Oldenburg/Petersfehn - Mit ihren blau behandschuhten Fingern drückt sie die dicken Tabletten aus ihrem Blister in einen Mörser. Zehn Stück müssen es sein. Apothekerin Birte Neumann wiegt die Tabletten ab, notiert sich die Grammzahl: Genau diese Menge braucht sie später, um den Antibiotikumsaft, den sie für ein krankes Kind herstellen will, anzumischen. Dass sie jemals in ihrem Labor stehen würde, um so wichtige, aber gängige Medikamente selbst herzustellen, hätte die Apothekerin nicht geglaubt. Aber die Schubladen, in denen sonst diese Säfte lagern, sind leer. So wie viele andere in der Apotheke.
Keine Reinsubstanzen
Eigentlich ist die Versorgung mit Antibiotikasäften und -tabletten und vielen anderen Medikamenten so schlecht, dass der Begriff „Lieferengpass“ zu harmlos ist. Denn viele Mittel und Reinsubstanzen sind gar nicht lieferbar. „Wir sind zum Beispiel mitten in einer Scharlachwelle. Penicillin ist das Mittel der Wahl, aber es ist weder als Saft noch als Tablette zu kriegen“, sagt Birte Neumann, die die Uhlen Apotheke in Oldenburg und die Uhlen Apotheke Petersfehn führt. Lieferschwierigkeiten gäbe es auch für Herz- und Krebsmedikamente sowie einige Insuline.
Apotheker helfen sich
„Es gibt Patienten, bei denen muss die komplette Diabetesbehandlung umgestellt werden, weil die gewohnten Medikamente nicht lieferbar sind“, so Neumann.
Um die Kunden zu versorgen, ziehen die Apotheker an einem Strang, in Oldenburg wie auch im Ammerland, sagt Neumann: „Wir tauschen uns ständig aus: Wer hat was da? Wer kann etwas abgeben?“ Auch mit behandelnden Ärzten sind die Apotheker täglich in der Kommunikation, so Birte Neumann: „An die Kinderärzte melden wir, welche Mittel verfügbar sind. Mit anderen Ärzten tauschen wir uns aus, welche Alternativen es bei der Behandlung ihrer Patienten gibt.“ Ein Mitarbeiter sei damit beschäftigt, diese Telefonate zu führen: „Eigentlich sollen wir das vergütet bekommen. Aber dafür sind 50 Cent vorgesehen. Der Mitarbeiter hätte damit nur wenige Sekunden für ein Telefonat. Nichts davon ist kostendeckend.“
Ein Verlustgeschäft
Auch die Herstellung der Medikamente sei ein klares Verlustgeschäft: Etwa eine halbe Stunde brauche der Mitarbeiter für einen Antibiotikumsaft: „Dafür können wir einen Arbeitspreis von nur 8,10 Euro abrechnen.“ Birte Neumann schubst eine elfte Tablette in den Mörser, abrechnen kann sie diese wahrscheinlich nicht, weil von der Kasse nur zehn akzeptiert werden. „Ich brauche diese elfte Tablette aber, weil es bei der Produktion des Saftes immer Verluste gibt, zum Beispiel das, was im Mörser hängen bleibt. Aber die Dosierung des Wirkstoffes muss exakt stimmen.“ Die Apothekerin rechnet zudem damit, dass sie bei den Krankenkassen die Herstellung der Antibiotikumsäfte rechtfertigen muss: „Wir müssen nachweisen, dass es an diesem Tag einen Lieferengpass gab und wir deshalb selbst Saft herstellen mussten. Das ist alles ein Draufzahlgeschäft.“
Keine Besserung in Sicht
Dass sich die Lage kurzfristig bessert, daran glaubt Birte Neumann nicht: „Wir bekommen keine positiven Signale.“ Die Infrastruktur, die durch zu hohen Preisdruck über viele Jahre hinweg kaputt gegangen sei, fehle. „Ich habe nachgesehen: Den ersten Artikel über die Folgen durch zu hohen Preisdruck und den Wegzug der Produktion von Medikamenten aus Europa habe ich in unserer Apotheker-Fachzeitung im Jahr 2012 gefunden. Man wusste also, in was man reinsteuert. Dass es aber so weit kommt, hätte ich nicht geglaubt.“
