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Zahnärzte warnen Behandlung von Karies bei Kindern in Gefahr

Ein kleines Mädchen wird von einer Zahnärztin behandelt. Die „Deckelung“ der Vergütungen für Narkosen beim Kinderzahnarzt stößt bei den Betroffenen auf Kritik.

Ein kleines Mädchen wird von einer Zahnärztin behandelt. Die „Deckelung“ der Vergütungen für Narkosen beim Kinderzahnarzt stößt bei den Betroffenen auf Kritik.

dpa-Archiv

Oldenburg/Hannover - Jeder Biss ist eine Tortur. Beim Schulbrot wird die Kruste abgeschnitten. Heißer Tee geht nicht, schon gar nicht Eis. Die kleine Mieke hat sogenannte Kreidezähne. Das heißt: Der Zahnschmelz ist nur ein Zehntel so dick wie bei normalen Zähnen. Es gibt kaum Schutz gegen Karies. Jede Berührung, auch leichtes Zähneputzen, schmerzt. Seit zwei Jahren war die neunjährige Oldenburgerin schon bei verschiedenen Zahnärzten in Behandlung – in der Hoffnung von den chronischen Schmerzen befreit zu werden. Jeder Versuch der Ärzte, etwas an den Zähnen zu machen, vergrößert die Angst ihres Kindes, erzählt die Mutter.

Nun soll eine Behandlung unter Narkose erfolgen. Schon im Frühjahr suchte die Familie dazu die Praxis der Oldenburger Kinderzahnärztin Johanna Kant auf. Die Medizinerin betreut junge Patienten aus einem Umkreis von gut 100 Kilometern. Die Warteliste für Eingriffe ist entsprechend lang. Und es gibt ein weiteres Problem: Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) hat das Honorarvolumen für Anästhesieleistungen bei Zahnärzten gedeckelt. Das heißt: „Es wird nur noch eine bestimmte Menge an Leistungen pro Anästhesist extrabudgetär in voller Höhe vergütet“, erklärt KVN-Sprecher Detlef Haffke in Hannover. Wird das Volumen überschritten, zahlt die KVN weniger.

Die Systematik

Hier werde auf den Rücken der Kinder gespart, empört sich der Oldenburger Anästhesist Jörg Biank (55). Er erklärt die Systematik: Normalerweise werde eine Narkose für einen Eingriff als sogenannte „Regelleistung“ abgerechnet. Die Narkose für Kinder beim Zahnarzt gelte aber als „Praxisbesonderheit“. Anästhesisten können diese „Praxisbesonderheit“ bei der KVN beantragen. Voraussetzung: Mehr als 20 Prozent der gesamten Narkosen müssten als Kindernarkosen bei Zahnärzten durchgeführt werden. Laut KVN haben etwa 40 Anästhesisten in Niedersachsen diese „Praxisbesonderheit“ beantragt. Alle anderen erhalten lediglich eine Pauschale, von der sie nicht einmal die Anästesie-Pflegekraft bezahlen können, kritisiert Biank. Der Oldenburger führt im Jahr etwa 500 Narkosen bei Kindern unter zwölf Jahren in der Praxis von Johanna Kant durch. Auskömmlich seien die Honorare allerdings nicht: Die durchschnittliche Behandlungszeit betrage zwei Stunden – plus eine Stunde Überwachung im separaten Aufwachraum. Die Personalkosten und die teuren Narkosegeräte könne er nur finanzieren, weil er an weiteren Tagen pro Woche in einer Privatpraxis arbeite. Dort könnten andere Sätze abgerechnet werden.

Narkoseärzte fehlen

Die Perspektiven für die Spezialisten sind entsprechend düster: „Es darf nicht so weit kommen, dass in Niedersachsen bald keine Narkosen mehr für die zahnärztliche Behandlung von Kindern und Patienten mit Behinderung durchgeführt werden können“, sagt Kant, die auch Vorsitzende des Bundesverbandes der Kinderzahnärzte ist. Der Verband fordert dringend, die Honorarkürzung zurückzunehmen. Kant: „Die Quotierung stellt für spezialisierte Anästhesisten eine echte Existenzbedrohung dar und für Familien mit karieskranken Kindern bringt sie handfeste Schwierigkeiten mit sich!“ Wenn die Anästhesiepraxen als Partner der Kinderzahnärzte wegbrächen, bleibe für Familien mit Kindern nur noch der Ausweg, schmerzende Zähne beim Kieferchirurgen ziehen zu lassen. „Wir müssen die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft schützen und alles dafür tun, dass ihre Zähne erhalten bleiben “, fordert Kant deshalb.

Die Perspektive

Narkosearzt Biank fürchtet ebenfalls ein handfestes Versorgungsproblem, wenn die Kostenträger nicht einlenken. Schon jetzt fehle es an Spezialisten. Für eine Narkose bei Kindern sei viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl gefragt; viele Anästhesisten scheuten den Aufwand. Die Honorarkürzung schrecke zusätzlich ab. „Wenn das so weiter geht, haben wir bald keine Narkoseärzte für Kinder mehr“, fürchtet Biank. „Die KVN hat diese Kritik zur Kenntnis genommen und wird in Verhandlungen mit den Krankenkassen versuchen, mehr Geld für die Anästhesien bei Kindern in Zahnarztpraxen zu erhalten“, sichert KVN-Sprecher Haffke zu.

Die kleine Mieke ist inzwischen auf der Warteliste der Praxis Kant nach oben gerutscht: Mitte Oktober steht ihre Zahnbehandlung an – unter Vollnarkose. Und danach kann sie hoffentlich schmerzfrei zubeißen.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent
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