Oldenburg/Wehnen - Da ist der dunkle Schatten, der sich übers Gemüt legt, das Gewicht, das die Seele erdrückt und sich auch mit großer Anstrengung nicht wegschieben lässt. Es ist die Depression, die Kraft, Lebensfreude und Zuversicht raubt und den Alltag zum steten Kampf macht. Depressionen gelten mit vier bis fünf Millionen Betroffenen in Deutschland als Volkskrankheit. „Und die Zahlen nehmen zu“, sagt Prof. Dr. Dr. René Hurlemann. Er behandelt Patienten, bei denen die gängigen Therapien und Medikamente nicht ausreichend anschlagen und geht neue Wege in der Behandlung.
Genetische Komponente
Hurlemann ist Klinikdirektor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Karl-Jaspers-Klinik. Er erklärt, dass die steigenden Zahlen auf die Pandemie und Postpandemie, die wirtschaftlichen Probleme, die Kriege und damit verbundenen Sorgen und Ängste zurückzuführen seien. „Eine Depression ist eine stressbedingte Erkrankung“, sagt Hurlemann, oft gebe es neben den Stressfaktoren zusätzlich eine genetische Disposition. Auslöser könne, müsse aber kein einzelnes Ereignis sein.
Neue Veranstaltungsreihe: Vierteljährlich lädt die Karl-Jaspers-Klinik zur ihrer neuen Veranstaltungsreihe „Gespräche zur seelischen Gesundheit“ ein. Dann geben Experten einen Überblick über verschiedene psychische Krankheitsbilder, Hintergründe der Entstehung, Behandlungsmethoden sowie aktuelle Forschungsergebnisse. Die Veranstaltungen finden im Schlauen Haus in Oldenburg, Schloßplatz 16, statt.
Um Depressionen geht es beim nächsten Termin: Prof. Dr. Dr. René Hurlemann, Ärztlicher Direktor der Karl-Jaspers-Klinik, sowie Dr. Sebastian Spanknebel sprechen dann über das Thema „Damit das Leben die Farben zurückgewinnt – Personalisierte Therapie der Depression“. Der Vortrag findet am Dienstag, 14. November, von 19 bis 20.30 Uhr im Schlauen Haus in Oldenburg statt.
Um Anmeldung wird per E-Mail (anmeldung@schlaues-haus.de) oder telefonisch unter 0441/99873398 gebeten.
„Bestehen die typischen Symptome über zwei Wochen hinweg, sprechen wir von einer Depression“, so der Facharzt. Die Klassiker sind unter anderem Niedergeschlagenheit, Antriebsmangel, das ständige Kämpfen gegen innere Widerstände, rasche Erschöpfung und Freudlosigkeit. „Auch bei Dingen, die vorher Spaß gemacht haben“, so Hurlemann. Die Patienten, die zu Hurlemann und seinen Mitarbeitern in die KJK kommen, haben meist schon mehrere Medikamente und Therapien ausprobiert – ohne den gewünschten Erfolg. „Das ist bei etwa 30 Prozent der Betroffenen so. Es sind also sehr viele Menschen davon betroffen. Wir arbeiten daran, Möglichkeiten zu entwickeln, auch solchen Patienten zu helfen.“
Seit 30 Jahren depressiv
Einer von ihnen ist Dirk Röckendorf. Er ist 65 Jahre alt, seit rund 30 Jahren leidet er an Depressionen: „Ich hatte keinen Antrieb mehr, es war die totale Erschöpfung. Da kommt man nicht mehr raus und gedanklich kreist alles um diesen Zustand.“ Damals war der Oldenburger noch im Studium, „mit angezogener Handbremse“, wie er sagt. Er nahm diverse Antidepressiva, die lange nicht richtig anschlugen, machte Psychotherapien und Psychoanalyse, hatte Gruppen- und Einzeltherapien.
„Die Depression kommt und geht in Wellen. Ich habe alles Mögliche gemacht, aber es hört nicht auf. Immer heißt es: ,Du muss an dir arbeiten’, das schlaucht. Irgendwann gibt man sich selbst die Schuld.“ Eine Zeitlang haben die Medikamente gut geholfen, die depressiven Episoden wurden kürzer. Bis zum Wendepunkt: „Die Wirkung ließ nach, die depressiven Phasen wurden länger“, sagt Dirk Röckendorf. Da hörte er das erste Mal von „TMS“, das steht für Transkranielle Magnetstimulation und wird in der Karl-Jaspers-Klinik angeboten: „Es schlug an. Das war eine unglaubliche Entlastung. Ich bin immer mit Blei herumgelaufen, jetzt war es wie ganz früher.“
Drei Säulen der Therapie
TMS ist eine von drei Säulen, auf die Prof. Dr. Dr. René Hurlemann in der Therapie setzt. Säule eins sind individuell aufeinander abgestimmte und angepasste Medikamente, „maßgeschneidert je nach Symptomprofil“, wie Hurlemann sagt. Säule zwei bildet die Psychotherapie und die dritte ist die Transkranielle Magnetstimulation. „Wir wissen, die Hirnstimulation hilft“, so Hurlemann. Über MRT-Aufnahmen würde genau festgelegt, welche Bereiche über magnetische Impulse beeinflusst werden. Bis zu zehnmal am Tag werde die Behandlung über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen durchgeführt, so Hurlemann: „Die Depression wird dadurch deutlich gemildert.“ Wie lange der Effekt anhält, sei über Studien noch nicht belegt, die Erfahrung zeige: sechs bis zwölf Monate. Dazu Dirk Röckendorf: „Für mich ist das eine sehr lange gute Zeit.“
