Oldenburg - Kleine Anekdoten geben auch großen Ereignissen einen Extra-Charme. Prof. Ulrich Rademacher kennt so eine. „Da kehrte eine Mitarbeiterin des Deutschen Musikrats von einem Nachwuchs-Projekt in China zurück“, erzählt der Vorsitzende von Jugend musiziert beim ersten Preisträgerkonzert in der Weser-Ems-Halle. „Und ab München fielen ihr in den Zügen viele junge Leute mit Instrumentenkoffern auf. Aha, schlussfolgerte sie, die sind alle unterwegs zum Bundeswettbewerb in Oldenburg!“
Kann sein, dass einige auch jetzt auf der Bühne saßen, bei immerhin 2300 im 59. Bundesfinale. 25 hatten die Juroren nach den ersten vier Wertungstagen zum ersten von drei Preisträgerkonzerten benannt, versehen mit dem Hinweis: „Das hätten viel mehr sein müssen, die Wahl fiel schwer!“ Für zwei Stunden Musik in zwar konzentrierter aber vor allem entspannter Atmosphäre blieben nur Einzelsätze, Ausschnitte oder Arrangements. Aber es begeisterte, wie die Musikerinnen und Musiker auch die Häppchenkultur kultivierten.
Preisträgerkonzert I
Harfenistinnen sind im Einsatz, Begleiterinnen und Begleiter am Klavier. Auch ein Flügelhorn und Gitarren, vier Gamben mit ihrem zauberhaften Timbre. Violinen, klar. Wenn Darius Preuß aus Bochum aus der Carmen-Fantasie von Franz Waxman zaubert, brandet der Beifall hoch. Ebenso nach den Fritz-Kreisler-Kunststücken von Konstantin Demydas aus Nürnberg. Auffällig die Violoncelli. Nicht nur virtuos, sondern auch beseelt durchleuchten Anna-Tessa Timmer aus Berlin, Benjamin Britten und Anna Meipariani aus Remshalden Aram Chatschaturjan. Lena Marie Hildebrand und Maria Tilibtsev aus Hamburg bezirzen mit ihren Sopran- und Altstimmen in ungarischer Weise.
Akkordeon im Blickpunkt
Ja und dann schleppt Viktor Stocker sein Akkordeon herein. Von einer Last ist jedoch nichts zu spüren. Der zwölf Jahre alte Junge aus Vlasim in Tschechien scheint mit dem Instrument verwachsen, sprüht geradezu vor Musikalität im Stimmungsbild „Der Sturm.“ Viktor kommt über die beteiligten deutschen Auslandsschulen in den Wettbewerb, im untersten möglichen Alter.
Schon im Kindergarten habe er Instrumente kennengelernt. „Die Leute von den Musikschulen haben sie uns vorgestellt“, erzählt er am Rande. „Da habe ich einen Jungen mit Akkordeon getroffen. Und genau das wollte ich dann.“ Inzwischen ist er als Preisträger international bekannt, mit drei bis vier Stunden Üben am Tag fast schon ein Profi, doch offenbar mit Eltern gesegnet, die ihn altersgemäß sensibel steuern.
Wenn vor dem losbrechenden Beifall auch ein kurzes ungläubiges Staunen spürbar wird, dann zeigt das: Über Anekdoten und interne Feinheiten hinaus prägen natürlich große Geschichten diesen ambitioniertesten europäischen Nachwuchswettbewerb.
