Die Ereignisse der letzten Tage in NRW und RP haben uns in bestürzender Deutlichkeit gezeigt, wie dramatisch Klimawandel in unser Leben eingreifen wird. Da ist es zu begrüßen, dass die Stadt als Grundlage für Entscheidungsprozesse für Versiegelung eine Kooperation mit der Jade Hochschule aufbaut und den Flächenverbrauch in Oldenburg bis 2030 auf 2 ha pro Jahr und bis 2050 auf Null reduzieren will.
Die Erkenntnis, dass Oldenburg auf der einen Seite zukünftig mit Wasserknappheit rechnen muss und andererseits auch von Starkregen bedroht sein wird, ist nicht neu, dass aber jedes 10. Haus im Land durch Starkregen bedroht ist, wie der NLWKN-Experte Uwe Petry ausführt, macht dramatisch klar, wie wichtig auch Hochwasserschutz für Oldenburg ist.
Dass der Oldenburger Rat in seiner Gesamtheit nicht eindeutig jetzt schon eine Versiegelung verbietet, die mit der geplanten Bebauung am Schützenweg schon fast die angestrebte Zielmarke von 2 ha pro Jahr erreicht, bleibt unverständlich. Insbesondere auch deshalb, weil eben dieses Gebiet als starkregengefährdet ausgewiesen ist und als Untergrund eine Tonlinsenbeschaffenheit aufweist, die eine schnelle Versickerung des Regens in tiefere Schichten verhindert. Überschwemmungen in diesem Gebiet sind nicht nur Prognose, sondern haben schon stattgefunden.
Auch in diesem Sinne hätte der Antrag der Fridays for Future (FFF) der Stadt gut zu Gesicht gestanden, dass die Schaffung von Wohnraum und weiterer Stadtverdichtung nur auf bereits „versiegelten oder Freiflächen“ erfolgen soll, „Grünflächen und Gärten“ aber verschont bleiben. Leider ist diese Einschränkung entfallen. Dann kann es sich ein Investor auch erlauben, 5400 qm Wald ohne Genehmigung zu roden.
„Bis 2050 den Netto-Flächenverbrauch auf Null“ – das heißt, B-Pläne aufheben, keine 34-er Genehmigung, keine neuen Windkraftanlagen, keine neuen Kitas, Schulen, Krankenhäuser etc. Aber es sind drei Milliarden zusätzliche Menschen vorgesehen. „Gehet hin, mehret euch und macht euch die Erde untertan“. Passt.
Wie in der Starkregengefahrenkarte für die Stadt Oldenburg ersichtlich ist, liegt auch das Diakoniegelände am Schützenweg im Stadtteil Haarentor in einem hiervon betroffenen Gebiet. Angesichts der problematischen Hochwassersituation in Südwestdeutschland, sollte man auch hier, auf dem Diakoniegelände, eine weitere Versiegelung vermeiden, um bei zukünftig wohl vermehrt auftretenden Starkregenereignissen genügend Retentionsraum vorhalten zu können und auch im städtischen Bereich eine optimale Grundwasser-Neubildungsrate zu erhalten.
Die Fridays-for-Future greifen diese Thematik ebenfalls auf, indem sie empfehlen, zukünftig nur noch auf zuvor entsiegelten Flächen und auf Industriebrachen-Freiflächen zu bauen, und nicht mehr Grünflächen und Gärten zu verbrauchen. So ist auch der hintere Teil des Diakoniegeländes am Schützenweg niemals flächig versiegelt worden und ist mit einem fast ein Hektar großen natürlichen Sukzessionswald bewachsen, von dem leider schon die Hälfte vor ca. eineinhalb Jahren (...) gerodet wurde.
Die Bedeutung dieses Waldareals als Grüne Lunge, die mittels ihrer produzierten Verdunstungskälte die zukünftig wohl noch stärker aufgeheizten Innenstadtbereiche effektiv wird runterkühlen können, ist, in Verbindung mit dem Vorhandensein von drei (!) gesetzlich geschützten Biotopen auf dem Diakoniegelände, für das Stadtviertel derart enorm, dass von der geplanten Überbauung dieses Geländes Abstand genommen werden sollte.
Es ist schon interessant, was da das Bau- und Umweltdezernat mit der Jade Hochschule in puncto Bodenversiegelung anstrebt. Umso interessanter ist es, dass parallel dazu in dieser Stadt munter weiter versiegelt wird. Als bestes Beispiel ist der kürzlich im Naturschutzgebiet „Haarenniederung“ angelegte Wanderweg. Dort hat man mal eben den natürlichen Wanderpfad, mit seinen Pfützen, feuchten Stellen und aufgeweichten Wegerändern als Schotter Steinweg „trockengelegt“. Dabei scheint den Experten entgangen zu sein, dass es sich, nach der Definition des Bundesumweltamtes, um eine Versiegelung in einem Naturschutzgebiet handelt.
In der Definition heißt es, dass bei einer Versiegelung „der Boden luft- und wasserdicht abgedeckt wird, wodurch Regenwasser nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen versickern kann und auch der Gasaustausch des Bodens mit der Atmosphäre gehemmt wird.“ Was die Experten hier völlig aus den Augen verloren haben, ist die Tatsache, dass ein sensibles Ökosystem wie die Haarenniederung die permanente Wasserzufuhr benötigt, um sich als Biotop zu regenerieren. Dadurch sichert sie zum Beispiel der Bachstelze den für diese Vogelart so wichtigen Lebensraum.
Der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies hat am 20. Juli 2021 zu Recht im Gespräch mit der Redaktion der Nordwestzeitung darauf hingewiesen, dass den Gewässern mehr Raum gegeben werden müsse. Es dürfte keinesfalls unrealistisch sein, dass es zukünftig, wie derzeit in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, auch Oldenburg zu solchen Starkregen kommt. Die Haareniederung wird dann aufgrund der Bodenversiegelung kaum mehr in der Lage sein, solch große Wassermengen aufnehmen. Folge: Das Oberflächenwasser fließt direkt in die Haaren, die ohnehin fragilen Grabensysteme können ihre Wassermengen nicht mehr an die Haaren abzuführen. Es kommt zum Hochwasser.
Und: Dieses Hochwasser ist hausgemacht, verursacht durch das Handeln von Experten! Ob dann Oldenburgs Lage, wie die Experten am 22. Juli in der Nordwestzeit versichern, immer noch von Vorteil ist, wird sich zeigen?
