Oldenburg - Erst auf einer der letzten Etappen erwischte es sie: Eine Reißzwecke stoppte Hanna Brunkhorst und Dieter Hannemann kurz vor der südschwedischen Hafenstadt Trelleborg. Als sich der kleine Nagel in den Reifen von Hannemanns Liegerad bohrte, lag bereits mehr als 3400 Kilometer Radstrecke hinter den beiden Oldenburgern. In bequemer Rückenlage, mit den Füßen voraus, sind sie rund um die Ostsee geradelt. Die Panne sorgte das einzige Mal während der Tour dafür, dass das Ehepaar in Zeitdruck geriet. „Wir mussten die Fähre nach Sassnitz erreichen“, sagt Hannemann.
Dicke Oberschenkel
Die auf der Halbinsel Jasmund im Nordosten der Insel Rügen gelegene Stadt war Endpunkt der Reise. Sieben Wochen und sechs Tage zuvor waren sie von hier aus zu ihrem Abenteuer aufgebrochen. Über Rügen, Bornholm und Südschweden führte die Route nach Litauen, Lettland und Estland zu den Åland-Inseln und durch Schweden zurück nach Rügen. „Wir haben unzählige schöne Augenblicke und Begegnungen mit Natur und Menschen erlebt“, resümiert Hanna Brunkhorst (50). Die Sitzposition in der Horizontalen habe entspannte Blicke auf die Landschaft wie in einem Panorama-Kino ermöglicht. „Man fühlt sich frei“, schwärmt Dieter Hannemann (49). 3526 Kilometer haben er und seine Frau radelnd bewältigt – „man spürt, dass die Oberschenkel dicker geworden sind“, schmunzelt Hannemann. Hinzu kommen 1148 Kilometer an Bord von Fähren und 960 Kilometer mit der Bahn.
Seit 1999 gleiten sie in mobilen Liegestühlen durch die Gegend. Über einen Studienkollegen von Hanna Brunkhorst, der die ungewöhnlichen Vehikel gebaut hat, haben sie ihre Leidenschaft für das Radeln mit flachen Flundern entdeckt. 20 Vehikel umfasst ihr Fuhrpark – für ihre Ostsee-Reise haben sie die beiden robusten Räder der ersten Stunde verwendet.
Bepackt waren die Räder mit jeweils fünf Taschen – „mein Rad sah aus wie eine Kawasaki“, lacht Brunkhorst. Verstaut waren darin das Campingzelt, Schlafsäcke, Kocher, Verpflegung für 24 Stunden, Wäsche, zwei Tassen, ein scharfes Messer, fünf Dosen löslicher Kaffee, vier Gläser Erdnussbutter, Kartenmaterial, Ersatzteile, Flickzeug und Regensachen. Letztere blieben bis Västervik in Schweden auf der Heimfahrt unbenutzt. „Wir haben sechs Wochen Hitze mit nur kurzen Regenschauern, meist am Wochenende, und einen Jahrhundertsommer im Baltikum erlebt, sogar die Straßen schmolzen dahin“, berichtet Hannemann.
Kiespiste und Autobahn
Einen festen Plan hatten die Radler vorher nicht – „wir haben die Tagesetappen aus dem Moment heraus festgelegt“, so Hannemann. 80 bis 100 Kilometer wurden pro Tag zurückgelegt – je nach Wetter und Beschaffenheit der Pisten: Entspannt ging es in Litauen über den Europaradweg R1, der glatt und breit ist wie eine Straße. In Lettland konnten die Liegeradler sogar eine Autobahn nutzen. „Die Grenzen waren klar abgesteckt. Im Stau stehende Autofahrer haben sich über unsere Liegeräder als Abwechslung gefreut“, berichtet Hannemann. Aber die Tour führte auch über Schotterpisten, die mit höchstens 15 km/h zu befahren waren, und Kiesstrecken in Schweden.
Umkehren war für die beiden nie ein Thema – auch wenn wie in Südschweden Sträucher und Bäume einen Feldweg zum Campingplatz versperrten: „Ein frisch gemähtes Getreidefeld war unsere Rettung.“
Überfahrt auf Luxusliner
Zu den schönsten Stationen der Reise zählten die Åland-Inseln mit ihren unberührten Schäreninseln und den schönen, geschliffenen roten Klippen. Traumhafte Ausblicke ermöglichte die Überfahrt von Mariehamm, dem Hauptort, nach Stockholm, die Hanna Brunkhorst und Dieter Hannemann an Bord der „MS Cinderella“ absolvierten. Kleine Einschränkung der Oldenburger Liegeradler: „Die Lebensgewohnheiten der Kreuzfahrer sind uns eher fremd.“
