Oldenburg - Der Tumor ist winzig, zwischen den feinen Verästelungen der Gefäße kaum zu entdecken und damit schwer zu entfernen. Aber das Hologramm der Leber dieses Patienten eröffnet dem Chirurgen den Weg zum Tumor: Über eine VR-Brille sieht er das Hologramm, kann das dreidimensionale Abbild der Leber in seinen Händen drehen, es von allen Seiten betrachten. Und da ist es, das kleine Schlüsselloch, durch das der Tumor erreicht werden kann, ohne umliegende Gefäße zu verletzen. – Dieses Szenario gehört zur Holomedizin und damit zur Chirurgie der Zukunft, die Ärzten wie Patienten neue Chancen und Möglichkeiten eröffnet.
Forschung auf der Überholspur
Für Prof. Dr. med. Dirk Weyhe, Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie und der Universitätsklinik für Viszeralchirurgie, ist diese Art der Medizin Alltag. Er forscht mit seinem Team zu virtual, augmented und mixed Reality in der Medizin. Eine Forschung, die nicht Langmut erfordert, sondern die auf der Überholspur stattfindet, weil sich die Technik in Lichtgeschwindigkeit entwickelt. „Früher konnte man in der Medizin sagen, man schafft vielleicht alle zwei Jahre einen Meilenstein, manchmal auch nur einen kleinen. Jetzt hat ein Entwicklungszyklus zwölf Wochen“, so Weyhe im Gespräch mit unserer Redaktion.
Die Anwendbarkeit der Holomedizin wird im Rahmen der Forschung im Pius-Hospital getestet – beispielsweise bei der Planung komplexer Eingriffe an Leber oder Bauchspeicheldrüse. „Die patientenindividuellen Hologramme werden aus CT- und MRT-Aufnahmen gefertigt“, erläutert Weyhe. Bei CT- und MRT-Aufnahmen müsste der Arzt die Bilder in seinem Kopf zusammensetzen: „Jeder sieht dabei etwas anderes oder interpretiert die Bilder anders. Bei den Hologrammen haben alle Betrachter die gleiche Basis.“ Der Hamburger Softwarespezialist apoQlar habe die Softwareentwicklungen für die Microsoft HoloLens gemacht, die den Medizinerinnen und Medizinern die neuen Methoden ermöglicht, so Weyhe. Vergleiche bei Studenten, Assistenz- und Oberärzten hätten gezeigt, dass alle Beteiligten beispielsweise Tumore auf den 3D-Aufnahmen besser erkennen.
Aktuell ein Standbild
Während einer Operation hilft die Holomedizin dem Operateur, „sich gefahrloser durchs Gefäßsystem zu arbeiten“. Er könne sich seinem Ziel in der Darstellung von allen Seiten nähern. Was es noch nicht kann: Die Hologramme passen sich nicht parallel zur Arbeit des Chirurgen während einer Operation an, sie sind ein Standbild. „Aber auch das wird kommen“, ist Weyhe überzeugt. Von 4D ist er bereits fasziniert: „Die Aufnahmen visualisieren die Funktion.“ Der Mediziner sehe beispielsweise im Hologramm, wie die Herzklappen seines Patienten arbeiten.
Als Avatar in den OPs der Welt
Eine entscheidende Rolle schreibt Dirk Weyhe der Holomedizin für die Telemedizin zu: „Ärzte können sich als Avatare in jeden OP der Welt zuschalten und dort unterstützen.“ Miami – Oldenburg – Singapur: Das sind die Städte, aus denen sich die Ärzte und Forscher derzeit in der virtuellen Welt zur Zusammenarbeit treffen. „Meine Welt beginnt hier im Nordwesten. Gerade vor dem Hintergrund von Klinikschließungen, wie sie in Deutschland ja prognostiziert werden, werden hiermit in Zukunft telemedizinische Angebote gemacht werden können, wenn bestimmte Versorgungsstrukturen vor Ort nicht mehr vorhanden sind“, berichtet Prof. Dirk Weyhe. Zu einer zukunftssicheren Gesundheitspolitik gehöre der Auf- und Ausbau der digitalen Infrastruktur für diese Form der Medizin: „Es ist dringend erforderlich, die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen, um unseren aktuellen tollen Vorsprung im Bereich der Holomedizin in Deutschland weiter auszubauen“, so Weyhe, der diese Botschaft der Politik in Berlin bei einem Parlamentarischen Frühstück überbrachte, wo er in die Holomedizin einführte: „Und das ist die Zukunft der Chirurgie.“
