Oldenburg - Kinder und Jugendliche, die bei anderen Kindern und Jugendlichen sexuell übergriffig sind, sie missbrauchen, sie schlimmstenfalls vergewaltigen; der große Bruder, der sich an der kleinen Schwester vergeht; der Kumpel, der sich sein Opfer in der Clique sucht – von welcher Lebens- und Erfahrungswelt muss das ausübende Kind, der ausübende Jugendliche umgeben sein, um zu solchen teils extremen Taten fähig zu sein? Diese Hintergründe durchdringt Ina Kehlenbeck-Spanke im Rahmen eines ambulanten Behandlungsangebots im Kinderschutz-Zentrum Oldenburg. Sie arbeitet mit sexuell übergriffigen Kindern und Jugendlichen daran, ihr Handeln zu verstehen, aufzuarbeiten und zu verändern.
Vielfältige Gründe
Die Rahmenbedingungen für solche Taten sind Abgründe. Es gibt nicht „die“ sexuell übergriffigen Kinder und Jugendlichen, „die Gründe sind vielfältig“, sagt Ina Kehlenbeck-Spanke: „Hier geht es um die Auseinandersetzung mit der Tat, diese zu benennen und zu schildern. Warum hast Du Dir dieses Opfer ausgesucht? Was macht das mit dem Opfer? Wie rechtfertigst Du Dir gegenüber die Tat? Was sind Deine Gefühle? Wie kannst Du erneute Übergriffe verhindern?“
Das Kinderschutzzentrum Oldenburg befindet sich an der Friederikenstraße 3 in Oldenburg. Träger ist der Verein zur Verhütung von Kindesmisshandlung e.V., der Mitglied im Diakonischen Werk Oldenburg ist. Das Kinderschutz-Zentrum hilft, wenn Kinder körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt sind oder bei Vernachlässigung. Beraten werden Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern, Angehörige und das soziale Umfeld sowie alle Fachkräfte, die beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern arbeiten. Die Beratungen sind kostenlos, zeitnah und auf Wunsch anonym.
Telefonisch ist die Einrichtung erreichbar unter Telefonnummer 0441/17788, per Fax unter 0441/ 2489800 und per Mail an info@kinderschutz-ol.de. Außerhalb der telefonischen Erreichbarkeiten (montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr) kann eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen werden.
Umfangreiche Informationen zum gesamten Angebot des Kinderschutzzentrums gibt es auf der Internetseite unter
Die Anfragen für dieses seltene ambulante Behandlungsangebot kommen aus dem ganzen Nordwesten: „Manche haben eine fast zweistündige Anreise.“ Die nächsten Anlaufstellen gebe es in Bremen und Münster, dementsprechend ist der Terminkalender voll. Die Beraterin skizziert hinter den Vorfällen einen Kreislauf aus Macht, Manipulation und Dominanz, sexueller Befriedigung, Selbstbestätigung und Schuld – wie oft dieser Kreislauf durchlaufen wurde, ist wichtig für das Ge- oder Misslingen der Therapie. Es brauche „Einsicht, Motivation und kognitive Fähigkeiten“ für die Therapie.
Gewalt ist Macht
Bezüglich der Taten gibt es keine Toleranz, Ina Kehlenbeck-Spanke sieht aber immer zwei Personen, die in ihrer Entwicklung gefährdet sind – „das betroffene Kind wie auch das übergriffige Kind haben einen Hilfebedarf“. Sie will verstehen, was zu den Taten geführt hat und was ihr Gegenüber braucht, damit dieses Verhalten aufhört: „Diese Kinder und Jugendlichen sind nicht die Gewinner in der Gesellschaft.“ Häufig würden sie die sexuelle Gewalt als machtvolles Mittel nutzen, um ihr geringes Selbstwertgefühl und ihre Unfähigkeit, mit Problemen umzugehen, zu kompensieren. Vor allem Jugendliche, die bei jüngeren Kindern übergriffig werden, würden häufig selbst Missbrauch erleben, hätten Probleme im familiären Umfeld oder psychopathologische Auffälligkeiten. Bei Jugendlichen, die gegenüber Gleichaltrigen übergriffig werden, spielten hingegen oft eine Gruppendynamik, Alkohol- und/oder Drogeneinfluss eine Rolle.
Pornografie
Auch der Konsum harter Pornografie und Kinderpornografie, die die Misshandlung Minderjähriger zeigt, führe zu einem verzerrten Bild von Sexualität, führt Ina Kehlenbeck-Spanke aus: „Die lernen, dass das normal ist.“ Schon im Grundschulalter würden Kinder mit Pornografie konfrontiert und überfordert. Auch Gewalt in Computerspielen, die Texte bestimmter Musik und „beispielsweise Internetvideos von der Katze im Mixer“ würden die Entwicklung beeinflussen, wie Mareike van’t Zet, Leiterin des Kinderschutz-Zentrums, erklärt.
Eine frühe Konfrontation mit Sex und pornografischen Inhalten gehört zu den Risiken, die ein sexuell übergriffiges Verhalten triggern können. Aber auch atypische sexuelle Interessen, soziale Isolation, Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung und Beziehungsabbrüche, der eigene Missbrauch oder erlebte Missbrauch der Mutter sowie Vernachlässigungen und Entwicklungsstörungen gehören dazu. Die Arbeit mit sexuell übergriffigen Kindern ist herausfordernd und die enge Zusammenarbeit mit dem Lebensumfeld des Kindes – mit Eltern, Schule, Jugendhilfe, Therapeuten usw. – dafür unabdingbar.
Ina Kehlenbeck-Spanke entschlüsselt Delikt, das Kind mit seinen Bedürfnissen und seinem Umfeld. Das Ziel: weitere Taten verhindern, Selbstkontrolle erlangen und die Persönlichkeitsentwicklung stärken – zum Schutz von Opfer wie Täter.
