aber nicht bekannt - nicht dem Hinweisgeber, nicht der Polizei und auch nicht dem Schulleiter. Nur dem Schüler selbst und vielleicht einigen wenigen Mitschülern. Da ist das Kind aber längst in den Brunnen gefallen. Als der ganze Spuk schließlich vorüber ist, werden die Schüler in die Aula gerufen, die Situation kurz noch einmal von Tillmann und zwei Polizisten erläutert, dann das Unterrichtsende für diesen Montag verkündet. Nicht, um damit etwaigen „Nachahmungstätern“ in die Karten zu spielen, sondern einzig, „weil die Schüler so toll reagiert haben - es war eher eine Belohnung“, so der Schulleiter.

Im Cäcilienpark haben sich einige Achtklässler versammelt, reden über das, was da gerade mit ihrem Bekannten geschehen ist. Schon häufiger soll der 18-Jährige von anderen Gruppen, auch Mitschülern, böse angegangen worden sein. Dass er eine Waffe habe, solle dem eigenen Schutz dienen, heißt es - unabhängig von der Verhältnismäßigkeit. Und: „Er hat doch keine andere Wahl und Chance, sich zu wehren.“ Dass er aber wirklich einen Amoklauf plane, wie anfänglich kolportiert wurde, gar jemanden seiner Mitschüler verletzen könnte? Nein, das sei unmöglich. Das hätte er garantiert nicht gewollt. Eben alles ein „riesiges Missverständnis“. Wie sich später auch herausstellen sollte.

Dass sich die Unschuld des jungen Mannes nun belegen lässt, das gute Ende eines nervenaufreibenden Vormittags. Aber dies nicht allein: In den Sozialen Medien hatten offenbar Augenzeugen bereits Fotos von der Verhaftung des darauf gut erkennbaren 18-Jährigen geteilt. Für den jungen Oldenburger könnte damit die Aufregung erst richtig beginnen. Ob die Öffentlichkeit ihn „rehabilitieren“ lässt, bleibt abzuwarten. Leichter wird es für ihn an der Schule dadurch aber möglicherweise nicht. Von „erheblichem Mobbing“ ist da die Rede, der Schule wird von dem jungen Mann nahestehenden Menschen „Versäumnis“ unterstellt. Das weist der Schulleiter allerdings weit von sich. „Das ist kompletter Unsinn, Schüler und Eltern fühlen sich alle sehr wohl bei uns, wie auch eine Schulinspektion gezeigt hat.“

Auf rund zwei Dutzend Gymnasiasten sollte der Vorfall einen besonderen Druck erzeugen: Sie absolvierten am Montagmorgen, schon seit 7.50 Uhr, ihre schriftlichen Abiturprüfungen in Politik und Wirtschaft. „Wir haben ihnen einen Nachschreibetermin angeboten, falls sie sich in ihren Leistungen beeinträchtigt fühlen“, so Tillmann. Die Prüfungszeit wurde kurzerhand um 30 Minuten verlängert, bislang gab es keine Beschwerden der Schüler. Bis Donnerstag können sie entscheiden, ob sie die Prüfung erneut angehen wollen - oder es bei dieser belassen. „Schulrechtlich ist das alles abgesichert, die Landesbehörde hat zugestimmt“, so Tillmann auf NWZ-Nachfrage.

Um 15.27 Uhr gab die Polizei am Montag schließlich Entwarnung, hat aber weitere Ermittlungen aufgenommen. Dass sie derart groß auffuhr, um ein etwaiges Unglück verhindern - und dies auch noch in beeindruckender Zeit -, ist ihr trotz des beruhigenden Ausgangs allerdings hoch anzurechnen.

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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