Oldenburg - Angefangen hat alles vor langer, langer Zeit auf müffelnden Gummimatten in einer Sporthalle. Damals gab es noch keine Smartphones und Youtube-Videos – aber schon viele Kinder, die Bücher geliebt haben. 1975 fand die erste Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse Kibum statt. Zu dieser Zeit ahnte niemand, wie erfolgreich und groß dieses Format einmal werden würde. Und dass es sich irgendwann einmal komplett im Internet abspielen würde, war undenkbar.
Planen und umplanen
„Digital und anders“ lautet das Motto der Kibum 2020. Nicht, weil die Veranstaltenden kuschelnde Leseratten im Kulturzentrum satt hätten – im Gegenteil. Das Corona-Jahr macht vieles unmöglich – und fordert kreative Menschen dazu heraus, zu zeigen, dass nichts unmöglich ist. Mit Beginn der ersten Covid-19-Welle haben sich Stadt und Uni damit auseinander gesetzt, eine für alle Beteiligten akzeptable Alternative zu schaffen.
Nachdem die Kombination aus Live-Veranstaltungen in Schulen und Kitas und digitalen Angeboten kurzfristig aufs Letztere zusammengeschrumpft ist, gibt es immer noch genug Grund, sich auf den Start der Kibum an diesem Samstag zu freuen.
Die 46. Kibum beginnt an diesem Samstag und geht bis zum 17. November. Erst am Starttag geht die digitale Version online.
Geplant waren neben dem Online-Format Lesungen und Auftritte an Schulen und Kitas. Leider mussten alle Veranstaltungen nach den neuen Pandemie-Bestimmungen abgesagt werden. Didaktisches Material zum digitalen Angebot und den Lesungen finden Lehrkräfte zum Herunterladen auf der Startseite.
Statt Live-Lesungen wurden im Vorfeld Videos mit vielen Bekannten und neuen Autorinnen und Autoren erstellt. Aus ihren Büchern lesen unter anderem Andreas Steinhöfel, Kirsten Boie, Bart Moeyaert, Ulrich Hub, Nils Mohl und Kai Pannen.
Wer sucht, der findet das Gewünschte: Der blaue Bücher-Klecks hilft auf der Homepage bei der Auswahl nach Alter und Interesse.
Zusätzliches Material in Form von Leseproben, Videos und besonderen Infos ist an die jeweiligen Buchtitel angeheftet.
Zum Mitmachen laden Illustratorinnen und Illustratoren bei Malkursen ein.
Verbesserungsvorschläge und Lob können kleine und große Nutzer unter „Feedback“ (ganz unten auf der Startseite) abgeben. Denn ein bisschen digital und anders soll es weitergehen.
Alles auf online
„Alles, was wir sonst vor Ort auf der Messe ausgerichtet haben, findet dieses Jahr im Internet statt“, sagt Christian Kühn. Mit seinem Team vom Bibliotheks- und Informationssystem (BIS) der Uni hat er 1623 Neuerscheinungen der Kinder- und Jugendliteratur eingeworben und ins Netz eingepflegt. 1200 visuell untermalte Leseproben warten auf neugierigen Nachwuchs. Zusätzlich gibt es Videos – selbst produziert und von Verlagen verfasst. Die städtische Bibliothek hat lange Listen mit Lesetipps für jede Altersklasse verfasst und wer basteln, malen und mitmachen möchte, kann im Zusatzmaterial aus dem Vollen schöpfen.
Lesungen auf Video
Mehr Arbeit, mehr Aufwand, mehr Unsicherheit sei das digitale Format schon gewesen – „eben ein Novum“, sagt Christian Kühn. Selbst hat nicht nur er sich als Vorleser im Sessel vor Bücherschränken für Videos filmen lassen – ein großer Kollegenkreis an Unimitarbeitenden hat sich bereit erklärt, persönlich Werke für kleine und große Zuschauer vor laufender Kamera vorzustellen.
Mindestens 15 Menschen aus dem BIS haben bis zuletzt an der „Digital und anders“-Kibum gearbeitet. Dazu gehört auch eine leicht zugängliche Gestaltung der Homepage, durch die der blaue Bücher-Klecks beratend führt und die Suche durch Filter erleichtert. Alle Filmbeiträge, auch Autorenlesungen und Interviews sind – barrierefrei – untertitelt worden.
Chancen für alle
Die digitale Kibum verstehe sich als „Schaufenster der Vielfalt“, sagt Elke Boecker. Sie und die Kolleginnen und Kollegen vom BIS haben in diesem Jahr bevorzugt kleinen, Corona-Krisen-gebeutelten, Verlagen die Chance gegeben, Neuerscheinungen zu präsentieren. Hier und da habe es Überzeugungskraft gekostet, für neue Wege zu begeistern. Entstanden sind neben neuen Kontakten bei all der Arbeit auch Visionen: Die Kibum soll auch in Zukunft – neben dem bewährten Format – online ausgerichtet und somit von überall erreichbar bleiben.
Nur keine Langeweile
Einer – von leider vielen – Wermutstropfen ist, dass die meisten Messebücher natürlich nicht zum Anfassen und Durchblättern in Oldenburg sind – ältere Neuerscheinungen sind mitunter in den Kinderbibliotheken zu finden.
Dafür ist die digitale Kibum aber ein echter Langeweile-Killer: Mindestens eine fade Lockdown-Woche dauert es, bis man alle Videos geschaut, Autoren kennengelernt, Leseproben durchstöbert, Angebote ausprobiert hat. Und all das im eigenen Kinderzimmer, satt auf müffelnden Gummimatten in der Sporthalle, wie damals vor 45 Jahren. 2020 bleibt eben alles anders – und digital.
