Oldenburg - Wenn eine Komposition in nur wenigen Jahren zum anerkannten Meisterwerk wird, muss sie schon einiges an klanglichen Besonderheiten und satztechnischen Finessen enthalten, wie die 1949 geschriebene Klaviersonate von Samuel Barber. Die amerikanische Pianistin Claire Huangci sagt vor der Aufführung dieses außergewöhnlichen Werks beim von den Oldenburger Musikfreunden im Kleinen Haus des Staatstheaters veranstalteten Konzert: „Als ich die Partitur zum ersten Mal als Studentin am Curtis Institute of Music (Philadelphia) bei einer Analyse der Fuge des vierten Satzes sah, dachte ich, das kannst du nie spielen. Heute spiele ich die Sonate erstmalig öffentlich.“ Und diese Oldenburger Premiere wird zu einer grandiosen Meisterleistung.
Sinfonische Dichte
Schon im gewaltigen ersten Satz führt Claire Huangci die sich aus einer fallenden Sekunde und aufsteigenden Quarten entwickelnden Motive und Themen zu großartiger und differenzierter Klanglichkeit. Die expressionistisch anmutenden schroffen Dissonanzen zeichnet sie mit genauer dynamischer Abstufung. Im Scherzo huschen die Stimmen im bizarren Pianissimo dahin. Der wie ein Trauermarsch angelegte dritte Satz entwickelt sich aus einer ostinaten Bewegung hin zu sinfonischer Dichte.
Die Pianistin schafft es, in der komplexen, in der Rhythmik stets nach vorne drängenden Fuge, auch im dichten Geschehen ein klares Klangbild zu erhalten und gleichzeitig durch eine enorme Gestaltungskraft die Energie über mehrere finale Höhepunkte bis hin zum Schluss zu bündeln und sogar noch zu steigern.
Diese faszinierende Oldenburger Premiere wird vom Publikum begeistert gefeiert.
Eingängige Melodien
Die anschließende vor genau 100 Jahren komponierte populäre „Rhapsodie in Blue“ von George Gershwin wirkt mit ihrem Feuerwerk an eingängigen Melodien, trotz brillanter Wiedergabe, gegen Barbers Sonate eher unterhaltend, dies allerdings im besten Sinne.
Im ersten Programmteil hat die Künstlerin klassisch-romantische Fantasien zusammengestellt. Mit großer Leichtigkeit perlen die Arpeggien bei Felix Mendelssohns selten aufgeführter, ausdrucksvoller fis-Moll Fantasie. Den elegischen und dramatischen melodischen Ausdruck trifft Huangci aufs Genaueste. Ebenso bei der „Polonaise-Fantasie“ von Frédéric Chopin. Diesem letzten großen Klavierwerk Chopins, die Künstlerin nennt es seinen „Schwanengesang“, kommt ihre hervorragende pianistische Spieltechnik besonders zu Gute. Die Oktaven und das Akkordspiel gelingen mit Leichtigkeit und somit kann sich der spezielle Charakter der Melodien bestens entfalten.
Die Pianistin gestaltet diese im Ausdruck zwischen Sehnsucht, Hoffnung und froher Erwartung pendelnden Melodien mit feinem Klangsinn und tief empfundener Expressivität.
