Oldenburg - Ein großes Altbauhaus aus Ziegelstein mit blühendem Flieder vor der Tür, eine gemütliche Wohnung mit großem Ess- und Wohnzimmer: Hier kann man einfach vorbeikommen, am Tisch Platz nehmen, reden. Das offene Angebot richtet sich an alle Menschen, die sich psychisch belastet fühlen. „Es gibt keine Hürden. Man muss sich nicht anmelden, man muss nichts mitbringen. Wir fragen auch nicht nach Diagnosen. Es kann jeder kommen, der das Gefühl hat, dass er Unterstützung braucht“, erklärt Jonas Rühl.
Der 35-Jährige ist seit September letzten Jahres Leiter der Begegnungsstätte Propeller in der Auguststraße 90. Dort können psychisch erkrankte Menschen Kontakte knüpfen und sich in Gesprächen austauschen – seit mehr als 30 Jahren. Es war damals eines der ersten ambulanten Angebote in der Stadt.
Wenn das Zutrauen fehlt
„Unser Angebot ist sehr niedrigschwellig angelegt“, erklärt Rühl. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen sei es oft schwer, Anlaufstellen zu finden. Auch fehle manchmal der Mut oder das Zutrauen, sich selbst um Hilfe zu kümmern. Im Propeller gibt es ein offenes Café und Kurse, wie zum Beispiel Handarbeiten, Kochen, Trommeln oder ein Kleingartenprojekt. „Die festen Termine helfen, eine Tagesstruktur zu geben. Das ist bei Depressionen und auch anderen psychischen Erkrankungen wichtig. Man kann hier auch mal alltägliche Aufgaben erledigen, zum Beispiel Wäsche waschen“, so Rühl.
„Wir bieten einen Schutzraum. Jeder darf so sein, wie er ist, und man ist nicht allein.“ Wer nicht zu einer der Gruppen gehen mag, könne einfach beim Propeller anrufen. Auch dann bekommt er eine erste Beratung.
„Viele Menschen kommen schon lange zu uns. Der Altersdurchschnitt unserer Besucher liegt zwischen 40 und 50 Jahren“, erzählt Jonas Rühl. Mittlerweile würden aber auch zahlreiche jüngere Ratsuchende kommen. „Der Bedarf ist auch bei den jüngeren Menschen da. Die Pandemie hat vielen zu schaffen gemacht“, so der 35-Jährige. Auch Leistungsdruck in der Schule könne ein Grund sein, dass man sich nicht wohl fühlt. Mit der neuen Gruppe „Triebwerke“ wurde nun ein eigenes Angebot für junge Erwachsene von 18 bis 30 Jahren eingerichtet (donnerstags von 17 bis 19 Uhr).
Hilfe für Angehörige
Nicht nur psychisch belastete Menschen, auch ihre Angehörigen finden beim Propeller Hilfe. „Wir haben für Angehörige einmal im Monat eine Selbsthilfegruppe. Bei diesen Treffen sind immer ein Facharzt aus der Karl-Jaspers-Klinik und eine pädagogische Beratung dabei“, erklärt Jonas Rühl. Die Angehörigen würden meist ein großes Gefühl der Hilflosigkeit erleben. „Wir helfen ihnen, sich selbst zu stärken und für sich selbst zu handeln.“
Mit Rühl zusammen arbeiten zwei weitere Mitarbeiter in der Begegnungsstätte. Außerdem helfen manch langjährige Besucher ehrenamtlich im Propeller mit. „Ohne diese Hilfe würde es nicht gehen“, weiß der 35-jährige Leiter. Träger der Begegnungsstätte ist der Verband Zentegra, unterstützt wird das Angebot außerdem vom Gesundheitsamt.
