Oldenburg - In Niedersachsen wurden im vergangenen Jahr 26.997 Fälle körperlicher, psychischer, sexueller oder ökonomischer Gewalt gegen Frauen in Haushalten angezeigt, das sind rund 74 pro Tag – wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Jede zweite Frau ist in ihrem Leben sexueller Belästigung ausgesetzt gewesen, eine von 20 Frauen gibt an, vergewaltigt worden zu sein. Es sind furchtbare Zahlen, hinter denen Fall für Fall schreckliche Schicksale stehen.
Anja Maud Siegert ist Vorsitzende der Johanniter Hilfsgemeinschaft Oldenburg..
Thomas HusmannWenig Schutzangebote
Im krassen Gegensatz dazu sind die Schutzangebote zu sehen, die es für Frauen und deren Kinder gibt. Im Autonomen Frauenhaus Oldenburg (die Adresse ist geheim) sind nur zwölf Plätze für Frauen und acht für deren Kinder vorhanden. „Viel zu wenig“, weiß Anja Maud Siegert (57), Vorsitzende der Johanniter Hilfsgemeinschaft Oldenburg. So mussten im vergangenen Jahr 152 Frauen mit 298 Kindern abgewiesen werden – beziehungsweise wurde versucht, sie woanders unterzubringen. Die Hannoversche Genossenschaft des Johanniterordens wird ein offenes Frauenhaus einrichten – in einem neungeschossigen Neubau an der Ecke Moslestraße/Raiffeisenstraße. Die Geschäftsführung wird die Diakonie Oldenburg übernehmen.
Istanbul-Konvention
Die sogenannte Istanbul-Konvention, ein Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, verpflichtet Kommunen pro 10.000 Einwohner einen Platz zur Verfügung zu stellen. Für Oldenburg wären das 17,5, rechnet Siegert vor, fehlen rechnerisch 5,5. Die sechste bis neunte Etage des Neubaus sollen deshalb zu einem Frauenhaus umgebaut werden, für die siebte bis neunte Etage sind Wohnebenen mit zehn variierbaren Appartements vorgesehen, davon vier barrierefrei. Frauen mit körperlichen Einschränkungen sind häufiger Opfer von Gewalt, weiß die Vorsitzende der Johanniter Hilfsgemeinschaft. Aufgenommen werden mit ihren Müttern auch Jungen im Alter von 12 bis zu 17 Jahren. Das ist in anderen Frauenhäusern nicht der Fall, dort gelten sie laut Siegert aufgrund ihres Alters als potenzielle Gefährder.
Schutzkonzept
Mit der Polizei wird nun an einem Schutzkonzept mit Einlasskontrollen gearbeitet. Durch das offene Konzept soll ein niedrigschwelliges Schutz- und Beratungsangebot geschaffen werden, das gleichzeitig die Enttabuisierung des Themas häusliche Gewalt fördert und eine Ergänzung zum Autonomen Frauenhaus darstellt. Vorbild sind die sogenannten „Oranje Huis“ in den Niederlanden.
Das Frauenhaus ist ein Werk der Hannoverschen Genossenschaft des Johanniterordens, der die Immobilie anmietet. Mit der Fertigstellung ist in gut zwei Jahren zu rechnen.
