Homeschooling ist vorbei, doch in vielen Kinderzimmern stehen jetzt Computer. Was Medienpädagogin Paula Bleckmann diesbezüglich nun von Eltern und Schulen erwartet, verrät sie im Interview.
Früher verhängten Eltern gern Fernsehverbot. Funktioniert das heutzutage noch?
BleckmannWenn es darum geht, was das neue Leitmedium ist: Bei Jugendlichen haben Smartphones, Online-Games und Soziale Netzwerke den Fernseher abgelöst. Bei kleineren Kindern ist das noch ein wenig anders. Die andere Sache ist, inwieweit die Mediennutzung als Erziehungsmittel eingesetzt wird, entweder als Verbot oder Belohnung. Das hat bei Eltern eher zugenommen.
Ein gutes Druckmittel?
BleckmannIch halte es für problematisch. Das ist wie beim Essen: Wenn ich ein zweites Stück Kuchen für richtiges Verhalten in Aussicht stelle, verlernt man, zu wissen, wann man satt ist. Das Gleichsetzen von Bildschirm und Belohnung führt dazu, dass die Selbstregulation gestört wird. Das kann sogar zum Risikofaktor für spätere Suchtentstehung werden.
Fernsehkonsum lässt sich relativ leicht kontrollieren, inzwischen haben die meisten aber viele Bildschirme im Haus. Wie behalten Eltern den Überblick?
BleckmannWenn Kinder ihre eigenen Endgeräte im Kinderzimmer haben, ist die Bildschirmzeit im Schnitt doppelt so hoch, die Nutzung von Inhalten, die nicht für das Alter geeignet sind, sogar sechsmal häufiger. Darum ist der erste Weichensteller, ob die Kinder ihr eigenes Gerät bekommen. Corona hat das für Eltern noch einmal schwieriger gemacht, die Nutzungszeiten in der Freizeit sind deutlich gestiegen. Dazu kommt noch der Bereich Schule. Von dort kam ja durch das Homeschooling auch der Druck, dem Kind ein internetfähiges Gerät ins Zimmer zu stellen. Nun fragen sich viele Eltern: Dürfen wir ihm das nun, wo Schule wieder normal läuft, wieder wegnehmen? Da sage ich ganz klar: Unbedingt! Allein schon, um die gesunde Entwicklung des Kindes nicht zu gefährden. Da wünsche ich mir auch klare Ansagen, insbesondere durch die Grundschulen.
Heißt das zwangsläufig, Geräte wegzunehmen?
BleckmannGegen die Technik kann auch Technik helfen. In unserem Präventionsprogramm „Echt dabei“ bieten wir auch technische Elternabende an, an denen wir zeigen, welche Zeitbegrenzungs- oder Filtersoftwarelösungen es gibt und wie man sie so einstellt, dass beispielsweise das Smartphone eines Kindes nachts aus ist. Dann ist man zwar oft in der Rolle der ,blöden Eltern’. Aber im Erwachsenenalter sind viele ihren Eltern rückblickend dankbar und würden es bei ihren Kindern genauso machen.
Drei Tipps hat Paula Bleckmann für Eltern als Alternativen zum Fernsehen oder Computerspielen als „Babysitter“, um also die Kinder kurzzeitig zu beschäftigen.
1. Schatzkiste: Eltern können eine Schatzkiste füllen, zu der die Kinder nur den Schlüssel bekommen, wenn man für kurze Zeit einen Babysitter bräuchte, aber keiner greifbar ist.
2. Garten: Wenn vorhanden, die Kinder mit Matschhose in den Garten zum Spielen schicken.
3. Großeltern online: Oma oder Opa über ein Videochatprogramm aus der Ferne vorlesen lassen.
Wie wichtig ist es, im Blick zu behalten, was die Kinder am Bildschirm machen?
BleckmannIn diesem Bereich gibt es gute Nachrichten: Bisher beruhten die Altersbeschränkungen bei Spielen und Filmen nur auf den Inhalten, zum Beispiel ob Gewalt oder Pornografie vorkommt. Mit dem neuen Jugendschutzgesetz haben jetzt auch die sogenannten Interaktionsrisiken Einfluss auf die Bewertung: Besteht dort etwa eine Gefahr von Abzocke oder wie hoch ist das Suchtrisiko? Online-Poker hatte beispielsweise bislang eine Altersfreigabe von null Jahren. Das wird jetzt anders, das ist eine große Unterstützung für Eltern.
Aber Eltern sollten sich auch selbst mit den Inhalten beschäftigen?
BleckmannNoch viel besser als USK und FSK ist ESK: die Elternselbstkontrolle. Die Eltern können Filme vorher anschauen, Spiele selbst anspielen und dann entscheiden: Ist das was für mein Kind? Schließlich ist jeder Mensch anders und was für das eine Kind funktioniert, kann für das andere schädigend sein, obwohl es eigentlich eine Altersfreigabe gibt. Eltern kennen ihre Kinder da am besten.
