Oldenburg - Kann das weg? Gute Frage. Belanglos sei doch der Orchesterpart in den beiden Klavierkonzerten von Frédéric Chopin, heißt es, nicht mehr als ein Klangteppich unterm virtuosen Solopart. Menachem Har-Zahav hat das im Kulturzentrum PFL vorgeführt, sich im Alleingang das e-Moll-Konzert vorgenommen und gezeigt: Das geht ohne Orchester. Doch das Aber - es verändert auch einiges am Charakter der Musik.
Kunst des Dynamisierens
Der in Deutschland lebende Amerikaner hat die Ecksätze in Chopins Opus 11 selbst bearbeitet. Die fehlende Orchester-Exposition mit drei Themen in vier Minuten muss der Pianist dann natürlich vorausspielen. Ihm bleibt da nichts anderes übrig, als massiv zu Werke zu gehen. Folglich muss dann der Solopart ohne unterlegte Streicher-Kantilenen einiges von seiner frühromantischen Zartheit abgeben. Har-Zahav gestaltet das konsequent mit kräftiger Tonbildung, mit geschleuderten Klangentladungen, mit trotzdem bezwingender romantischer Zauberkraft. Er beherrscht die Kunst des Dynamisierens und Färbens. Bei aller Griffigkeit bleibt die Musik luftig. Schade, dass der dritte Satz etwas pedantisch daherkommt, dass der aufblitzenden Krakowiak-Melodie die Schwingen fehlen.
Im Element
Die Frage, mit oder ohne Orchester, löst sich bei George Gershwins „Rhapsody in blue“ und Franz Liszts „Totentanz“ unkompliziert: Es ist egal! Gershwin hat zum mit einem Jazzorchester arrangierten Fetzer-Stück ohnehin eine Version für Soloklavier gefertigt. Dass Kenner sie für besser halten, zeigt Har-Zahav bei großem Einsatz mit Lockerheit. Er lässt das ursprüngliche Klarinetten-Glissando nicht wie eine Feuerwerks-Rakete zischen und trifft dann den Slang der Musik mit feiner Raffinesse.
Im Element fühlt sich der Pianist beim selten gespielten „Totentanz“, Liszts Paraphrase über die Melodie des „Dies irae“ aus der Totenmesse. Har-Zahav strukturiert die sechs Variationen auch ohne Unterteilung durch ein Orchester. Wo sich am Anfang im Tutti-Zusammenspiel eine nur unterschwellig bedrohliche Atmosphäre aufbauen würde, setzt er gleich auf unverdeckt aggressiven Rhythmus. Schroff lässt er Dissonanzen aufeinanderprallen. Sein Spiel ist fulminant, aber kein Blendwerk, das Konzert eine spannende Erfahrung.
Lieber Menachem Har-Zarav, trete lieber nicht zu oft mit diesem Programm auf. Es könnte Finanzminister auf dumme Gedanken bringen: Ließe sich da nicht bei den teuren Orchestern sparen?
