Die Situation der Kurden ist alles andere als einfach: Das Volk ohne eigenen Staat wird in seiner Heimat, die in den heutigen Ländern Türkei, Syrien, Iran und Irak liegt, oft unterdrückt, die kurdische Kultur zum Teil sogar verboten. Heja Netirk ist als Kurdin in der Türkei aufgewachsen und hat in Istanbul Anglistik studiert. Eigentlich wollte sie über ein bereits bewilligtes Stipendium an die Columbia University in New York gehen, landete kurz zuvor aber in einem türkischen Gefängnis – aus politischen Gründen. Deshalb floh sie nach Deutschland und war eines der Gründungsmitglieder des BAN Theaters, das am 3. und 4. November in Oldenburg auftreten wird. Im Interview mit unserer Redaktion berichtet Netirk, wie sie Schauspielerin geworden ist, worum es in dem Stück „QBX Pavillon der traurigen Vögel“ geht und wie sie es geschafft hat, ihre Identität in der Fremde neu zu formen.
Von der Uni ins Gefängnis und jetzt auf die Bühne – in deinem Leben hat es viele Wendungen gegeben. Wie kam es dazu?
Heja Netirk ist 35 Jahre alt und als Kurdin in der Türkei geboren worden.
In Istanbul hat sie Anglistik studiert und hatte ein Stipendium für die Columbia-Universität in New York.
Aus politischen Gründen wurde sie in der Türkei verhaftet und saß insgesamt neun Monate im Gefängnis.
Danach floh Netirk nach Deutschland, kam nach Düsseldorf und anschließend nach Hamburg, wo sie seit mittlerweile fünf Jahren lebt.
In Hamburg hat sie zusammen mit Hüseyin Umaysız und Alan Ciwan im Jahr 2019 das „BAN Theater“ gegründet, mit dem sie am 3. und 4. November im Oldenburger Theater Hof/19, Bahnhofstraße 19, Gastspiele gibt.
Tickets für die Aufführungen des Stückes „QBX Pavillon der traurigen Vögel“ gibt es zum Preis von 20 Euro (ermäßigt: 10 Euro) über die Homepage vom Theater Hof/19:
Weitere Informationen zum BAN Theater gibt es im Internet:
Heja NetirkJa, dieser Weg ist aus deutscher Perspektive ungewöhnlich. Für eine Kurdin aus einer Familie, die in der kurdischen Bewegung aktiv ist, ist das aber keine große Überraschung. Denn meine Verhaftung hatte politische Gründe. Dass ich nach Deutschland gekommen, hier Schauspielerin und Mitbegründerin eines Theaters geworden bin, resultiert aus dieser Verfolgung und der Unterdrückung der kurdischen Kultur.
Und eben diese Kultur ist es, die du mit dem BAN Theater auf die Bühne bringst?
NetirkJa, genau so ist es. Meine beiden Partner und ich haben ein Stück konzipiert, das „QBX Pavillon der traurigen Vögel“ heißt und an einen kurdischen Roman angelehnt ist.
Worum geht es?
NetirkInhaltlich dreht sich die Geschichte um eine junge Frau, die sich entscheiden muss, einen von drei Verehrern zu heiraten. Um zu sehen, wer der geeignetste ist, schickt sie die Männer mit der Aufgabe, jeweils 100 Vögel mitzubringen, auf eine sieben Jahre andauernde Reise. Am Ende will sie am Geruch der Männer entscheiden, wen sie heiratet.
Was hat diese Entscheidung mit dem Geruch zu tun?
NetirkDie junge Frau ist sehr neugierig und würde selber gern reisen, darf es aber nicht. Deshalb schickt sie die Männer auf die Reise, damit die die Gerüche der Welt zu ihr tragen. Das ist aber nur eine Ebene des Stückes.
Worum geht es noch?
NetirkUm universellere Themen. Natürlich um die Liebe aber auch um Migration, das Gefühl, fremd zu sein und den Verlust von Wissen und der eigenen Kultur.
Das hört sich in großen Teilen wie deine eigene Geschichte an.
NetirkEs gibt Parallelen und ich versuche auch, wenn ich auf der Bühne stehe, immer etwas von mir in die Rollen einfließen zu lassen. Bei diesem Stück spielt aber auch die Art unseres Auftrittes eine große Rolle, denn das was wir zeigen, ist kein Schauspiel im herkömmlichen Sinn.
Sondern?
NetirkWir bringen klassische kurdische Erzähltechniken auf die Bühne und verknüpfen diese mit sinnlichen Elementen wie Gesang, Gerüchen oder Körperbewegungen. Dadurch entsteht eine neue Form von Ausdruck, die beim Publikum bisher immer gut angekommen ist und Spaß macht.
Welche Bedeutung hat die Schauspielerei für dich?
NetirkÜber die Schauspielerei habe ich eine neue Identität entwickelt. Als ich nach Deutschland gekommen bin, hatte ich Probleme, mich zurechtzufinden, weil ich keine Aufgabe hatte. Man könnte auch sagen, dass mir der Kontext für mein Leben gefehlt hat. Das hat sich nach fünf Jahren geändert, war aber kein leichter Weg. Es ist harte Arbeit, ganz von vorn anzufangen. Für mich hat es sich aber gelohnt und ich freue mich sehr darauf, nach Oldenburg zu kommen und zu zeigen, was unser Theater entwickelt hat.
