Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Ursula Poznanski stellt auf der Oldenburger Kibum ihr neues Buch „Shelter“ vor. Darin erfinden Jugendliche eine geheime Gesellschaft, streuen Hinweise im Internet und warten ab, ob ihnen jemand die Geschichte abkauft. Im Interview erzählt die Autorin, wie sie auf die Idee zur Handlung gekommen ist.

In Ihrem neuen Thriller steht eine Verschwörungstheorie im Mittelpunkt. Ist „Shelter“ ein Corona-Buch?

Poznanski Das Buch ist ganz klar ein Kind der Corona-Zeit. Ich habe festgestellt, wie viele Menschen bereit sind, lieber irgendeinen Unsinn zu glauben, als der Wissenschaft. So wenig Vertrauen, das hat mich doch sehr überrascht, um es freundlich auszudrücken. Daraus entstand an einem Abend beim Essen mit Freunden eine Idee: Wenn wir selbst eine Verschwörungstheorie erfinden und verbreiten würden, wie viele Menschen würden wir überzeugen? Das war dann auch die Grundidee für „Shelter“. Ich möchte vor Augen führen, wie gutgläubig Menschen auf Sachen hereinfallen.

Im Buch erfinden Jugendliche eine geheime Gesellschaft und hinterlassen Zeichen in ihrer Stadt. Dann streuen sie Hinweise im Internet. Die digitalen Medien spielen eine große Rolle.

Poznanski Für die Kinder und Jugendlichen spielen diese Medien eben auch eine große Rolle. Die meisten sind drin. Die digitalen Kanäle werden aber auch stark für Verschwörungstheorien genutzt, besonders Twitter und Facebook, Instagram wohl weniger. Besonders auf Facebook bekommen Verschwörer viel Zulauf. Für Millenials und noch jüngere Generationen findet heute alles im Internet statt. Und wenn man dort eine Verschwörungstheorie auf die Menschen loslässt, ist das auch wie ein Virus.

Den Jugendlichen in „Shelter“ gelingt das Verbreiten ihrer erfundenen Theorie ziemlich gut. Ist das Buch als Warnung gedacht?

Poznanski Ich möchte mit meinen Büchern eigentlich niemanden belehren. In „Shelter“ entgleiten den Jugendlichen die Ereignisse, die Theorie verselbstständigt sich. Sie haben die Büchse der Pandora geöffnet und bekommen sie nicht mehr zu. Mir ist es am liebsten, wenn sich die Leser ihre eigenen Gedanken machen. Ich möchte nicht mit dem großen Fingerzeig kommen oder von oben herab schreiben, so wie es früher bei Kinderbüchern oft war. Jugendliteratur sollte auf Augenhöhe stattfinden. Ich habe die Wahrheit selbst nicht gepachtet und habe auch keine Antworten auf die großen Fragen. Die Fragen aber, die habe ich.

Wie muss denn ein Held oder eine Heldin in einem Jugendbuch heute sein?

Poznanski Es sollte schon eine Figur sein, mit der sich die Leser identifizieren, also keine 48-jährige Buchhalterin. Sie muss nicht immer sympathisch sein, sondern auch mal sperrig, finde ich. Je perfekter eine Figur gestaltet ist, desto weniger spricht sie die Menschen an. Je menschlicher und vielschichtiger eine Person ist, desto besser. Im übrigen finde ich es gar nicht so anders, als für Erwachsene zu schreiben.

Sind die Jugendlichen Ihrer Ansicht nach heute wieder politischer geworden?

Poznanski Ich glaube, das waren sie früher auch schon, in den 60er Jahren oder in den 80ern mit der Anti-Atom-Bewegung. Beim Thema Klimawandel finde ich es großartig, dass sich die Kinder und Jugendlichen auf die Beine stellen. Sie haben meine Bewunderung und Unterstützung.

Friederike Liebscher
Friederike Liebscher Redaktion Oldenburg