Oldenburg - Wenn sie an den Sommer denkt, schießen Julia Möhwald die Tränen in die Augen. Der 31. Juli wird ihr letzter Arbeitstag als Drittkraft in der Kita Bloherfelde sein, dann muss sie gehen. Nicht, weil Julia Möhwald bei der Arbeit etwas falsch gemacht hat. Auch nicht, weil ihr Arbeitgeber, der Ekito-Verbund, sie nicht weiter beschäftigen will. Sondern weil dann die „Richtlinie Qualität“ des Landes Niedersachsen ausläuft. Und über diese Richtlinie wird der Job von Julia Möhwald und rund 120 weiteren Zusatzkräften in Oldenburger Kindertagesstätten finanziert.
160 Stunden Schulung
Julia Möhwald ist keine ausgebildete Fachkraft, sie ist Quereinsteigerin im Kindergarten. Fachkräfte sind nur Sozialassistenten und Erzieher. Aber ihre Arbeit als Drittkraft, als Hilfskraft, die die Fachkräfte unterstützt, liebt sie. Seit vergangenen Sommer macht sie diese Arbeit, absolviert dafür parallel eine Schulung mit 160 Unterrichtsstunden. „Mein Kurs endet Anfang Juli, mein Job endet Ende Juli“, sagt die 37-Jährige. Jetzt kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, die Dämme brechen. Natürlich hofft sie noch, so wie die anderen Drittkräfte in Oldenburg und die Arbeitgeber, dass die Richtlinie vom Land doch noch verlängert wird.
Hilfe für Erzieher
Bei ihrer Arbeit mit den Kindern fühlt sich Julia Möhwald angekommen. In ihrem Alltag mit den Kindern begleitet sie diese bei den Toilettengängen und hilft somit beim Trockenwerden, sie liest den Kindern aus Büchern vor, initiiert darüber Sprachspiele – gerade für die Kinder, die im Deutschen nicht zu Hause sind. Sie geht mit den Kindern raus, bastelt, räumt mit ihnen nach dem Essen gemeinsam den Tisch auf: „Wir müssen Alltagskompetenzen vermitteln.“
Julia Möhwald hilft auch dabei, die Gruppe aus 25 Kindern zu entzerren, damit die Fachkräfte die Möglichkeit haben, in Kleingruppen zu arbeiten und Kinder zu fördern. Nicht wenige Drittkräfte haben ihre Wurzeln in anderen Ländern und sprechen Sprachen, mit denen sie Brücken zu Kindern bauen können, die kein oder nur wenig Deutsch verstehen.
Dass sie sich jetzt schon bald arbeitssuchend melden muss, nämlich drei Monate vor dem Ende ihrer Beschäftigung in der Kita, kann Julia Möhwald nicht begreifen. Sie will nichts anderes machen. Auch ihr Arbeitgeber, der Ekito-Verband, sieht das so. Läuft die Richtlinie aus, „bricht uns da einiges weg“, sagt Marlene Kunze-Röhr, Leiterin der Kita Wundergarten im Ekito-Verband: „Wir brauchen die 3. Kraft in den Gruppen. Wir sprechen sonst nicht mehr über Bildung, sondern nur noch über Betreuung.“
Läuft die „Richtlinie Qualität“ ersatzlos aus, wird das auch den Fachkräftemangel weiter verschärfen. Denn das wäre auch das Aus für das Programm, mit dem spanische Fachkräfte nach Oldenburg geholt werden. Diese fertig ausgebildeten Fachkräfte können nicht vom ersten Tag die Verantwortung einer Gruppe mit 25 Kindern tragen, sie müssen eingearbeitet werden, besser Deutsch lernen.
Schulisch strukturiert
Alejandra Ramirez ist vor über anderthalb Jahren über das Programm in die Stadt gekommen. Die Arbeit in einem spanischen Kindergarten unterscheide sich von der in Oldenburg wie Tag und Nacht: In ihrer Heimat ist Kindergartenalltag schulisch strukturiert, hier entwickeln sich die Kinder im freien Spiel und in ihrer jeweiligen Geschwindigkeit. Am Anfang hätte sie sich deshalb die Arbeit als hauptverantwortliche Kraft in einer Gruppe nicht zugetraut, erzählt Alejandra Ramirez: „Am Anfang war es wegen der Sprache schwer. Ich habe viel von den Kollegen und den Kindern gelernt. Der Tagesablauf ist hier ganz anders, mir gefällt die Pädagogik besser.“
Nach ihrer Zeit als Drittkraft wurde sie als Sozialassistentin eingestellt und hat mittlerweile ihre Prüfung zur Erzieherin bestanden. Die 29-Jährige ist ein Beispiel für rund 70 spanische Fachkräfte im Oldenburger Stadtgebiet. Wird es weitere gehen? Läuft die Richtlinie aus, lautet die klare Antwort zumindest von Ekito-Geschäftsführer Günter Zingel: „Nein. Das war es dann, ganz klar.“
