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Ganz Oldenburg fieberte mit Rettung nach einer Woche im Dunkeln – Suche nach Joe liegt ein Jahr zurück

Die Polizei suchte an vielen Orten nach Joe.

Die Polizei suchte an vielen Orten nach Joe.

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Oldenburg - Es war ganz, ganz still an diesem Samstagmorgen in Oldenburg, als ein Passant um sechs Uhr morgens beim Spaziergang mit dem Hund aus einem Kanalschacht ein leises, eigentlich kaum wahrnehmbares Wimmern hörte. Der Mann rief die Polizei, zehn Minuten später hoben Feuerwehrleute den schweren Deckel zur Kanalisation. Und fanden einen achtjährigen Jungen, dessen Rettung nach seinem Verschwinden acht Tage zuvor immer unwahrscheinlicher geworden war. „Joe lebt“ – bei dieser Nachricht war die Erleichterung in Oldenburg riesig. Eine Woche lang hatte die Stadt den Atem angehalten, Menschen suchten in Schuppen, Feldern, Containern und Kellern Tag und Nacht nach dem Jungen, der das Versteckspiel so liebte.

Hunde schlugen nicht an

„Als Joe gefunden wurde, haben die Kollegen ihn sofort erkannt“, erinnert sich Stephan Klatte, zu dieser Zeit Pressesprecher der Polizeiinspektion Oldenburg. „Der Junge hatte nicht mehr viel Zeit, es war eine Rettung in letzter Minute. Sein Wimmern war so leise, dass der Zeuge zunächst an einen Vogel dachte“, sagt er.

Der achtjährige Joe war am Freitag, 17. Juni 2022, von seinem Vater als vermisst gemeldet worden. Der geistig beeinträchtigte Junge mochte es, sich zu verstecken. Mit Hunden suchte die Polizei zunächst in der Nähe seines Elternhauses. Sie fanden den Jungen, der nur wenig entfernt in ein Kanalrohr im Graben geklettert war, nicht. „Diensthunde sind ein Super-Mittel“, sagt Stephan Klatte. „Sie funktionieren aber nie zu hundert Prozent. Joe war schnell weit drin im Kanal, dieser führte Wasser in einer Höhe von zehn bis zwölf Zentimetern. Das hat die Spuren verwischt. Da hatte kein Hund eine Chance“, erklärt er.

Suche nach Feierabend

In Wehnen, wo sich die Suche einige Tage konzentrierte, fanden die Tiere jedoch eine Spur. Dort hatte es zuvor einen Zeugenhinweis gegeben. „Die Hunde haben dort etwas gerochen, aber es war nicht Joe. Vielleicht war es ein Angehöriger“, vermutet Stephan Klatte. Bei der Polizei in Oldenburg waren sehr viele Zeugenhinweise zu dem verschwundenen Jungen eingegangen. „Keiner davon hat zum Auffinden geführt. Trotzdem waren alle wichtig“, sagt er. Viele Helfer beteiligten sich an der Suche. „Auch viele Kollegen von außerhalb nach Feierabend mit ihren Privatautos.“ Fünf Tage nach dem Verschwinden hatte die Polizei eine Mordkommission eingerichtet. „Es hatte einen Hinweis aus dem Stadtnorden gegeben, dass der Junge mit einem Mann gesehen wurde“, berichtet der Polizeisprecher. „Mit einer Mordkommission haben wir außerdem erweiterte Befugnisse was die Auswertung von Daten und Zeugenbefragungen angeht.“

Mittlerweile ist klar, dass Joe die ganze Zeit während seines Verschwindens im Kanalsystem war. „Er ist tief hineingeklettert, die Rohre haben dort teilweise nur einen Durchmesser von 60 Zentimetern. Er fand nicht mehr heraus“, sagt Klatte. Am Ende hat der Junge sich durch sein Wimmern selbst gerettet. Ein Fremdverschulden wurde ausgeschlossen.

Auch mithilfe von Drohnen wurde – wie hier in einem Maisfeld in Wehnen –  nach Joe gesucht.

DAS WUNDER VON OLDENBURG Chronologie der Suche nach Joe

Oldenburg

Joe bei seiner Familie

Heute lebt Joe wieder bei seiner Familie. Er war nach seiner Rettung viele Wochen im Krankenhaus. Der Regenwasserkanal in der Nähe seines Elternhauses ist auch heute nicht vergittert.

„Selbstverständlich haben wir den Fall zum Anlass genommen, die vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen im Bereich unserer Zuständigkeit zu prüfen“, erklärt Heiko Poppen, Pressesprecher des OOWV. „Entsprechende Gespräche wurden und werden auf Fachebene geführt. Diese sind noch nicht abgeschlossen. Wir müssen jedoch leider auch anerkennen, dass es in keinem Lebensbereich eine 100-prozentige Sicherheit geben kann. So lässt sich beispielsweise auch nicht verhindern, dass Kinder auf Dächer klettern. Der Fall von Joe muss als besonderer, absoluter Einzelfall gesehen werden.“ Zudem hätten Gitter an Kanälen auch eine Kehrseite: sie würden bei stärkerem Regen leicht verstopfen.

Ein Gänsehaut-Moment

„Der Junge hat bewusst den Entschluss gefasst, in den Kanal zu klettern“, sagt auch Stephan Klatte. Der Fall „Joe“ sei für ihn und seine Kollegen einer der bewegendsten Einsätze der letzten zehn Jahre gewesen. „Als der Junge gefunden wurde, das war ein Gänsehautmoment. Wir waren sehr ergriffen.“

Damit beschreibt er auch das Gefühl aller Oldenburger, die eine Woche lang mit den Gedanken bei dem verschwundenen, kleinen Jungen waren und bei der Nachricht „Joe lebt“ eine Welle von Glücksgefühlen spürten.

In diesen Kanal war Joe gekrochen. Er ist auch heute nicht vergittert.

In diesen Kanal war Joe gekrochen. Er ist auch heute nicht vergittert.

Friederike Liebscher
Friederike Liebscher Redaktion Oldenburg
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