Oldenburg - In der Natur sind Grausamkeiten an der Tagesordnung: Es geht ums Fressen und Gefressenwerden. Der Austausch von Höflichkeiten zwischen dem Hungrigen und der potenziellen Hauptspeise ist eher unüblich. „Darf ich bitte in Ihr schmackhaftes Hinterteil beißen, Frau Gazelle?“ Diese Frage ist vom Löwen kaum zu erwarten. Insofern sollte mich Hases Benehmen eigentlich nicht wundern.
Der Kater weist oftmals sehr rigoros darauf hin, dass er Verpflegung erwartet. Gazellen findet er in seinem Revier eher selten, die Jagd auf andere Wildtiere kommt leider vor, ist jedoch eigentlich nicht erwünscht. Insofern bin ich als Angestellter selbstverständlich in der Pflicht. Die Art und Weise, wie der Kater mich an meine Bringschuld erinnert, lässt jedoch mitunter zu wünschen übrig.
Nicht wie in der Werbung
Frühmorgendliches Gejammer vor der Schlafzimmertür ist da noch die erträglichste Variante (zumal das meine Familie mehr tangiert als mich Tiefschläfer). Anstrengender wird es, wenn Hase sehr körperlich seinen Willen durchzusetzen versucht. Dann bleibt es nicht beim Herumschmusen um die Beine wie in der Fernsehwerbung. Vielmehr wird das Personal im Vorbeigehen gerne mal angesprungen oder der Kater jagt mit Vollkaracho über die Sofalehne um einen herum, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Besonders zu leiden hat meine Frau, wobei sie daran womöglich nicht ganz unschuldig ist. Denn während ich versuche, die Unverschämtheiten des Katers so gut es geht zu ignorieren und Essbares nur bei anständigem Verhalten rausrücke, hat sie die Leckerlis häufig dazu genutzt, sich Ruhe zu erkaufen.
Hase auf dem Tisch
Das sieht dann so aus: Sie versucht, am Laptop etwas zu arbeiten. Hase springt auf den Tisch, läuft quer über die Tastatur und knabbert Papiere an. Meine Frau setzt ihn auf den Boden, Hase springt wieder auf den Tisch. Das Spielchen wiederholt sich. Bis die Dame des Hauses genervt ist, eine Knabberstange holt und diese in den Garten wirft, der Kater hechtet natürlich hinterher. Tür zu, Ruhe im Karton.
Auffällig ist: Wenn ich am Tisch arbeite, kann ich dieses Verhalten nicht in einer solch ausgeprägten Form beobachten. Zwar setzt sich Hase neben mich auf den Stuhl und schaut mich bettelnd an. Aber das extreme Mobbing muss ich in der Regel nicht fürchten. Hase weiß offenbar sehr gut zu unterscheiden, bei wem er mit welcher Maßnahme am sichersten an etwas Fressbares kommt. Es ist ein wenig wie bei den Kindern: Bei Mama fragen sie anders als bei Papa.
