Ostfriesland - Mein ostfriesischer Onkel Warfsmann war ein lustiger Mensch. Mit keinem anderen habe ich in meiner Kindheit und Jugend so viel lachen können, aber Karneval war so gar nicht sein Ding.
Er lebte mit uns in Gelsenkirchen, arbeitete unter Tage und fand die „Ruhries“ wie er die Menschen im Ruhrgebiet nannte, „ein bisschen hektisch, aber sonst ganz nett“.
Freunde und Verwandte versuchten, ihn für Karnevalszüge und Sitzungen zu begeistern.
Sie schleppten ihn mit nach Köln und nach Mainz, setzten ihm einen Dreispitzhut auf und eine Pappnase. Er sah aber nicht aus wie ein Karnevalist, sondern mehr wie ein Pirat.
Er half mir beim Kamelle einsammeln, aber ich glaube nicht, dass er begriff, warum der Prinz und seine Garde die Bonbons vom Wagen in die Menge warfen.
Beim ersten Mal war er sogar ein bisschen ärgerlich und brummte: „Da trampeln doch jetzt alle drauf rum.“ Für ihn waren auch Bonbons Lebensmittel und damit ging man anders um. Ich weiß auch nicht, ob er mir beim Aufsammeln wirklich helfen wollte, oder ob er es nur schrecklich fand, dass sie auf dem Boden lagen.
Zwei große Tüten hatte ich nach kurzer Zeit randvoll. Ich steckte mir drei bunte Bonbons in den Mund und Onkel Warfsmann probierte auch. Er verzog die Lippen. „Die werfen nicht Kamelle, die schmeißen diesen Dreck weg, weil der völlig ungenießbar ist!“, maulte er.
Er, der sehr sparsam war, nie etwas wegwerfen wollte und alles, was kaputt ging, selbst zu reparieren versuchte, stopfte die gesammelten Bonbons in einen Mülleimer. Genau da gehörten sie seiner Meinung nach hin.
Er kaufte uns stattdessen Nussecken und Schokolade. Wir aßen sie fernab vom Karnevalszug auf einer Bank im Park. Er fand die Musik schrecklich, wollte nicht mitsingen und auch nicht schunkeln. Er sagte: Frisa non cantat.
Ich hielt das für Platt, aber er behauptete es sei Latein. Ein Satz des römischen Geschichtsschreibers Tacitus.
Einmal versuchte Tante Mia, mit ihm und mir Karneval zu Hause zu feiern. Es war ihr letzter Versuch. Wir guckten eine Prunksitzung im Fernsehen. Es gab Erdbeerbowle. Auf dem Tisch lagen Luftschlangen. Sie erklärte ihm die Gags, über die er nicht lachen konnte.
Tante Mia warf Konfetti in die Luft und rief: „Stimmung!“
Ich fand sie ziemlich ausgeflippt und lustig. Onkel Warfsmann holte den Staubsauger und begann tatsächlich, den Wohnzimmerteppich zu saugen. Tante Mia stellte den Fernseher lauter.
Die nächsten tollen Tage erlebten wir als Karnevalsflüchtlinge in Norddeich. Statt Kamelle gab es Fischbrötchen. „Damit würde nie einer werfen,“ sagte Onkel Warfsmann. „Die sind viel zu gut.“
