Oldenburg/Rastede - Der Traum von einer Medaille bei einer internationalen Meisterschaft ist für den Oldenburger Philipp Bayer bereits zum zweiten Mal in Erfüllung gegangen. Der 29-jährige Handballer, der im Ammerland für das Landesliga-Team des VfL Rastede spielt, gewann nach EM-Bronze 2016 mit der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft jetzt mit seinen Kollegen Silber bei den 24. Sommer-Deaflympics im brasilianischen Caxias do Sul. Nach einem Durchmarsch bis ins Finale musste sich Deutschland einzig den überragenden Kroaten 21:32 geschlagen geben.
Die Deaflympics umfassen zahlreiche Wettbewerbe im Gehörlosensport, werden wie Olympische und Paralympische Spiele alle vier Jahre ausgetragen und finden immer im Jahr nach diesen beiden Großevents statt. Auch im Gehörlosensport gibt es Sommer- wie Winterspiele. Erstmals wurden die Deaflympics 1924 in Paris ausgetragen.
Mit dem Einzug ins Endspiel ging eine sehr lange Durststrecke zu Ende. Zuletzt war das deutsche Team viermal in Folge im Halbfinale gescheitert. „Von daher war das natürlich unser Minimalziel, zumal die Vorbereitung auf das Turnier sehr gut gelaufen ist“, erzählt Bayer strahlend. Für den Rückraumspieler war es der bisher größte Erfolg seiner Karriere. Der Oldenburger Keeper Tim Carstens (45, TSG Hatten-Sandkrug), der schon einige Turniere mit der Gehörlosen-Nationalmannschaft erlebt hat, hatte es diesmal nicht in den Kader geschafft.
Bayer steuerte elf Treffer zum Medaillengewinn der „Deafboys“ bei. Zum Turnierstart hatte das Team Gruppenfavorit Serbien 30:25 bezwungen. Es folgten klare Erfolge gegen Kenia (43:13) und Gastgeber Brasilien (43:20), ehe die deutsche Auswahl auch im Halbfinale mit der Türkei nichts anbrennen ließ. Mit einem 34:22 zogen Bayer & Co. ins Finale ein, in dem sich die Kroaten aber als zu stark erwiesen.
Für den Oldenburger, der sein Geld als Design-Ingenieur bei Kalkhoff verdient, waren es die zweiten Deaflympics nach den Spielen in der Türkei vor fünf Jahren, als Deutschland unglücklicher Vierter wurde. Neben dem sportlichen Erfolgserlebnis gab es für Bayer auch noch einen weiteren speziellen Moment. „Als bei der Eröffnungsfeier die Ukraine einmarschiert ist, habe ich richtig Gänsehaut bekommen“, betont er mit Blick auf den Krieg in dem osteuropäischen Land und ergänzt: „Da stand dann die ganze Halle und zeigte ihren Support für die Sportler. Meine Augen sind dabei nicht trocken geblieben.“
Als Philipp Bayer vor 29 Jahren in Bad Honnef (Nordrhein-Westfalen) das Licht der Welt erblickte, war er bereits gehörlos. Als Dreieinhalbjähriger bekam er ein Cochlea Implantat, durch das er problemlos hören kann. „Wenn ich das Implantat allerdings ausschalte, kann ich absolut nichts mehr hören“, erzählt Bayer, der natürlich auch die Gebärdensprache beherrscht.
Zum Handball kam Bayer durch den deutschen WM-Triumph 2007 in Köln. „Da hat mich das Handball-Fieber gepackt und nicht wieder losgelassen“, erzählt der sportverrückte 29-Jährige, der zuvor einiges ausprobiert hatte. Los ging es für ihn beim TV Eiche Bad Honnef, ehe es ihn über die HSG Siebengebirge zum VfL Rastede führte. Im Ammerland läuft er für das Landesliga-Team auf. „Außer bei der Nationalmannschaft bin ich nicht im Gehörlosensport aktiv. Der wesentliche Unterschied ist die Kommunikation auf dem Platz. Da Hörhilfen nicht erlaubt sind, wird über Zeichensprache kommuniziert.“
Vom Gehörlosen-Nationalteam erfuhr Bayer erst als 22-Jähriger, als jemand seinen Eltern davon erzählte. Nach einem Kontakt mit dem Bundestrainer lud dieser ihn vor sieben Jahren zu einem ersten Lehrgang ein. Seitdem ist er fester Bestandteil des Teams, für das er bisher 16 Spiele absolviert hat: „Diese Situation erleben viele von uns. Wir sind auch der Überzeugung, dass es viel mehr Handballspieler gibt, die schwerhörig oder gehörlos sind und in ,hörenden’ Teams spielen, aber nichts von einer Gehörlosen-Nationalmannschaft wissen.“
